Der Iran hat die Straße von Hormus während eines Militärmanövers am Dienstag vorübergehend und teilweise gesperrt – zum ersten Mal seit der Drohung von US-Präsident Donald Trump, militärisch gegen Teherans Atomprogramm vorzugehen. Die mehrstündige Sperrung einer der wichtigsten Seehandelsrouten für Öl und Gas hat die Frage aufgeworfen, was eine längere Blockade für die globale Energieversorgung bedeuten würde. Die Antwort: Die Folgen wären gravierend.
Die Straße von Hormus ist eine schmale Meerenge zwischen dem Iran im Norden und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie dem Oman im Süden. Sie bildet den einzigen direkten Zugang vom Persischen Golf zum offenen Meer. Laut Daten des Marktanalyseunternehmens Kpler passierten im vergangenen Jahr täglich durchschnittlich rund 13 Millionen Barrel Rohöl diese Wasserstraße – etwa 31 Prozent des weltweiten Rohöltransports auf See. Hinzu kommen rund 20 Prozent der globalen Lieferungen von Flüssigerdgas (LNG), das per Tankschiff transportiert wird. Der Großteil davon stammt aus Katar, einem der weltweit größten LNG-Produzenten.
Ölpreise steigen bereits spürbar
Die Märkte haben bereits reagiert: Der Rohölpreis stieg am Mittwoch um rund 4,5 Prozent und legte am Donnerstag weitere knapp zwei Prozent zu, womit er ein Sechsmonatshoch erreichte. Am Freitag setzte sich der Aufwärtstrend fort: Die Nordseesorte Brent verteuerte sich um 21 US-Cent auf 71,87 Dollar pro Barrel, die US-Referenzsorte West Texas Intermediate stieg um 23 Cent auf 66,66 Dollar.
Analysten schätzen, dass eine vollständige Blockade den Brent-Preis deutlich über 100 Dollar pro Barrel treiben könnte – bei einem längeren Szenario seien Preise zwischen 110 und 130 Dollar denkbar. Auch die Kosten für Schiffstransporte und Versicherungsprämien in der Region würden drastisch steigen.
Asien wäre am härtesten betroffen
Am stärksten träfe eine Blockade die großen Energieimporteure Asiens. Im Jahr 2024 gingen laut Kpler-Daten rund 84 Prozent des Rohöls und Kondensats sowie 83 Prozent des LNG, das die Straße von Hormus passierte, an asiatische Abnehmer. China, Indien, Japan und Südkorea waren dabei die vier wichtigsten Zielländer und nahmen zusammen 69 Prozent aller Rohöl- und Kondensatströme ab.
Auch Europa wäre betroffen: Etwa zehn Prozent der europäischen LNG-Importe – hauptsächlich aus Katar – laufen durch die Meerenge. Bei einer Sperrung würde Europa in direkten Wettbewerb mit asiatischen Käufern um alternative Lieferungen treten.
Alternativrouten reichen bei Weitem nicht aus
Anders als bei anderen Engpässen im Seehandel gibt es für die Straße von Hormus kaum realistische Ausweichrouten. Zwar verfügen einige Golfstaaten über Pipelines, die die Meerenge umgehen: Saudi-Arabien kann über die sogenannte Petroline, die von den östlichen Ölfeldern zum Hafen Yanbu am Roten Meer führt, maximal rund fünf Millionen Barrel täglich exportieren. Die Vereinigten Arabischen Emirate können über die Habshan-Fujairah-Pipeline zum Golf von Oman bis zu 1,5 Millionen Barrel pro Tag umleiten. Der Iran verfügt über eine Pipeline zum Hafen Jask am Golf von Oman mit einer Kapazität von einigen Hunderttausend Barrel.
Zusammengenommen könnten diese Alternativen im Notfall rund 3,5 Millionen Barrel täglich transportieren – gegenüber den etwa 20 Millionen Barrel, die normalerweise durch die Straße von Hormus fließen. Das entspricht bestenfalls 15 bis 20 Prozent der üblichen Menge. Für LNG aus Katar und den Emiraten existieren praktisch keine Umgehungsrouten – eine Sperrung würde dieses Angebot vollständig vom Markt nehmen.
Staaten wie Kuwait, Bahrain und Katar hätten keine nennenswerten Exportalternativen. Der Irak verfügt zwar über die Kirkuk-Ceyhan-Pipeline in die Türkei, diese bedient jedoch nur die nördlichen Ölfelder und deckt nur einen geringen Teil der Gesamtproduktion ab.
Geopolitische Spannungen verschärfen die Lage
Die vorübergehende Sperrung fand vor dem Hintergrund anhaltender Spannungen zwischen Washington und Teheran statt, obwohl beide Seiten zuletzt in Genf bilaterale Gespräche geführt haben. Trump erwägt Berichten zufolge einen „begrenzten" militärischen Erstschlag gegen den Iran, um Teheran dazu zu bewegen, keine Atomwaffen zu entwickeln. Ein solcher Angriff würde zunächst auf Urananreicherungsanlagen zielen, könnte sich aber auf weitere militärische und staatliche Einrichtungen ausweiten – was das Risiko einer Eskalation rund um die Meerenge erhöhen würde.
Die USA haben bereits einen Flugzeugträgerverband in die Region entsandt. Anfang des Monats berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, dass sich iranische Schnellboote einem US-flaggigen Öltanker in der Meerenge genähert hätten.
Historische Parallelen gibt es: Während des Iran-Irak-Kriegs in den 1980er-Jahren stellten die USA kuwaitische Öltanker unter ihre Flagge und gewährten ihnen militärischen Geleitschutz. Im Jahr 2019 gründeten die USA zusammen mit Großbritannien, Saudi-Arabien und Bahrain eine maritime Sicherheitskoalition zum Schutz der Schifffahrtswege im Nahen Osten. In den vergangenen zwei Jahren verlagerte Washington seinen Fokus allerdings zunehmend von der Straße von Hormus auf das südliche Rote Meer.
Eine anhaltende Blockade würde wie ein globaler Energieschock wirken: steigende Treibstoff- und Strompreise, wachsender Inflationsdruck und ein langsameres Wirtschaftswachstum, insbesondere in energieabhängigen Importländern. Strategische Ölreserven müssten angezapft, die Produktion außerhalb des Golfs hochgefahren und die langfristige Diversifizierung der Energieversorgung beschleunigt werden.
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