Zum ersten Mal in der Geschichte ihrer El-Niño-Prognosen hat sich die Weltwetterorganisation (WMO) auf eine Zahl festgelegt, die kaum Spielraum lässt: nahezu 100 Prozent. So sicher ist, dass das Wetterphänomen im Pazifik bis Februar 2027 anhält und vorher noch stärker wird. Die Folgen reichen von Dürren in Australien bis zum Kakaopreis im Berliner Supermarkt.
Der Ort des Geschehens ist ein Streifen Ozean am Äquator, rund 5000 Kilometer lang, von der peruanischen Küste bis zur Datumsgrenze. Dort liegt das Oberflächenwasser gut zwei Grad über dem Normalwert.
Der eigentliche Vorrat steckt tiefer. Unter der Oberfläche war das Wasser im Juli und Anfang August stellenweise mehr als acht Grad zu warm. Diese Wärme arbeitet sich nach oben, und sie reicht für Monate.
„Außerhalb der Skala“: Was Genf am Donnerstag sagte
Das El Niño/La Niña Update der WMO fasst die Rechnungen aller großen Klimazentren zusammen. Die seit Tagen erwartete Ausgabe vom Donnerstag fällt aus dem Rahmen: So unmissverständlich hat sich die Organisation noch nie festgelegt.
Sollte der Trend anhalten, liege das Ereignis „buchstäblich außerhalb der Skalen, die wir in den vergangenen vier Jahrzehnten verwendet haben“, sagte WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo in Genf. UN-Generalsekretär António Guterres sieht den Planeten „in unbekannten Gewässern“.
Warum die Passatwinde über alles entscheiden
Normalerweise schieben die Passatwinde warmes Oberflächenwasser nach Westen Richtung Indonesien, vor Südamerika strömt dafür kaltes Tiefenwasser nach oben. Der Pazifik verhält sich dabei wie eine Badewanne, an deren einem Ende jemand dauerhaft schiebt.
Lässt der Druck nach, schwappt die Wärme zurück nach Osten. Über der Warmzone türmen sich Gewitterwolken auf und setzen beim Kondensieren gewaltige Wärmemengen frei. Das verschiebt die tropische Zirkulation, und die verschiebt am Ende den Jetstream.
Gemessen wird das im Index Niño 3.4: von Mai bis Juli im Schnitt 1,5 Grad über dem Normalwert, im Juli 2,0 Grad, in den Wochenwerten bis Mitte August 2,2 bis 2,6 Grad. Als sehr stark gilt ein Ereignis ab zwei Grad. Genau dort endet die Intensitätsskala des Instituts IRI an der Columbia University – der Pazifik liegt bereits über ihrer obersten Kategorie.
Das Christkind, das die Sardellen vertrieb
Den Namen verdankt das Phänomen peruanischen Fischern. Ihnen fiel über Generationen auf, dass das Meer ausgerechnet zur Weihnachtszeit warm wurde, das Plankton abstarb und die Sardellen abwanderten. El Niño de Navidad, das Christkind.
Der Zyklus wiederholt sich alle zwei bis sieben Jahre und dauert neun bis zwölf Monate. Er entsteht unabhängig vom Klimawandel, trifft aber auf eine Atmosphäre, die ohnehin wärmer ist als je zuvor in den Messreihen.
Panamakanal und Weizenernte: Wer es abbekommt
Für September bis November sagt die WMO über fast allen Landflächen der Erde überdurchschnittliche Temperaturen voraus, dazu Trockenheit in Australien, Indonesien und im südlichen Afrika und mehr Regen in Ostafrika, an der Westküste Südamerikas und im Süden der USA.
Konkret heißt das: Australien droht ein Einbruch der Weizenernte. Der Panamakanal senkt die buchbaren Durchfahrten ab September ab, weil dem Gatún-See das Wasser fehlt. Rund fünf Prozent des Welthandels laufen durch diese Schleusen.
Das Ereignis von 1997/98 gilt bis heute als das schwerste. Je nach Studie werden ihm 33 bis 36 Milliarden Dollar Schaden und mehr als 22.000 Todesopfer zugerechnet.
Europa liegt außerhalb dieser Muster. Der Deutsche Wetterdienst hat den Fall Ende August durchgerechnet: Aus einem starken El Niño allein lasse sich kein kalter Winter in Europa ableiten. El Niño verschiebt das Weltwetter. Den deutschen Winter entscheidet er nicht.
Kakao, Kaffee, Reis: Was 2027 teuer wird
Hierzulande wird das Ereignis vor allem über die Rohstoffmärkte spürbar. Seit Anfang Juni ist der Kakaopreis um rund 37 Prozent gestiegen, Arabica-Kaffee um etwa 26 Prozent. 2023/24 hatte sich der Kakaopreis auf über 10.350 Euro je Tonne verdreifacht.
Die Europäische Zentralbank berechnete 2023, dass ein starkes Ereignis die globalen Lebensmittelrohstoffpreise um bis zu neun Prozent anheben kann, mit bis zu zwei Jahren Nachlauf. Im Risiko stehen vor allem Reis, Zucker und Palmöl.
Auch die Temperatur reagiert verzögert: Meist ist das Jahr nach dem Ereignis das wärmere. Auf den El Niño von 2023/24 folgte 2024 als bislang heißestes Jahr, rund 1,6 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Saulo sagte in Genf, man solle sich nicht wundern, wenn dieser Rekord falle.
Die nächste amtliche Zahl kommt am 10. September, wenn das US-Klimavorhersagezentrum CPC seine ENSO-Diagnose veröffentlicht.
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