Gastronomie

Gewerkschaft wirft Erfurter Gastronomen Gier vor: „Das ist schäbig“

Trotz gesenkter Mehrwertsteuer zahlen viele Wirte in Erfurt laut Gewerkschaft nur Mindestlohn. Der Steuervorteil fließe in die Betriebskassen statt in die Löhne.

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Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) erhebt schwere Vorwürfe gegen viele Wirte in der Landeshauptstadt.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) erhebt schwere Vorwürfe gegen viele Wirte in der Landeshauptstadt.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

In der Erfurter Gastronomie ist ein heftiger Streit um Löhne und Steuervorteile entbrannt. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Thüringen beschuldigt zahlreiche Wirte in der Landeshauptstadt, die seit Jahresbeginn geltende Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen von 19 auf 7 Prozent nicht an ihre Beschäftigten weiterzugeben. NGG-Geschäftsführer Jens Löbel spricht von „unschöner Gastronomen-Gier".

„Von jedem 10-Euro-Schein, den der Gast im Restaurant lässt, bleiben dadurch rund 95 Cent zusätzlich für den Gastronomen übrig. Das Geld landet zwar in der Kasse – aber nicht in der Lohntüte der Beschäftigten", sagte Löbel. Auch die Gäste profitierten kaum: Auf spürbar sinkende Preise auf den Speisekarten habe man vergeblich gewartet. Wer mit einem „großen Rutscheffekt" gerechnet habe, sei „mehr als blauäugig" gewesen, so der Gewerkschafter.

Löbel zufolge steckten „die allermeisten Gastronomen in Erfurt" den finanziellen Vorteil aus dem sogenannten „Schnitzel-Steuergeschenk" in die eigene Tasche. Besonders scharf kritisiert er Betriebe, die weiterhin lediglich den gesetzlichen Mindestlohn zahlen. „Das ist schäbig", sagte Löbel.

NGG greift auch den Branchenverband DEHOGA an

Noch härter fällt die Kritik gegenüber dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) aus. Der Verband habe sich öffentlich darüber beklagt, dass Gastronomen 1,08 Euro pro Stunde beim Mindestlohn draufzahlen müssten – obwohl der DEHOGA selbst einen Tarifvertrag mit einem niedrigsten Stundenlohn von 15,40 Euro vereinbart habe. „Noch dreister wird es", kommentierte Löbel diesen Widerspruch.

Aus Sicht der NGG sei ausschließlich der Tariflohn fair. Ab Juli 2026 liege dieser für ausgebildete Köchinnen und Servicekräfte in Thüringen bei 16,53 Euro pro Stunde. Doch genau hier sieht die Gewerkschaft ein tief sitzendes strukturelles Problem: Viele Betriebe in Erfurt betrieben laut Löbel „systematisch Tarifflucht". Gastwirte, Restaurantchefs und Hoteliers schlügen „einen weiten Bogen um den Tariflohn" – und damit auch um tariflich geregelte Zuschläge an Feiertagen sowie um bessere Urlaubsregelungen. Die Gastronomie gehöre zu den „Rekord-Branchen der Tarifflucht", so Löbel.

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Nach Angaben der NGG arbeiten in Erfurt rund 4960 Menschen in der Gastronomiebranche – von Köchinnen über Kellner und Barkeeper bis hin zu Rezeptionistinnen. Die Gewerkschaft bietet Beschäftigten an, ihre Lohnabrechnungen kostenlos prüfen zu lassen und sie über mögliche Tarifansprüche zu informieren.

Eine öffentliche Reaktion des DEHOGA oder der betroffenen Gastronomen auf die Vorwürfe liegt bislang nicht vor.

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