Fußball

1. FC Union Berlin und Hertha BSC: Sie driften immer weiter auseinander

Der Machtwechsel im Berliner Profifußball hat sich manifestiert. Die Eisernen führen den Blau-Weißen vor, wie man mit ruhiger Hand aufregenden Fußball macht.

Markus Lotter
Markus Lotter
4 Min
Fans des 1. FC Union Berlin bringen im Olympiastadion per Banner eine Wahrheit zum Ausdruck.

Fans des 1. FC Union Berlin bringen im Olympiastadion per Banner eine Wahrheit zum Ausdruck.

© Koch/Imago

Wir schreiben das Jahr 2038. Der FC Bayern ist soeben in die Zweite Liga abgestiegen, der TSV 1860 München feiert hingegen den Einzug in die Champions League. Auch in anderen deutschen Städten wurden die vormals dominanten Klubs von über Jahre hinweg im Schatten stehenden Stadtrivalen überholt. So sind in Stuttgart die in die Bundesliga zurückgekehrten Kickers die Nummer eins in der Stadt, während sich der VfB in der Dritten Liga an einem Neuanfang versucht. Die Offenbacher Kickers machen ihre Fans glücklich, weil sie den bösen Nachbarn, die Eintracht aus Frankfurt, überflügelt haben. Und in Leipzig geht man nicht mehr zu RB, sondern zum wiederauferstandenen 1. FC Lokomotive.

Wird nicht passieren, schon klar, vor allem nicht in dieser Häufung, aber in Berlin hat sich im Frühjahr 2023 ein Machtwechsel manifestiert, der 15 Jahre zuvor noch vollkommen undenkbar war. Der 1. FC Union Berlin, der nach der Drittliga-Meisterschaft in der Spielzeit 2008/09 über viele Jahre hinweg, bis hin zum Bundesliga-Aufstieg im Frühjahr 2019, nicht mehr als ein solider Zweitligist war, hat sich nach vier Jahren des Wahnsinns für die Champions League qualifiziert, während der Hertha Berliner Sport-Club e. V., der die Spielzeit 2008/09 noch als Tabellenvierter der Bundesliga abschloss, sang- und klanglos aus der höchsten deutschen Spielklasse abgestiegen ist. Bedeutet: Während sich Union im Herbst womöglich mit Real Madrid auseinandersetzt, geht es für die Hertha nach Elversberg.

Mit Selbst-Bewusst-Sein und ruhiger Hand

Es ist phänomenal, mit welcher Rasanz die beiden Klubs in den vergangenen Monaten auseinandergedriftet sind. Wobei wir womöglich erst am Anfang eines Prozesses der gegensätzlichen Entwicklung stehen. Hier die unglaublichste Erfolgsstory in der jüngeren Geschichte der Bundesliga, dort das fortwährende Trauerspiel. Union: mit Selbst-Bewusst-Sein und ruhiger Hand vom Kiezklub zum selbstbestimmten Vorzeigeklub. Hertha: mit Hybris vom Hauptstadtklub zum fremdbestimmten (siehe Investorenabhängigkeit) Dauerkrisenklub.

Eine Stadt, zwei Extreme. Eine Stadt, die ganz gut zwei erfolgreiche rivalisierende Klubs vertragen könnte. Aber dafür sind die einen zu tumb. Ja, wer über den Einfluss der handelnden Personen auf das Wesen, das Image und das Wohl eines Klubs etwas lernen will, ist in Berlin genau richtig.

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Seit Jahren langweilen die Herthaner mit ihrem Gerede von einer Klub-DNA. Jetzt sprechen sie von einem „Berliner Weg“, den sie gehen wollen, mit dem eigenen Nachwuchs, den sie zwar immer gefördert, letztendlich aber auch immer im Stich gelassen haben. Aus der Not eine Tugend machen – das wäre im Zusammenhang mit der Alten Dame aber was ganz Neues. Hertha bleibt Hertha bleibt Hertha. 

Überrascht vom eigenen Potenzial

Die Unioner führen unterdessen auf eindrucksvolle Art und Weise vor Augen, wie durchlässig der Profifußball in Deutschland ist, schöpfen mit einer auf allen Ebenen herausragenden Personalpolitik, aber auch mit dem Mut zum Wachstum ihr Potenzial aus. Wobei sie selbst überrascht sein dürften, wie groß dieses Potenzial tatsächlich ist. Bei Union weiß man, dass man sich stetig anpassen, also auch verändern muss, um beim nächsten Schritt nicht zu stolpern. 

Und schon bald wird der 1. FC Union Berlin auch das haben, wovon Hertha BSC seit Jahren träumt: ein im Endeffekt neues, noch ein gutes Stück größeres und aus eigenen Mitteln gebautes Stadion, das einen neuen Entwicklungsschub garantiert, während man im Westen der Stadt beim Versuch eines Neustarts beziehungsweise bei der Verwirklichung des Traums von einer eigenen Arena vom Wohlwollen externer Geldgeber abhängig ist. 

Eine baldige Begegnung beider Klubs auf Augenhöhe oder gar eine baldige Wiederherstellung der früheren Kräfteverhältnisse ist fürs Erste jedenfalls unwahrscheinlich, so unwahrscheinlich wie die zum Einstieg angeführte Prognose für das Jahr 2038. Für den Moment haben Union und Hertha nur noch eines gemein: den Standort.

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