Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Ich habe lange geschwiegen. Nicht, weil es nichts zu sagen gab, sondern weil Schweigen für mich Überleben bedeutete.
Ich bin ein Mann, der Männer liebt. Heute bin ich verheiratet. Dieser Satz klingt schlicht, fast selbstverständlich. Doch er verschleiert einen Weg, der von Angst, Gewalt und der permanenten gesellschaftlichen Rückmeldung geprägt war, falsch zu sein. Nicht innerlich, sondern aus der Sicht anderer.
Als wenn das eigene Leben weniger zählt
Bereits in meiner Schulzeit wurde ich massiv gemobbt. Nach einem unfreiwilligen Outing folgten Beleidigungen, Drohungen und Ausgrenzung. Im Jahr 2008 wurde mir ein Messer an den Hals gehalten. Nicht sinnbildlich, nicht übertrieben, sondern real. Solche Erfahrungen hinterlassen keine abgeschlossenen Erinnerungen. Sie verändern das Verhältnis zur Welt, zu Menschen und zu Sicherheit. Vertrauen hört auf, etwas Selbstverständliches zu sein.
2011 wurde ich verfolgt, misshandelt und verletzt. Ich suchte Hilfe und fand Leere. Die Polizei ließ mich allein. Dieses Gefühl, dass niemand zuständig ist und dass das eigene Leben offenbar weniger zählt, ist schwer in Worte zu fassen. Es ist nicht nur die Gewalt selbst, die zerstört, sondern das anschließende Wegsehen. Das Schweigen der Institutionen wiegt oft schwerer als der erste Schlag.
Queere Berliner Bildungsprojekte vor dem Aus? „Man kann von Kulturkampf sprechen“
Zum Schulabbruch gezwungen
Die Situation wurde so unerträglich, dass ich die Schule abbrechen musste. Nicht aus Bequemlichkeit und nicht aus mangelndem Willen, sondern weil es andernfalls lebensgefährlich geworden wäre. Bis heute werde ich an Abschlüssen gemessen, ohne dass jemand nach dem Preis fragt, den sie gekostet haben. Bildungswege gelten als neutral, doch sie sind es nicht, wenn Menschen systematisch aus ihnen gedrängt werden.
Ich habe trotzdem meinen Weg gefunden. Ich habe eine Ausbildung abgeschlossen, gearbeitet und Verantwortung übernommen. Doch auch im Berufsleben hörte die Ausgrenzung nicht auf. Sie wurde leiser und subtiler. Sie zeigte sich in Blicken, in Bemerkungen und in unausgesprochenen Erwartungen. Vor allem zeigte sie sich in der ständigen Notwendigkeit, sich zu erklären, sich einzuordnen und sich abzusichern.
2016 heiratete ich meinen Mann. Ein Moment, der eigentlich von Würde und Selbstverständlichkeit geprägt sein sollte. Doch auch hier blieb die Entmenschlichung nicht aus. Wir mussten uns Prüfungen unterziehen, in denen fremde Menschen darüber entschieden, ob wir heiraten dürfen. Uns wurde unterstellt, wir könnten in einer Abhängigkeit leben, in einem Fetisch oder in einer nicht echten Beziehung. Solche Prüfungen gibt es für heterosexuelle Paare nicht. Gleichberechtigung auf dem Papier bedeutet nicht automatisch Gleichbehandlung in der Realität.
Die Statistiken erzählen nicht von der Angst im Alltag
Viele Menschen glauben heute, Homophobie sei kein relevantes Thema mehr. Ich erlebe das Gegenteil. Ja, es hat Fortschritte gegeben. Rechte wurden erkämpft und Sichtbarkeit ist gewachsen. Doch genau diese Fortschritte erzeugen oft ein trügerisches Gefühl von Sicherheit, vor allem bei jenen, die selbst nicht betroffen sind.
Medien und politische Debatten greifen gern auf Statistiken zurück, häufig aus anderen Ländern oder Kontexten. Diese Zahlen sind wichtig, doch sie erzählen nicht den Alltag. Sie erzählen nicht von Beleidigungen auf der Straße, von der Angst beim Händchenhalten und von der ständigen Wachsamkeit im öffentlichen Raum. Sie erzählen auch nicht von der Gewalt, die sich zunehmend ins Digitale verlagert hat. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, sondern ein Verstärker dessen, was gesellschaftlich noch immer sagbar ist.
Identitäten sind weiterhin verhandelbar. In Kommentarspalten, in Talkshows und unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit. Queere Menschen müssen sich rechtfertigen. Für ihr Dasein, ihre Liebe und ihre Existenz. Dieses permanente Infragestellen ist keine Randerscheinung. Es greift das Selbstwertgefühl an, es erschöpft und macht krank. Und es kostet Leben.
Niemand entscheidet sich für seine Sexualität
Hinzu kommt ein Gedanke, der sich hartnäckig hält und selten offen ausgesprochen wird. Die Annahme, sexuelle Orientierung sei eine Entscheidung. Etwas, das man sich aussucht oder auch wieder ablegen könnte. Diese Vorstellung ist falsch. Niemand entscheidet sich bewusst für einen Weg, der mit Angst, Ausgrenzung oder Gewalt verbunden ist. Ich habe mir nicht ausgesucht, wen ich liebe. Und ich habe mir auch nicht ausgesucht, welche Konsequenzen andere daraus ziehen.
Mein Leben besteht aus denselben Wünschen wie das anderer Menschen. Nähe, Sicherheit, Verbundenheit. Der Wunsch nach Familie, nach Kindern, nach einem Alltag ohne Rechtfertigung. All das verschwindet nicht, nur weil man homosexuell ist. Ich bin kein Sonderfall, kein Konzept und kein gesellschaftliches Thema. Ich bin und bleibe ein Mensch.
Ich schreibe diesen Text nicht, um Mitleid zu erzeugen. Ich schreibe ihn, weil Schweigen mich fast das Leben gekostet hätte. Und weil ich weiß, dass viele andere noch immer schweigen. Aus Scham, aus Angst und aus Erschöpfung. Weil sie gelernt haben, dass Sichtbarkeit gefährlich sein kann.
Pride-Verbot und Netflix-Effekt: Junge Ungarn durchschauen Staatspropaganda
„Man konnte als Schwuler in Ost-Berlin ein schönes Sexualleben haben“
Heute schreibe ich auch, weil ich anderen etwas anbieten möchte, das mir lange gefehlt hat. Ein offenes Ohr. Einen Raum, in dem man sprechen darf, ohne sich erklären oder rechtfertigen zu müssen. Wer sich in diesen Zeilen wiederfindet und reden möchte, kann sich melden. Es kostet nichts außer den Mut, die eigene Stimme zu benutzen.
Homophobie ist kein abgeschlossenes Kapitel. Sie ist Teil unserer Gegenwart. Und sie wird erst dann weniger, wenn wir aufhören, so zu tun, als sei sie erledigt.
Kevin Noack schreibt unter dem Autorennamen K. Ziack. In seinen Texten beschäftigt er sich mit gesellschaftlichen Fragen, persönlichen Erfahrungen sowie Themen wie Ausgrenzung, Menschlichkeit und Verantwortung. Darüber hinaus schreibt er über Naturthemen und fantastische Welten.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]