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Berlin-Köpenick: Rettet den Jugendclub, der Leben rettet!

Die Arbeit im Jugendclub bewahrte unseren Autor davor, zurück in die Depression zu schlittern. Er fragt sich: Wie kann ein so wichtiger Ort weggekürzt werden?

Marlon Mommert
10 Min
Jugendclub in Köpenick

Jugendclub in Köpenick

© Marlon Mommert

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Als ich aus der Klinik in die „Freiheit“ entlassen wurde, warnten mich ältere oder erfahrenere Patienten vor dem sogenannten Käseglockeneffekt, doch bei mir gab es den nicht. Dachte ich zumindest. Ich kam zurück zu meinen Freunden, die mich zu großen Teilen nicht vergessen hatten, in meine Wohnung, zu meiner Familie und an die Orte, die ich Zuhause nenne.

Ich erfuhr ein Glück, das mir so nie wieder zuteil wurde: das Glück einer kleinen Manie. Ich konnte ins Bett gehen, wann ich wollte, ich war abstinent geworden und frei zu wählen, wo ich wann hinging. Und wenn man nicht sein gesamtes Geld für Suchtstoffe ausgibt, dann bleibt am Ende des Monats sogar noch etwas übrig. Ich konnte endlich wieder die Menschen sehen, die ich seit Jahren kannte und liebte. Dieser Zustand hielt genau sechs Wochen.

Teil des Wirkungsprinzips einer psychosomatischen Klinik ist es, dem Patienten oder der Patientin die Lasten des Alltags von den Schultern zu nehmen, um ihm oder ihr die Möglichkeit zu geben, sich auf Heilung zu fokussieren. Das klingt vielleicht etwas lapidar, doch nur wenn man nicht in Betracht zieht, dass ich mich in Phasen der Depression zwei Stunden mit der Frage beschäftigte, ob ich es in die Dusche schaffe.

Kommt man aus der Klinik, ist man wie ein Fahrrad, dessen Fahrer an der Kuppe des Berges nicht mehr treten musste und von allein runtergerollt ist, ohne Aufwand und Anstrengung, und nun noch langsam ausrollt. Doch wer dies auf seinem eigenen Fahrrad probiert, wird herausfinden, dass irgendwann der unabwendbare Punkt kommt, an dem man zu kippen droht. Was aber, wenn einem in just diesem Moment wieder einfällt, dass man gar keine Beine hat?

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Der einzige Lichtblick war Musik

Ich versank also wieder. Wer morgens nicht aus dem Bett kommt, kommt abends auch schwer hinein. Wer nicht mehr vor die Tür gehen kann, wird auch nicht glücklich. Mein einziger Anker: meine Bandproben.

Kurz vor meiner Entlassung aus der Klinik hatten einige Freunde eine Band gegründet, und als ich wieder zur Verfügung stand, fragten sie mich, ob ich nicht mitmachen wolle. Ich wollte! Sie luden mich zur Probe ein, der Probeort sollte irgendwo auf der Strecke meines ehemaligen Schulweges liegen. Das bunte Haus mit der etwas schrammeligen Einfahrt, von Efeu und Wein umwuchert, war mir öfter schon aufgefallen, doch hineingetraut hatte ich mich in den sieben Jahren, in denen ich es von Montag bis Freitag passierte, nie.

Auch als ich diesmal mit Gitarre in der Hand dort aufkreuzte, flößte mir der Ort einigen Respekt ein. Ich sprach mit niemandem, ging durch den Hintereingang die Treppe zu den staubigen, nach Keller riechenden Proberäumen hinab. Und in der Mitte der Probe nur wieder hinauf, um eine Zigarette zu rauchen. Ich sagte nicht „Hallo“, ich sagte nicht „Auf Wiedersehen“. So ging es drei Monate.

Irgendwann Ende Mai las ich auf meinem Handy eine folgenschwere Nachricht: „Die fragen, ob wir da mal spielen wollen.“ Unser Sänger und Gitarrist war genauso beeindruckt wie wir alle, das hörte ich zwischen den Worten hindurchschimmern. Also spielten wir. Es war der bis dahin schönste Abend meines Lebens.

Stickerwand ohne Aussicht

Stickerwand ohne Aussicht

© Marlon Mommert

Ein Ort, um leben zu lernen

Monate später hatte ich entdeckt, dass die Menschen, die in diesem Club arbeiteten (und arbeiten), gar nicht so unheimlich sind, wie sie mir zuerst vorkamen. Ich begann ein Praktikum. Ich glaube, kein anderer Ort der Welt hätte mich zu diesem Zeitpunkt als Praktikant einstellen können. Noch immer war ich schwer von der Depression geschüttelt, unzuverlässig, kam tagelang nicht aus dem Bett, hatte Rückfälle in die Alkoholsucht, kam betrunken zur Arbeit und wurde nach Hause geschickt. Nie jedoch wurde ich rausgeworfen. Ich wusste, ich werde gebraucht, wenn ich zu gebrauchen war, und wenn nicht, war ich trotzdem da.

Ich konnte morgens nicht duschen, aber mich anziehen und dorthin fahren ging in den meisten Fällen. Und dann saß ich im spätsommerlichen Garten und sprach. Und sprach mal nicht, wenn auch das nicht ging. Ich hatte Aufgaben zu erfüllen, die Mülleimer zu leeren, die Instagram-Seite zu betreuen, die Tontechnik aufzuräumen, die Proberäume sauber zu halten.

Dieses Praktikum und dieser Ort gaben mir etwas wieder, das mir die Klinik nicht wiederzugeben vermocht hatte: Lebensfähigkeit. Es war wie leben lernen mit Stützrädern: Du musst wieder mit Leuten reden, aber es sind immer welche um dich, die du schon kennst. Du musst Aufgaben erledigen, doch es ist immer jemand da, der dir hilft. Du musst pünktlich sein, doch wenn du es nicht schaffst, wirst du nicht abgemahnt. Ein Leben zwischen Depression und Sucht bedeutet ein ständiges Geht-nicht, ein ständiges Kann-ich-nicht, ein ständiges Das-Fleisch-ist-willig-aber-der-Geist-ist-schwach. Depressionen sind ein Arschloch. Sucht ist hinterlistig.

Wie ich bereits an anderer Stelle beschrieben habe, sind beide Erkrankungen nicht das psychopathologische Äquivalent zur Erkältung, sondern zum Krebs. Unbehandelt führen sie in jahrzehntelanges Leid und in nicht wenigen Fällen in den Tod.

Der Jugendclub, den ich hier beschreibe, hat mir nach meinem Dafürhalten nicht geholfen, er hat mir das Leben gerettet. Denn als Erkrankter lebt es sich viel leichter für eine Sache als für das Leben an sich. Natürlich sage ich nicht, dass man einfach nur mal unter Leute gehen muss mit der Depression, dass man einfach eine erfüllende Arbeit finden muss oder öfter mal spazieren gehen sollte. Ich denke bloß, dass ich es ohne diesen Ort nicht geschafft hätte, dass es selbst mit ihm schon knapp genug war, und dass ich dankbar bin.

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Niedrigschwellige Hilfe für Kinder und Jugendliche

Ein Jugendclub ist Teil der offenen Kinder- und Jugendarbeit und damit von den Kürzungen des Senats betroffen. Was heißt offene Kinder- und Jugendarbeit? „Offen“ bezieht sich in erster Linie auf die Tür. Ohne Termin, ohne einen Aufwand sind Kinder und Jugendliche in einem Jugendclub in einem sichereren Umfeld als nahezu überall sonst.

Zu den einschneidendsten Erlebnissen meines Praktikums gehört mit Sicherheit ein Abend, an dem eine der besuchenden Personen von häuslicher Gewalt berichtete. Auch vor meiner Zeit im Jugendclub hatte ich so etwas schon mehrfach erlebt. Wenn in einer Gruppe aus Jugendlichen eine Krisensituation auftritt, ist es ein Spiel mit dem Feuer. Geht es unter oder nicht? Gibt es Eltern, die helfen wollen, oder nicht? Wissen diese Eltern, welche Möglichkeiten es gibt, oder nicht? Wählen sie die richtige oder nicht? Wird geholfen – oder nicht?

An dem Abend, den ich eingangs beschrieb, waren drei Praktikanten und eine Sozialarbeiterin anwesend. Deshalb war die einzige Variable, ob Hilfe gewünscht ist. Diese Frage ist häufig schon groß genug. Binnen weniger Tage wurde ein neuer Schlafplatz organisiert, andere soziale Einrichtungen und das Jugendamt wurden informiert, die betroffene Person hatte zu jeder Zeit eine Anlaufstelle. Wieder stellt sich die Frage, an welchem anderen Ort das so (und so einfach) möglich gewesen wäre. Inzwischen ist die betroffene Person in eine WG eingezogen. Manchmal frage ich sie, wie es ihr geht, wenn ich sie im Club treffe.

Der Autor im Garten des Jugendclubs im November 2022

Der Autor im Garten des Jugendclubs im November 2022

© Emmanuele Contin/Berliner Zeitungi

Gemeinschaftsgefühl für jeden

Doch das Leben besteht nicht nur aus Notlagen. Jugendclubs sind nicht nur Ort der Krisenintervention, nicht nur ein Ort des Lernens. Jugendclubs sind ein Ort des Lebens. Mit mehr als 300 Angeboten jährlich ist es dort allen in der Zielgruppe und manchen darüber hinaus möglich, am Leben teilzuhaben. Und das unabhängig vom sozialen Stand, von der monetären Situation oder allgemeinen Verfassung.

Wer sich die Konzertkarte nicht mehr leisten kann, zahlt im Jugendclub immer noch fünf Euro. Wem seine Eltern keine Gitarre zum Geburtstag schenken können, der findet eine, rechts von der Bühne. Wer zu Hause nicht mitbestimmen darf, kann es hier. Und wer tanzen gehen und dabei die Sicherheit möchte, dass jemand sich kümmert, wenn es zu viel war, kommt zu den Techno-Veranstaltungen. Es ist die echte Kultur, die echte Kunst, die echte Partizipation und die echte Demokratie. Wer zweifelt, der informiere sich, wie viele der Bands, die heute die Max-Schmeling- und Columbia-Halle füllen, in Jugendzentren angefangen haben.

Wenn Kultur und Gemeinschaft nur noch im freien Markt gehandelt werden, dann sind sie nicht mehr frei zugänglich. Wenn sich Freunde ausschließlich in Bars treffen, dann können eben die nicht mitkommen, die sich die Drinks nicht leisten können. Wenn Bands nur in privaten Kellern proben können, dann können eben nur jene Musik machen, deren Eltern ein Einfamilienhaus haben. Und wenn es keinen Ort gibt, an den man immer gehen kann, werden Menschen, denen es eh schon schwerfällt, rauszugehen, einfach zu Hause bleiben.

Keine Lobby, keine Selbstdarstellung

Dabei sind die Arbeit, die in einen Jugendclub fließt, und das Leben, das in ihm stattfindet, meist nicht sehr öffentlich. Es geht darum, dass sie zurücktreten. Es liegt in der Natur der Sache, dass sie nicht werben müssen, um ihr Geld zu verdienen, dass sie keine Lobby haben. In der offenen Kinder- und Jugendarbeit geht es eigentlich endlich einmal nur um die, die sie nutzen, und nicht um die Selbstdarstellung jener, die sie betreiben.

Das Prestige des Jugendclubs sind die Jugendlichen, die beim Heranwachsen nicht dadurch auffallen, dass sie im Jugendclub sind, sondern dadurch, dass sie lernen, sich selbst auszudrücken, zu genesen oder gesund zu bleiben. Gerade deshalb fällt es so leicht, zu kürzen: Es ist eine Branche, in der es ein Zeichen von Qualität ist, nur dem aufzufallen, um den es auch geht.

Wir werden die Folgen der Kürzungen jedenfalls erst begreifen, wenn die Stellen schon längst wegrationalisiert sind, auf den Gitarren längst der dicke Staub liegt und die Jugendlichen im Regen im Park sitzen und nicht wissen, womit sie die Zeit ihrer Jugend herumkriegen sollen.

An einem grauen Wintertag sitzen wir in einer Vorstandsversammlung zusammen und raufen uns die Haare über die zu erwartenden Kürzungen und die Finanzpläne des nächsten Jahres. Während wir diskutieren, dröhnt von unten ein Verstärker die Seven-Nation-Army-Basslinie. Er bringt die Heizungsrohre des Altbaus so zum Schwingen, dass man sich nur schwer konzentrieren kann. Unser Haus macht Lärm. Und allen Finanzplänen zum Trotz: Noch in hundert Jahren wird der nicht verklingen.

Marlon Mommert lebt in Berlin-Köpenick. Seit fünf Jahren engagiert er sich im dort befindlichen Jugendclub. Außerdem ist er in verschiedenen Bands und Projekten als Musiker und Audio Engineer aktiv und schreibt Artikel.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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