Es war eine friedliche Demonstration gegen Gewalt - mit Musik, Spezialitäten vom Grill, Getränken und so vielen Teilnehmern, dass auf der Oranienstraße oft kein Durchkommen war. Zum vierten Mal nahmen Anwohner, Gewerbetreibende und der Bezirk mit dem Myfest die Straßen Kreuzbergs in Besitz, um sie nicht wieder den "Autonomen" oder "erlebnisorientierten" Jungmännern aus Berlin und Umgebung zum Steine werfen, Läden zertrümmern oder Autoumkippen zu überlassen. Tatsächlich wurde lange friedlich gefeiert - bis es nach 21 Uhr erstmals zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei kam.Bereits gegen 18 Uhr hatte es geklirrt: In der Naunynstraße zerschlugen rund 30 Jugendliche Flaschen auf dem Pflaster - wohl, um Negativ-Stimmung zu verbreiten. Doch zu diesem Zeitpunkt konnte ein Häuflein Unruhestifter den Feiernden die gute Laune nicht verderben. Die Polizei nahm drei Jugendliche fest - und das Fest nahm weiter seinen Lauf. Es sah so aus, als ob die Störer nicht ernst genommen würden. "Dieses Myfest ist ruhig und friedvoll", sagte Kali Aktas, dem das Restaurant Mirchi in der Oranienstraße gehört. "Es ist auch erschreckend - aber nur, weil so viele Menschen hier sind." Er schaut auf den Besucherstrom, der sich an den Sesseln vorbeischiebt, auf denen Gäste das Essen und die Sonne genießen. Zum ersten Mal hat Aktas an einem 1. Mai geöffnet. Nun zahlt es sich aus, dass er wie viele andere Gewerbetreibende beim Fest dabei ist. "Die Gäste bezahlen sogar", sagt Aktas, als hätte er befürchtet, dass einige Besucher die Zeche prellen.Trotzig präsentierte Kreuzberg auf elf Bühnen und an Dutzenden von Ständen die These, dass Multikulti bereichernd sein kann. Menschen aus 54 Nationen leben in diesem Teil von Berlin. Türkische, russische, spanische, arabische Musik löste sich beim Flanieren durch die autofreien Straßen von "36" ab. Rund 100 Bands und Diskjockeys spielten auf. Imbissstände mit Fleisch, Gebäck und Obst indischer, orientalischer, vietnamesischer, thüringischer oder brandenburgischer Provenienz konkurrierten um Kundschaft. Kneipen und Restaurants wurden der Nachfrage kaum Herr. Auf dem Rasen des Oranien- und des Mariannenplatzes waren Plätze Mangelware. Türkische und arabische Jungs in schwarzen Shirts mit der Aufschrift "Protection 05" patrouillierten, um abenteuerlustige Kids von Unsinn abzuhalten. "Protection 05" ist ein vom Bezirk und der Polizei gefördertes Projekt, um junge Kreuzberger an der Gestaltung eines gewaltfreien Maifests zu beteiligen.Zwei TV-Kamerateams schleppten suchend und fluchend ihre Stative die Oranienstraße entlang, auf der Suche nach Maikrawall-Motiven. Zumindest für die Nachmittagsnachrichten wurden sie nicht fündig. Bis auf ein Transparent militanten Inhalts quer über die Oranienstraße ("Keine Befreiung ohne Revolution!") gab es keine Anzeichen, die auf eine Fortsetzung der alten Randalerituale hinwiesen.Die Polizei trat auffallend unauffällig auf, ganz auf Deeskalation getrimmt. Dass für den Fall von Ausschreitungen eine Streitmacht von rund 6 000 Polizisten mit Helmen und Schlagstöcken bereitstand, bemerkten Besucher erst nach langem Suchen. Die "Wannen" waren dezent in Gewerbehöfen geparkt oder außerhalb des Veranstaltungsgebietes rund um Oranienstraße, Heinrichplatz, Mariannenplatz und Kottbusser Tor aufgereiht. Bei der lauten Musik fiel vielen Festgästen gar nicht auf, dass ein Polizei-Hubschrauber über Kreuzberg kreiste. So blieb die Atmosphäre entspannt. "Wir ernten die Früchte von vier Jahren gemeinsamer Arbeit im Myfest-Netzwerk. Unpolitisch ist dieses Fest aber nicht, weil sich junge Menschen über ihre Musik artikulieren", sagte die Bezirksbürgermeisterin, Cornelia Reinauer (Linkspartei). "Die Deeskalation hat stattgefunden, weil auch die türkischen Freunde ihre Stände auf den Straßen aufgebaut haben", freute sich Jürgen Böhm, der Wirt von Kuchen Kaiser am Oranienplatz. "Es ist absolut friedlich. Dieser Kiez regelt sich selbst." Bis zum späten Abend behielt er Recht.------------------------------Foto: Na denn, guten Appetit! Einer von vielen Imbissverkäufern versorgt die meist ziemlich hungrigen Besucher des Kreuzberger Myfests mit frischem Grillgut.------------------------------Foto: Auf dem Mariannenplatz warben viele Gruppen für ihre Ziele - auch für den Weltfrieden. Rund 70 Initiativen und Gewerbetreibende trugen zum Fest bei.------------------------------Foto: ... und gute Unterhaltung gab's auch! Ein Kleinkünstler.
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