100 000 Radler kamen zur Sternfahrt - und standen auch mal im Stau

Picknick auf der Avus

Dilek Güngör Thorkit Treichel
5 Min

Im Stau auf der Avus zu stehen, ist nichts Besonderes. Mit dem Fahrrad aber schon. Zur 27. Fahrrad-Sternfahrt wählten gestern tausende Teilnehmer die Route über den Autobahnabschnitt. "Auf der Autobahn ohne Autos, das ist das Schönste", sagte Renate Schneider, Gelegenheits-Radfahrerin aus Steglitz. Sie war am S-Bahnhof Zehlendorf gestartet, einem von 56 Treffpunkten, und dann über die Spanische Allee zur Autobahn gefahren. Vor der Auffahrt trafen Fahrradfahrer aus drei Richtungen zusammen. Und daher steckten gestern nicht nur die Autofahrer entlang der 13 Routen im Stau. Auch die Radfahrer mussten sich vor der Autobahnauffahrt gedulden, und dann noch einmal auf der Avus am Funkturm-Dreieck. Dort nutzten viele die Pause für ein spontanes Picknick, bevor sie die Autobahn wieder verließen, um dann auf der Bismarckstraße über den Ernst-Reuter-Platz bis zum Ziel am Großen Stern zu radeln.Rund 100 000 Berlinerinnen und Berliner nahmen nach Angaben des Veranstalters, des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), an der Sternfahrt teil - und trotz der Staus waren es nicht mehr als im vergangenen Jahr. Damit hatte der Landesvorsitzende des ADFC, Benno Koch, gerechnet "Aber für einen neuen Teilnehmerrekord war es vielleicht fünf Grad zu warm", sagte er gestern Nachmittag. "Viele Leute sind die Route nicht bis zum Ende gefahren, sondern vorher am Eisladen abgebogen oder sie haben den Sonntag gleich am See verbracht." Enttäuscht war Benno Koch aber nicht darüber. "Die Veranstaltung hat wieder gezeigt, dass das Fahrrad für viele Berliner ein vollwertiges Verkehrsmittel ist. Und das ist die wichtigste Botschaft."Eine Botschaft benötigt die Sternfahrt auch, denn der ADFC meldet sie stets als politische Demonstration an, auch wenn sie eher an einen Familienausflug erinnert. Koch sagte, die Fahrt sei die weltweit größte Fahrraddemo. In diesem Jahr stand sie unter dem Motto "Respekt für Radler". Der ADFC fordert mehr und vor allem auch bessere Radwege. 753 Kilometer Radwege gibt es derzeit in Berlin. "Aber zwei Drittel entsprechen nicht den Kriterien der Straßenverkehrsordnung", sagte Koch. Diese schreibt seit 1997 eine Breite von mindestens 1,50 Metern vor, eine ebene Oberfläche und gute Sicht im Kreuzungsbereich. "Da gibt es noch viel Nachholbedarf", so Koch. Der ADFC-Vorsitzende räumte aber auch ein, "dass der Fahrradverkehr in Berlin eine ganz gute Entwicklung nimmt". Fünf Millionen Euro stellt das Land in diesem Jahr für Radwege zur Verfügung. Damit ist dieser Posten der einzige im Haushalt, bei dem die Mittel nicht gekürzt, sondern sogar verdoppelt wurden. "Allerdings", sagte Koch, "umfasst das Gesamtbudget für Verkehr 500 Millionen Euro. Und immerhin sind bis zu 500 000 Berliner täglich mit dem Rad unterwegs."Fahrräder - auch mal anders // Bettina Schmidt: Normalerweise brauchen wir mit dem Rad eineinviertel Stunden von Oranienburg bis hierher in Berlins Mitte. Wir mussten aber hinter der Polizei im Korso fahren und es ging kaum voran. Auf dem Rückweg werden wir alleine zurückfahren. Unser Tandem haben wir erst seit drei Monaten und wir sind häufig damit unterwegs. Selbst lange Strecken sind kein Problem damit. Neulich sind wir 70 Kilometer gefahren. Die Sternfahrt ist für uns ein Training für unsere Urlaubs-Routen. Wir wollen in Deutschland die Flusslandschaften kennen lernen und verschiedene Kanäle abfahren. Auf dem Tandem müssen beide im selben Tempo in die Pedale treten. Man merkt sofort, wenn der eine aufhört. Dann muss man gleich Druck machen. Meistens ist Jörg derjenige, der antreibt.Marcel Kröner: So ein Rad nennt man Lastenrad. Wir haben kein Auto, deshalb ist es sehr praktisch. Einkäufe für das Wochenende mache ich immer mit dem Rad. Ich kann hier sogar meine beiden Töchter hineinsetzen. Es gibt eine kleine Bank darin. Ich habe schon zwei Säcke Kohle transportiert, ich hatte auch schon drei Erwachsene drin. Man kann die Kiste mit einen Deckel verschließen und gegen Regen gibt es eine Haube. Selbst wenn das Rad schwer beladen ist, lässt es sich leicht fahren und lenken. Wenn man im ersten Gang anfährt, ist es ganz einfach. Leute, die zum ersten Mal darauf sitzen, finden die Lenkung eher zu locker. Aber man bekommt ganz schnell ein Gefühl dafür. Ich darf das Rad auch bei uns im Hausgang unterstellen, die Nachbarn haben nichts dagegen.Hartmut Semken: Das ist nicht nur ein Liegerad, es ist ein Liege-Trike, weil es drei Räder hat. Beim Anfahren ist es nicht so wacklig wie ein Liegerad auf zwei Rädern. Das Gute an einem Liegerad ist, dass man kaum Windwiderstand hat. Wenn ich irgendwo an der Ampel stehe, kommen oft Sprüche wie: "Na, liegst du gut?" Aber es ist wirklich so bequem, wie es aussieht. Sogar meine Mutti fährt gern damit, ich muss es nur ein wenig kürzer einstellen für sie. Ich habe noch ein Klapprad, das nehme ich mit, wenn ich verreise. Wenn es damals schon klappbare Liegerräder gegeben hätte, als ich dieses gekauft habe, hätte ich so eines sofort genommen. Denn seit ich Probleme mit einem Rücken habe, kann ich auf einem normalen Rad nicht lange sitzen. Mit dem Liegerad ist es kein Problem.DPA/WOLFGANG KUMM Einer von hunderttausend. Auf den Straßen waren Fahrradfahrer gestern für ein paar Stunden in der Mehrheit.BLZ/MAX LAUTENSCHLÄGER(3) Hartmut Semken aus Friedrichshain fährt im Liegen.Marcel Kröner kam aus Pankow mit seinen beiden Töchtern.Bettina und Jörg Schmidt aus Oranienburg.

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