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Noch vor wenigen Monaten schien die Monroe-Doktrin ein Relikt vergangener Zeiten zu sein – Ausdruck einer alten Weltordnung, die im Niedergang begriffen ist. Ein ideologisches Konzept, das im Zuge des Aufstiegs einer multipolaren internationalen Architektur zunehmend an Bedeutung verlor. Vor allem die wachsende Rolle der Brics-Staaten und der Aufstieg der Volksrepublik China eröffneten auch den Ländern Lateinamerikas neue Perspektiven und führten zu realen materiellen Veränderungen. Vor diesem Hintergrund wirkt Donald Trumps jüngste Eskalationspolitik in der Karibik wie ein verzweifelter Versuch des US-Kapitals, eine sich verändernde Welt zurück in alte Bahnen zu zwingen.
Neben politischem und ökonomischem Druck setzt Washington gegenüber Venezuela inzwischen offen auf militärische Drohgebärden. An diesem Punkt gewinnt Antonio Gramscis berühmte Formulierung aus den „Gefängnisheften“ neue Aktualität: „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren – es ist die Zeit der Monster.“ Die gegenwärtigen Spannungen lassen sich genau als solches „Zwischenreich“ lesen: ein Moment, in dem hegemoniale Machtstrukturen ins Wanken geraten und gleichzeitig neue, noch ungeformte Kräfte hervortreten.
Antonio Gramsci
© opale.photo/imago
Kopfgeld auf Venezuelas Präsidenten
Seit Juni erhöhen die USA ihren Druck auf die Regierung in Caracas kontinuierlich. Washington wirft der Führung des Landes mit den weltweit größten Erdölreserven vor, in den Drogenhandel verwickelt zu sein. In diesem Zusammenhang setzte die US-Regierung das Kopfgeld auf Venezuelas Präsidenten Nicolás Maduro auf 50 Millionen US-Dollar herauf. Nach Angaben lokaler Medien sollen bereits mehr als 80 Menschen bei US-amerikanischen Angriffen getötet worden sein. Lokale Behörden in Trinidad und Tobago berichten über angeschwemmte Leichen nach den US-Angriffen.
Die Eskalation bleibt nicht auf verdeckte Operationen beschränkt: Die USA verlegen ihren größten Flugzeugträger, die USS Ford, in karibische Gewässer – ein klares Signal militärischer Dominanz. Kolumbiens Präsident Gustavo Petro warnte auf X bereits davor, die Region in ein „lateinamerikanisches Syrien“ zu verwandeln.
Die aktuellen Handlungen der USA sind keineswegs als spontaner Einfall einer „verrückten“ Trump-Regierung zu verstehen. Vielmehr spiegeln sie das wider, was Gramsci und später neogramscianische Theoretiker wie Robert W. Cox beschrieben haben: Den Zerfall einer bestehenden Hegemonie begleiten historisch häufig militärische Konflikte und Kriege. Der Übergang von der Pax Britannica zum Ersten Weltkrieg ist hierfür das klassische Beispiel. Auch heute geraten die materiellen und ideellen Grundlagen der US-geführten Ordnung ins Rutschen.
13. November 2025, Karibisches Meer, internationale Gewässer: Luftaufnahme des Flugzeugträgers USS Gerald R. Ford der Ford-Klasse der US-Marine, der eine Formation von Lenkwaffenzerstörern anführt, während ein B-52-Bomber der US-Luftwaffe und Kampfflugzeuge der Marine darüber fliegen
© Mc2 Tajh Payne/imago
China weitet Einfluss in Lateinamerika aus
Wie in der marxistischen Imperialismustheorie richtet sich Gramscis Analyse auf die materiellen Grundlagen, auf denen staatliche Macht und ideologische Vorherrschaft beruhen. In diesem Sinne hat sich auch die westlich dominierte Weltordnung spürbar verschoben.
Parallel dazu verschieben sich die Kräfteverhältnisse im globalen Süden. Zwar gehört kein lateinamerikanisches Land zu den wichtigsten Exportmärkten Chinas, doch haben die Ausfuhren der Volksrepublik in die Region stark zugenommen. So lagen die chinesischen Exporte nach Mexiko 2013 noch bei rund 29 Milliarden US-Dollar, während sie im vergangenen Jahr bereits mehr als 90 Milliarden erreichten. Auch nach Brasilien haben sich die Exporte von 35 Milliarden mehr als verdoppelt. Ähnliche Zahlen finden sich zu Chile, Kolumbien und Peru.
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Noch bedeutsamer ist jedoch die wachsende Rolle Chinas im globalen Finanzsystem. Im Rahmen der Neuen Seidenstraße wurden die Kreditvergaben massiv ausgeweitet, während mit Institutionen wie der Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) neue Alternativen jenseits westlicher Dominanz entstanden. In 2021 stammten bereits über 25 Prozent aller Entwicklungskredite von Banken der Volksrepublik. Zwischen 2000 und 2017 stellten chinesische Finanzinstitutionen zudem Kredite für 13.427 Entwicklungsprojekte in 165 Ländern bereit – mit einem Gesamtvolumen von rund 843 Milliarden US-Dollar. Die Politikwissenschaftler Muyang Chen und Johannes Petry erklären, chinesische Staatsbanken seien heute vielleicht sogar einflussreicher als westliche Institutionen.
Container am Hafen von Lianyungang in China
© IMAGO/CFOTO
Die Vorboten einer neuen Ordnung sind da
Dennoch kann von einer chinesisch dominierten globalen Finanzordnung noch lange keine Rede sein, da der internationale Finanzmarkt weiterhin fest an den US-Dollar gebunden bleibt und die politischen Ambitionen der Brics – etwa die jüngsten Gipfelerklärungen – sind bisher eher Vorboten einer möglichen neuen Ordnung als deren tatsächliche Umsetzung. Doch genau in diesem Schwebezustand, in dem sich alte Strukturen auflösen und neue erst vage erkennbar sind, entfaltet Gramscis „Monster“-Bild besondere analytische Kraft.
Denn für viele Staaten Lateinamerikas eröffnet sich in diesem Zwischenraum ein neuer Handlungsspielraum. Länder wie Nicaragua, Venezuela oder Kuba, die innerhalb der bestehenden westlich dominierten Ordnung strukturell benachteiligt sind, erproben zunehmend Alternativen. Dabei zeigt sich jedoch auch die andere Seite der gramscianischen Diagnose: Eine Gegenhegemonie entsteht nicht allein aus materieller Macht, sondern aus der Fähigkeit, kohärente Ideen und Institutionen hervorzubringen, die ein neues historisches Projekt tragen können.
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Hier liegt bislang die Schwäche der multipolaren Ambitionen. Zwar schaffen Brics und AIIB neue Strukturen, doch es fehlt an institutioneller Tiefe und politischer Geschlossenheit, wie sie westliche Allianzen, vor allem Nato und EU, historisch entwickelt haben. Auch innerhalb der Vereinten Nationen scheitern Reformbestrebungen des globalen Südens regelmäßig am Veto der USA.
Plenarsitzung des Brics-Gipfels in Rio de Janeiro, Juli 2025
© Pablo Porciuncula/AFP
Gerade deshalb ist es bemerkenswert, dass Venezuela Anfang des Jahres dem Staatenbündnis Brics-Plus beitrat und Kuba den Status eines Brics-Plus-Partnerlandes erhielt. Ausgerechnet jene Länder, die Washington innerhalb der bisherigen Weltordnung am konsequentesten zu isolieren versucht, docken nun an einen Block an, der den Anspruch erhebt, eine multipolare Welt zu gestalten.
Im gramscianischen Sinne ließe sich diese Entwicklung als Auftakt einer heraufziehenden Gegenhegemonie deuten – als Andeutung eines neuen historischen Blocks. Doch wie Gramsci warnte, entsteht das Neue nicht automatisch aus dem Verfall des Alten. In der Zwischenzeit aber, in einer Welt, in der beide Ordnungen kollidieren, treten weiterhin die „Monster“ hervor.
Kurt Terstegen studierte an der Goethe-Universität Politikwissenschaft, Soziologie und Friedens- und Konfliktforschung mit dem Schwerpunkt Lateinamerika und Imperialismustheorie. Er schreibt als freier Journalist für die Prensa Latina in Havanna und verschiedene deutsche Print- und Onlinemedien.
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