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Seit Beginn des Krieges in der Ukraine haben zahlreiche Kommentatoren Parallelen zum Ersten Weltkrieg gezogen. Während viele Beobachter des heutigen „modernen, von Drohnen übersäten Schlachtfeldes“ solche Analogien als überholt abtun, stechen einige Vergleiche deutlich hervor, und verdienen eine genauere Betrachtung.
Trotz aller Unterschiede in Politik und Technologie handelt es sich beim aktuellen Konflikt eindeutig um einen Zermürbungskrieg; genau wie einst im Ersten Weltkrieg. Zwei historische Berührungspunkte rücken dabei besonders in den Fokus: die russische Herangehensweise an die Kriegsführung sowie die Erfahrungen an der Westfront im letzten Kriegsjahr.
Die heutige Strategie Russlands, entlang der gesamten Frontlinie nach Schwachstellen zu suchen, bevor größere Truppenverbände eingesetzt werden, erinnert stark an die Brusilow-Offensive von 1916, eine der erfolgreichsten Operationen des Ersten Weltkriegs. Die aktuelle Taktik des russischen Militärs deutet auf eine bemerkenswerte Kontinuität mit der Vergangenheit hin. Man könnte vermuten, dass sich heutige russische Generäle im Hauptquartier der zaristischen Armee in Luzk (heute Westukraine) ausgesprochen heimisch fühlen würden, genau dort, wo 1916 der Durchbruch durch die österreichisch-ungarischen Linien gelang. Wer verstehen will, wie Moskau Krieg führt, mit all seinen Stärken und Schwächen, muss sich ernsthaft mit historischen Feldzügen auseinandersetzen.
Die Westfront von Ende 1918 bietet vielleicht die relevanteste historische Analogie zur aktuellen Lage der Ukraine. Wie der renommierte britische Historiker David Stevenson kürzlich in einem Seminar feststellte: „Der Waffenstillstand von 1918 kam nicht im Rahmen eines allgemein erwarteten Zeitplans, selbst unter denjenigen, die dem Konflikt am nächsten standen.“ Tatsächlich debattierte die britische Regierung noch im Herbst 1917 über den Bau neuer Schlachtschiffe, da sie mit einem Krieg rechnete, der sich bis über das Jahr 1920 hinaus hinziehen könnte.
Deutsche Soldaten in Schützengräben an der Westfront
© Gemini/imago
Die Ukraine nutzt die städtischen Trümmer zur Verteidigung
Heute erstrecken sich die russischen Angriffe über die gesamte Frontlinie, die zum Großteil aus befestigtem Stadt- und Industriegebiet besteht. In vielerlei Hinsicht erinnert dieses Gelände an die Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Die ukrainischen Streitkräfte passen sich weiterhin an und verlegen Einheiten über ihr ausgedehntes Schienennetz, um russischen Vorstößen entgegenzuwirken und einen entscheidenden Durchbruch zu verhindern. Dies erinnert an die Lage Mitte 1918, als die deutsche Armee, trotz Erschöpfung und dem Scheitern ihrer Frühjahrsoffensive, durch die rasche Verlegung erfahrener Einheiten in bedrohte Abschnitte alliierte Durchbrüche verhindern konnte.
In beiden Fällen sehen wir eine kampferprobte und tief eingegrabene Streitmacht, die ein riesiges Gebiet hält. Taktische Kompetenz kann jedoch strategische Erschöpfung verdecken. Genau das ist die Gefahr, der die Ukraine derzeit ausgesetzt ist. Obwohl die Moral an der Front hoch bleibt, zeigen sich zunehmend Anzeichen von ziviler Ermüdung, Personalmangel und wirtschaftlichen Belastungen infolge zerstörter Infrastruktur.
Das Gelände des Donbass ist eine der wenigen Industrieregionen der Welt, die sich von Natur aus für die Verteidigung eignen, vergleichbar mit dem Ruhrgebiet in Deutschland, dem Industriegebiet Katowice in Polen oder sogar dem Industriegürtel um Detroit. So wie die Deutschen Fabriken, Eisenbahnlinien und dicht besiedelte Städte in Nordfrankreich zur Unterstützung ihrer Verteidigungsbemühungen nutzten, nutzt die Ukraine die städtischen Trümmer von Awdijiwka, Tschasiw Jar, Pokrowsk und Kupjansk, um den russischen Vormarsch aufzuhalten. Diese Gebiete bieten hervorragende Stellungen, aber nicht auf unbegrenzte Zeit. Gelingt es den russischen Streitkräften, den Krieg weiter nach Westen auf die offene Steppe zu verlagern, könnten die ukrainischen Verteidiger ähnlich schutzlos dastehen wie einst die Deutschen nach dem Durchbruch der Hindenburg-Linie.
Ukrainische Soldaten in der Donezk-Region
© Madeleine Kelly/imago
Druck auf die logistischen Lebensadern
Historisch gesehen haben die deutsche und preußische Militärdoktrin stets den Schwerpunkt auf die Offensive gelegt, insbesondere auf schnelle Gegenangriffe aus der Defensive heraus. Als 1918 amerikanische Truppen in großer Zahl eintrafen, waren die Deutschen stark auf das Eisenbahnnetz im Landesinneren angewiesen, um Truppen schnell zu verlegen und der Bedrohung zu begegnen. Eisenbahnknotenpunkte wie Cambrai, Amiens, Maubeuge, Valenciennes und Mézières, deren Namen heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind, abgesehen von den zahlreichen alliierten und deutschen Soldatenfriedhöfen, die heute als stumme Zeugen der Vergangenheit die Landschaft prägen, waren für diese Strategie von entscheidender Bedeutung.
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Heute üben die Russen einen ähnlichen Druck auf die logistischen Lebensadern der Ukraine aus. Trotz der technologischen Veränderungen des vergangenen Jahrhunderts sind Eisenbahnen nach wie vor unverzichtbar für den Transport von schwerem Gerät, Nachschub und Truppen.
Auch wenn die Orte unterschiedlich sind, spielen wichtige ukrainische Städte heute für Kiew dieselbe Rolle wie Cambrai und Amiens einst für die deutsche Armee. Kramatorsk, der wichtigste logistische Knotenpunkt im Gebiet Donezk, Pokrowsk, das nun praktisch umzingelt ist, Pawlohrad, das Dnipro mit dem Donbass verbindet, und Dnipro selbst, der wichtige Knotenpunkt zwischen Ost- und Südukraine, dienen alle als Lebensadern. Es ist keine Überraschung, dass die russischen Operationen zunehmend darauf abzielen, diese zu unterbrechen.
General Ludendorffs Warnung an den Kaiser
Im Gegensatz zu den Alliierten im Jahr 1918, die nur über begrenzte und primitive Luftstreitkräfte verfügten, verfügt Russland heute über eine Reihe fortschrittlicher Langstreckenwaffen. Drohnen, FAB-Bomben, konventionelle Artillerie, ballistische Raketen und modernste Hyperschallwaffen werden eingesetzt, um die Logistikzentren, die Infrastruktur und die Luftabwehrsysteme der Ukraine anzugreifen. Das Ziel ist es, die Isolierung der Frontlinie im Stil von 1918 zu wiederholen, Versorgungswege zu unterbrechen und die Umgruppierung ukrainischer Einheiten zu erschweren. Sobald die wichtigsten Städte eingenommen oder durch ständige Bombardierungen und FPV-Drohnenangriffe unbrauchbar gemacht sind, wird sich die Bewegungsfreiheit der Ukraine rapide verschlechtern.
Amiens während des Kampfes um die Stadt 1918
© Gemini/imago
Der Fall der kleinen Stadt Amiens Anfang August 1918 löste eine Kettenreaktion aus, die schließlich zum Ende des Krieges führte. Amiens war der wichtigste Knotenpunkt, über den die Deutschen Nordfrankreich versorgten. Die Alliierten starteten einen Überraschungsangriff, verzichteten auf Artillerievorbereitungen und setzten 500 Panzer sowie schwere Luftunterstützung ein. Die deutsche Verteidigung brach zusammen.
Bald darauf nahmen britische und französische Streitkräfte weitere wichtige Eisenbahnknotenpunkte ins Visier. Ende September hatten die Alliierten die Linie Cambrai–Le Cateau durchbrochen und rückten in Richtung Aulnoye-Aymeries vor. Trotz des primitiven Zustands der Royal-Air-Force-Bombardements trug deren Wirksamkeit zum Zusammenbruch der strategischen Mobilität der Deutschen bei. Laut der offiziellen britischen Kriegsgeschichtsschreibung „markierte die Unterbrechung der Verbindung zwischen Cambrai und Le Cateau den Moment, in dem sich die deutsche Armee nicht mehr auf ihre inneren Linien verlassen konnte, um Reserven zu verlegen. Es war der erste Todesstoß für ihre strategische Beweglichkeit.“
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General Ludendorff erkannte die Tragweite der Lage und warnte den Kaiser: „Wir haben fast die Grenze unserer Widerstandskraft erreicht. Der Krieg muss beendet werden.“ Im Oktober sah sich die deutsche Armee mit zwei nicht mehr zu überwindenden Realitäten konfrontiert: Sie war weder in der Lage, ihre Truppen zu versorgen, noch effektive Gegenangriffe zu koordinieren. Der Krieg war faktisch verloren. Ludendorff, körperlich und seelisch am Ende, drängte den Kaiser schließlich, einen Waffenstillstand zu suchen.
Gut dokumentierte Personalengpässe
Auch wenn die moderne Ukraine nicht direkt mit dem Deutschen Reich vergleichbar ist (Deutschland hatte unter anderem vier Jahre lang eine Seeblockade zu erdulden), bleiben die Parallelen beunruhigend. Zusätzlich zu den gut dokumentierten Personalengpässen könnte der Verlust oder die Einkesselung strategisch wichtiger Städte im Donbass einen systemischen Zusammenbruch der ukrainischen Verteidigungslinien auslösen. Die Streitkräfte wären möglicherweise gezwungen, vorbereitete Stellungen aufzugeben. Sollte Präsident Selenskyj unter innenpolitischem Druck zurücktreten oder abgesetzt werden, könnte eine daraus resultierende politische Fragmentierung die Krise weiter verschärfen.
Als Deutschland im November 1918 einen Waffenstillstand beantragte, war der Großteil Belgiens und Nordfrankreichs noch immer besetzt. Doch das Reich war nicht mehr in der Lage, seine Eroberungen zu halten.
Die Geschichte mag sich nicht wiederholen, aber politische Entscheidungsträger von heute täten gut daran, sich mit den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1918 eingehend zu befassen. Aus westlicher Sicht muss es vorrangig darum gehen, zu verhindern, dass dieser Krieg plötzlich, ohne politische Vorbereitung und zu Bedingungen endet, die von Moskau diktiert werden. Wie David Stevenson in „With Our Backs to the Wall“ schreibt: „Der anfängliche Zusammenbruch bei Amiens war mehr als nur ein taktisches Versagen; er offenbarte, dass die deutsche Armee nicht mehr in der Lage war, einen modernen Krieg zu führen.“ Ohne eine belastbare Friedensregelung könnte die Ukraine an einem ähnlichen Wendepunkt stehen.
Ukrainische Artillerie im Donbass
© Diego Herrera Carcedo/imago
Russische Planer studieren die Militärgeschichte sorgfältig
Es sei daran erinnert, dass das russische Militärdenken stark von historischen Erfahrungen geprägt ist, insbesondere vom preußischen Theoretiker Carl von Clausewitz, der einst schrieb: „Die Kommunikationslinien einer Armee sind wie die Kapillaren des menschlichen Körpers; werden sie durchtrennt, stirbt der Organismus.“ Clausewitz diente während der Napoleonischen Kriege in der zaristischen Armee, und seine Konzepte sind bis heute grundlegend für die russische Doktrin. Obwohl westliche Analysten dies oft übersehen, studieren russische Planer die Militärgeschichte weiterhin sorgfältig, auf der Suche nach Mustern und strategischen Erkenntnissen, die sich auf heutige Konflikte übertragen lassen.
Gerade deshalb ist es unerlässlich, dass Nato-Planer ein besseres Verständnis für das strategische Denken ihrer Gegner entwickeln. Sie müssen auf die Möglichkeit vorbereitet sein, dass die Ukraine einen ähnlichen Zusammenbruch erleben könnte wie die deutsche Armee 1918, oder angesichts moderner Waffensysteme sogar einen noch schnelleren.
Die Geschichte liefert keine Vorhersagen, aber eine gründliche Analyse der Vergangenheit verbessert unsere Fähigkeit, zukünftige Entwicklungen zu antizipieren und zu beeinflussen. Der August und September 1918 könnten die deutlichste Warnung dafür sein, was in diesem Konflikt noch bevorstehen könnte. Die Nato sollte diese Warnung ernst nehmen – und alles daransetzen, sicherzustellen, dass die Ukraine nicht das gleiche Schicksal ereilt wie Deutschland vor 107 Jahren.
John Beckner ist Geschäftsführer eines britischen Luft- und Raumfahrtunternehmens im Bereich maritimer Aufklärung sowie ISR-Systeme und -Daten. Er ist seit über 40 Jahren in der Luft- und Raumfahrt- und Verteidigungsbranche tätig, sowohl in der Industrie als auch im öffentlichen Sektor.
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