Natur

Umgeben von Seeadlern, Fischottern und wilden Katzen: Diese Tiere leben in Berlin

Viele haben schon von Berlins Big Five gehört. Aber wussten Sie auch, wo der Biber lebt und wie viele wilde Katzen sich hier rumtreiben? Wir haben’s herausgefunden.

Nicole Schulze
11 Min
Seeadler sind wunderschöne, aber auch extrem seltene schutzbedürftige Vögel.

Seeadler sind wunderschöne, aber auch extrem seltene schutzbedürftige Vögel.

© imago/blickwinkel

Dass Wildtiere auch zu Berlin gehören, können wir alle jeden Tag sehen: Tauben, Spatzen, Igel, Schnecken, Bienen und Hummeln, Eichhörnchen, Nebelkrähen – aber auch Ratten und Mäuse begegnen uns manchmal häufiger als uns lieb ist. Und von Bettwanzen gibt es sowieso mehr als genug.

Zu den Big Five der Hauptstadt zählen laut Stiftung Naturschutz das Wildschwein, der Fuchs, der Steinmarder, das Kaninchen und der Waschbär. Abgesehen vom Kaninchen vielleicht möchte man die anderen vier eher nicht im Garten, am Haus oder Auto haben, weil sie auf der Suche nach Nahrung oder Unterschlupf Schäden anrichten können.

Während also einige der urbanen Wildtiere mit Ekel und Ärger assoziiert sind, so leben doch viele unter uns, die niedlich oder beeindruckend sind und deren Vorkommen hierzulande überrascht. Und manchmal geht auch beides Hand in Hand: Man kann einen Waschbären süß finden – ihn aber trotzdem nicht in der Nähe haben wollen.

„Insgesamt 59 wilde Säugetierarten leben in der deutschen Hauptstadt“, schreibt die Stiftung Naturschutz. Dazu zählen auch Fledermäuse, die man ab der Dämmerung unterschiedlich gut beobachten kann. Und: „Allein 133 Vogelarten brüten hier: Habichte, Dohlen, Waldohreulen, Rotkehlchen.“

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Zugleich sterben aber auch immer wieder Tierarten bei uns aus, weil Lebensräume verschwinden. Seit Kurzem gilt die Schleiereule in Berlin als ausgerottet, ebenso der Laubfrosch und auch der Rotmilan. Dennoch leben viele seltene Tierarten in Berlin.

Die Wachtel: Ein Berliner Huhn auf Reisen

„Sie sind in etwa so groß wie eine Amsel und damit unsere kleinsten Hühnervögel. Auch wenn man sie kaum fliegend sieht, ziehen sie im Winter ganz heimlich sogar bis nach Afrika“, schreibt der NABU über Wachteln. Die beigebraunen Vögel sind gut getarnt und scheu. Im November starten sie Richtung Süden und kommen erst im März wieder zurück zu uns. Sie mögen es warm und ungestört.

Eigentlich sind sie bei uns ausgestorben, sagt Berlins Wildtierreferent Derk Ehlert: „Sie tauchen ab und zu mal auf. Mit etwas Glück kann man sie manchmal im Frühjahr auf dem großen Freigelände des Tempelhofer Feldes hören.“

Wachteln bevorzugen „Getreidefelder und brache Wiesen mit Klee oder Luzernen“, so der NABU. „Die Nahrung besteht aus Sämereien, Getreidekörnern und Insekten.“ Zu sehen bekommt man sie fast nie, aber hören geht: „Der Wachtelschlag, der typische Ruf des Männchens, ist ein weithin hörbares wiederholtes ‚pick we rick‘“, erklärt der NABU. „Das Weibchen antwortet weich mit ‚gru gru‘.“ Die größten Chancen, Wachteln zu hören sind während der Dämmerung im Frühling und Sommer.

Tausende verwilderte Hauskatzen in Berlin

Laut NABU Berlin leben bei uns um die 10.000 verwilderte Katzen. Das sind zwar nur Schätzungen, aber Tatsache ist auch: Wer in bestimmten Kiezen der Stadt unterwegs ist und die Augen offen hält, wird Streuner zu sehen bekommen. Sie leben bevorzugt in Hinterhöfen oder Industriebrachen, auf Friedhöfen ebenso wie in Schrebergärten. Klassische Wildkatzen sind bei uns nicht heimisch, leben in vereinzelt in Brandenburg und mögen Waldränder.

„Das Beutespektrum der Hauskatzen entspricht dem der Wildkatze und umfasst alle erlegbaren kleinen bis mittelgroßen Wirbeltiere, dazu in geringen Mengen Insekten. Wildkatzen erbeuten in der Regel zu über 90 Prozent Nagetiere“, schreibt der NABU Berlin. „Bei Hauskatzen dürfte die Zusammensetzung der Beute je nach Verfügbarkeit schwanken; einige Studien berichten von 20 oder sogar über 40 Prozent Vogelanteil, wobei die festgestellten Arten fast das gesamte Spektrum der kleinen und mittelgroßen Singvögel umfassten.“

Die Tierschutzbeauftragte des Landes Berlin bittet darum, „Hinweise auf Futterstellen oder Kolonien freilebender Katzen im Stadtgebiet“ zu melden. Hierbei geht es nicht ums Bekämpfen frei lebender Katzen, sondern um die Grundlage für den Erlass zur Katzenschutzverordnung.

Der Seeadler zieht über der Hauptstadt seine Bahnen

Man hält es kaum für möglich, aber tatsächlich lebt der Seeadler auch in Berlin. Noch vor nicht allzu langer Zeit galt er deutschlandweit als nahezu ausgestorben. Doch Schutzmaßnahmen von Naturschutzorganisationen und -behörden haben zur Folge, dass sich die Bestände erholt haben.

„Der größte Adler Europas reagiert empfindlich auf Umweltbelastungen und wird daher in seiner Gesundheit und Populationsentwicklung überwacht“, teilt das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung mit. „Der Seeadler als Indikatorart reflektiert wie kaum ein anderes Tier den Zustand und Umgang des Menschen mit der Natur.“

Zu erkennen ist das majestätische Tier an seinem grau-braunen Gefieder, dem mächtigen gelben Schnabel und einer imposanten Flügelspannweite von bis zu 2,40 Meter. Von unten betrachtet sehen die Flügel dunkler und der Kopf heller aus – sehr markant. Und: Er segelt, nutzt zum Fliegen die Thermik.

Derzeit sollen vier Seeadlerpaare in der Hauptstadt leben. Vergangenes Jahr brütete eines davon am Müggelsee. Die streng geschützten Greifvögel bevorzugen – wenig überraschend – Standorte in Wassernähe, bauen ihre Nester aus Stöcken und Reisig hoch oben auf alten Bäumen.

Experte Ehlert erklärt: „Man kann Seeadler auch an der Unterhavel in Spandau, am Tegeler See oder auch im Nordosten Berlins sehen. Selbst über dem Tiergarten habe ich schon mal einen beobachtet. Sie sind hier in Berlin eher selten. Die Vögel können weite Strecken fliegen.“ Sein Tipp: Wenn die Vögel auf dem Wasser plötzlich unruhig werden, wegfliegen, sich verstecken, dann könnte das auch an Seeadlern liegen, die am Himmel ihre Kreise ziehen.

Psst: Diese Zikaden gibt es nur in Berlin

Na, wenn das mal kein außergewöhnlicher Berlin-Rekord ist! Deutschlandweit gibt es die beiden Zikadenarten Schmuckseggenzirpe und Braune Kragenzirpe nur in Berlin – nirgends sonst. Die Hauptstadt habe daher „eine besondere Verantwortlichkeit“, so die Senatsumweltverwaltung. Beide gelten laut Roter Liste als sehr beziehungsweise extrem selten.

Die letzte Auflistung stammt allerdings aus dem Jahr 2017. Dort heißt es, dass die Schmuckseggenzirke 1983 in Biesdorf gefangen und nachgewiesen wurde. Sie gleicht einem Garshüpfer. Ein Foto gibt es nicht.

„Die Braune Kragenzirpe wurde seit 2009 mehrmals auf dem ehemaligen Flugfeld Johannisthal gefunden, außerdem 2015 in der Wuhlheide in Karlshorst und im Grenzstreifen bei Frohnau“, heißt es in der Roten Liste. Sie sieht auf den ersten Blick ein bisschen wie ein Mai- oder Junikäfer aus und mag sandige, trockene und warme Gegenden mit einigen Laubbäumen.

Die Wahrscheinlichkeit, eine dieser mega-super-seltenen Zikaden zu sehen, ist also quasi gleich null – zumal, wenn man sich nicht genau mit Insekten auskennt. Zikaden haben Saugrüssel, mit denen sie sich von Pflanzensäften ernähren. Sie sind eine Nahrungsgrundlage für viele Tiere wie Spinnen und Vögel.

Berlin Tag und Nacht: Der Biber lebt mitten in der City

„Dass es den Biber in Berlin wieder gibt, ist eine Errungenschaft des Naturschutzes“, so NABU-Expertin Einöder. „Er war fast ausgerottet, aber durch Renaturierungsmaßnahmen fühlt er sich wieder wohl und lebt relativ häufig an größeren Gewässern wie dem Müggelsee.“

Zudem gibt es Biber-Ansiedlungen, sogenannte Reviere, im Schlosspark Charlottenburg, im Tiergarten, am Plötzensee sowie an der Rummelsburger Bucht. „Er lebt aber auch in der Jungfernheide sowie im Treptower Park“, weiß Wildtierreferent Ehlert. „Das hätte vor 30 oder 40 Jahren kaum jemand für möglich gehalten.“

An begradigten Flüssen fühlt der Biber sich nicht so wohl. Was soll er auch mit den Betonwänden machen? Gesichtet wurde er dennoch am Teltow- und am Landwehrkanal (Höhe Salzufer).

Hauptsächlich braucht der Biber Holz und Verstecke, kann sich aber an Land wie auch im Wasser gut fortbewegen. Der BUND schätzt, dass es um die 100 Tiere in der Hauptstadt gibt. Biber sind dämmerungsaktiv, weshalb man sie tagsüber eigentlich nie zu sehen bekommt. Am späten Nachmittag oder in den frühen Morgenstunden kann man Glück haben.

Der Wiedehopf hat sich am Flughafensee niedergelassen

Eigentlich war der Wiedehopf in Berlin ausgestorben. Früher lebte der Vogel mit dem schwarz-weißen Gefieder und flammend-orangefarbenem Federschopf im Tiergarten, verschwand in den 1980ern zunehmend und wurde seit 1993 nicht mehr gesichtet. „Das lag an der Wegnahme seines Lebensraums“, weiß Experte Ehlert. „Der Wiedehopf  mag abwechslungsreiche Lebensräume wie Obstbaumwiesen, frisst überwiegend Insekten. Es gab ihn mal überall bei uns. Heutzutage ist er sehr selten und streng geschützt.“

Seit wenigen Jahren gibt es ihn aber wieder in der Hauptstadt – und zwar am Flughafensee, einem künstlich angelegten See unweit des ehemaligen Flughafens Tegel. Er ist mit bis zu 34,3 Metern Tiefe der tiefste See der Hauptstadt.

Der Wiedehopf war der Vogel des Jahres 2022. Und zufälligerweise nistete er in jenem Jahr in den vom NABU installierten Brutkästen am Flughafensee. Neun Jungtiere schlüpften. „Dass sich eine in Berlin als ausgestorben geltende Art am Flughafensee ansiedelt, zeigt, wie wertvoll dieses Gebiet ist“, teilt der NABU Berlin mit.

Die Naturschützenden bitten darum, das Areal nicht zu betreten: „Das Vogelschutzreservat am Flughafensee ist nicht öffentlich zugänglich. (…) Störungen können Vögel dazu bringen, Gelege oder Jungtiere aufzugeben. Mit etwas Geduld lassen sich die Wiedehopfe vom Wanderweg entlang des Zauns beobachten.“

Aber: „Der Wiedehopf dürfte Europa jetzt schon verlassen haben. Er ist ein Zugvogel“, weiß Ehlert. Im Frühjahr, wenn der Vogel zurückkehrt, können Sie ihn mit ein wenig Glück auch an den Gosener Wiesen (Köpenick) sowie in Brandenburg in der Schönower Heide (Barnim) sowie der Döberitzer Heide (Havelland) beobachten.

Die Kreuzkröte: Hassobjekt und Faszinosum

Wer Pankower Tor sagt, wird im nächsten Atemzug garantiert auch die Kreuzkröte erwähnen: Seit gefühlt tausend Jahren zieht sich der Streit, bei dem auch die Politik mitmischt, zwischen Investor Kurt Krieger und dem NABU Berlin hin. Er will ein neues Stadtquartier zwischen dem Bahnhof Pankow und Heinersdorf errichten. Dort, wo mittlerweile ein vollkommen wildes Stück Natur entstanden ist, sollen Wohnungen, Schulen und Geschäfte entstehen.

Das Problem: Die Kreuzkröte wohnt schon dort. „Und es ist die einzige Population Berlins“, erklärt NABU-Referentin Einöder. „Zudem ist es eine nach Bundes- und Europarecht streng geschützte Art. Ein Recht, das wir verteidigen. Der Denkmalschutz oder Brandschutzmaßnahmen werden ja auch nicht einfach über Bord geworfen.“

Tja, die Kreuzkröte hat keine besonders große Lobby. Sie eignet sich nicht zum Maskottchen, ist mit ihren Glubschaugen und der warzigen Haut nicht possierlich anzusehen, wobei sich wahrscheinlich auch da die Geister scheiden.

Weil der Mensch ihre natürlichen Habitate – sandige Fluss- und Bachauen – weitgehend zerstört hat, gibt es die Kreuzkröte kaum noch, außer eben in „menschengemachten Habitaten wie auf städtischen Brachen, Bahngeländen oder in Kiesgruben“, so der NABU Berlin.

Als Laichgewässer dienen der Pankower Kreuzkröte die großen knietiefen Pfützen und Tümpeln. Mehrere hundert der Amphibien sollten am Pankower Tor leben. Beobachten kann man sie nicht, weil das Gelände in Pankow eingezäunt und eben privat ist. Zudem ist es verboten, die Kreuzkröte in ihrem Habitat zu stören. „Zuerst gesichtet wurde sie hier 2011, einzelne Hinweise gab es schon früher, und wir gehen davon aus, dass sie eigenständig über die Bahntrasse zugewandert ist“, so die NABU-Expertin. Ob es irgendwann eine Einigung zur Umsiedelung gibt und wo das sein soll, ist derzeit noch völlig unklar.

Der scheue Fischotter mag die Rummelsburger Bucht

Im naturnahen Teil der Rummelsburger Bucht, dort also, wo nicht alles zugemauert und schnieke ist, lebt (mutmaßlich) einer der scheuesten Mitbewohner Berlins: der Fischotter. „Er fühlt sich dort wohl, wo das Ufer nicht bebaut und die Wasserqualität gut ist“, weiß Einöder.

So ein Ort ist die kleine Insel Kratzbruch (80 mal 40 Meter), die unter Naturschutz steht und nicht betreten werden darf. Von der Halbinsel Stralau aus ist sie gut zu sehen, im Sommer dicht bewachsen mit Bäumen und Sträuchern.

Einmal im Jahr wird die Insel, in deren Mitte ein Teich ist, von NABU-Aktiven der AG Rummelsburger Bucht und Vertretern der Naturschutzbehörde besucht, um sozusagen nach dem Rechten zu sehen. Im Februar 2020 wurden dabei Fischschuppen und Kothäufchen entdeckt, die, nun ja, sehr speziell müffelten. „Kein Zweifel, auf dem Inselchen war ein Fischotter zu Gast gewesen“, schreibt der NABU Berlin.

Laut Senatsumweltverwaltung werden jährlich drei bis vier Fischotter-Sichtungen im Stadtgebiet dokumentiert, unter anderem am Tegeler See, am Müggelsee sowie im Wuhletal. Das heißt aber nicht, dass sie Tiere auch alle fest hier leben, wie Wildtierreferent Ehlert weiß: „Der Fischotter pflegt ein großes Revier. 15 Kilometer sind keine Seltenheit. Er lebt sehr heimlich und ist schwer zu beobachten.“

Dass wir überhaupt von Sichtungen wissen, liegt laut Ehlert an den von Stadtnatur-Rangern aufgestellten Wildtierkameras. Vor etwa drei Jahren wurde in Hobrechtsfelde (nördliches Pankow) ein totes Jungtier entdeckt. Woher es stammte, ob aus Brandenburg oder Berlin, ist unklar.

Im Übrigen ist Fischottern die Wasserqualität ziemlich egal. „Sie brauchen einen Austritt, ausreichend Nahrung und Versteckmöglichkeiten“, fasst Ehlert zusammen.

So oder so: Fischotter sind scheu und dämmerungs- beziehungsweise nachtaktiv. Sie müssen sich also sehr große Mühe geben und ebenso großes Glück, wenn Sie einen in freier Wildbahn sehen wollen. Unmöglich ist es aber nicht.

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