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Vom griechischen Bürgerkrieg in die DDR: Die bewegende Geschichte der „Markos-Kinder“

Nach 1949 fanden hunderte griechische Kinder in Ostzone Zuflucht. Es sollte nicht für immer sein und wurde doch ein jahrzehntelanges Leben im Exil.

Kostas Kipuros
10 Min
Gruppenfoto der „Markos-Kinder“: Sie waren die ersten unschuldigen Opfer des aufziehenden Kalten Krieges und einer unfreiwilligen Odyssee.

Gruppenfoto der „Markos-Kinder“: Sie waren die ersten unschuldigen Opfer des aufziehenden Kalten Krieges und einer unfreiwilligen Odyssee.

© Privat

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Es waren Kinder, deren Augen Schreckliches gesehen und deren Ohren Furchtbares vernommen hatten. Sie hatten Brüder und Schwestern im Kugelhagel verloren. Ihre Eltern waren nicht selten in Folterkeller oder auf Gefängnisinseln verschleppt worden. Schier unendlich dauernde Tage und Nächte suchten sie unter Geschützdonner und dem mörderischen Stakkato von Maschinengewehren in Lebensangst in Dörfern oder in Wäldern Schutz vor der Kriegswalze des 1947 ausgebrochenen griechischen Bürgerkrieges zwischen den von Moskau unterstützten linksgerichteten Partisanen der Demokratischen Armee Griechenlands (DSE) und der von den USA protegierten royalistischen Armee. Die jüngsten Kinder waren gerade einmal acht Jahre alt.

Als sie ihre Dörfer verließen, hatten sie nichts außer den Kleidern auf ihren von Hunger gezeichneten Körpern. Sie waren die ersten unschuldigen Opfer des aufziehenden Kalten Krieges und einer unfreiwilligen Odyssee zumeist über Albanien, Rumänien und Bulgarien in eine ihnen unbekannte Welt. Wie viele es genau waren, vermag niemand zu sagen. Späteren Schätzungen zufolge könnten es zwischen 28.000 und 32.000 Kinder und Jugendliche gewesen sein, die nach der vernichtenden Niederlage der DSE aus den umkämpften Gebieten evakuiert und zu ihrem Schutz in die Länder des damaligen Ostblocks gebracht wurden. Hier sollen sie eine neue provisorische Heimat finden. Etwa 1200 kommen zwischen 1949 und 1950 in die Ostzone, die spätere DDR. Die meisten von ihnen werden auf Radebeul und Dresden, später auf Leipzig und Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) verteilt.

Der erste Ort, auf dem sie deutschen Boden betreten, ist Bad Schandau - zunächst nur für einen Zwischenstopp auf der Weiterfahrt nach Dresden. Dąs Erste, was sie dort sehen, ist das Letzte, was sie in Griechenland erlebt hatten: ein vom Krieg zerstörtes Land. Ein Schock, denn man hatte ihnen die Verschickung als die Rettung vor Krieg, Hunger und Entbehrung versprochen.

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Die Zeitzeugin Stamatia Tsaprasi, damals gerade einmal elf Jahre alt, wird sich später erinnern: „Keiner hatte uns auf diesen Anblick vorbereitet. Wir spürten zwar, dass der Krieg vorbei war, die Not war allerdings allgegenwärtig.“ Auch Kostas Parousoudis erlebt die Ankunft in der neuen Heimat bedrückend: „Als wir in Dresden die Trümmerhaufen sahen, haben viele Kinder angefangen zu weinen.“

Stamatia Tsaprasi: „Keiner hatte uns auf den Anblick vorbereitet.“

Stamatia Tsaprasi: „Keiner hatte uns auf den Anblick vorbereitet.“

© Susanne Grütz

Noch am eigenen Leib die deutsche Okkupation erlebt

Was die ohnehin schwierige Situation verschärft: Die meisten Kinder werden ohne Eltern und selten mit Geschwistern verschickt. Efrossini Chatzi, zur Zeit der Evakuierung ebenfalls elf Jahre alt: „Eines Tages wurden wir ohne Ankündigung nach Tirana gebracht. Meinen Vater sah ich dort zum letzten Mal. Er umarmte mich und gab mir eine Wassermelone. Wie ich später erfuhr, starb er 1954 in Bukarest.“ Ähnlich ergeht es Sacharoula „Sascha“ Blithikioti: „Ich hatte niemanden an meiner Seite, verfügte über keine Dokumente, Unterlagen, keine Belege, noch nicht einmal einen Nachweis über meinen Namen.“

Doch all das ist noch nicht das Schlimmste. Weitaus schwerer wiegt der Umstand, dass die Kinder in das Land jener Täter kommen, die zwischen 1941 und 1944 ihre Heimat noch vor dem Bürgerkrieg mit Panzern, Bomben, Terror und der Ermordung Tausender Zivilisten überzogen hatten. Manche der älteren Jugendlichen, wie Evangelia Pagania, hatten noch am eigenen Leib in ihrem epirotischen Dorf Distrato die deutsche Okkupation erlebt. Der Gedanke, nach Deutschland verschickt zu werden, löst schreckliche Erinnerungen aus: „Als man mir sagte, dass ich nach Deutschland sollte, habe ich tagelang geweint. Oft zitterte ich minutenlang vor Angst.“

Mit geradezu religiöser Inbrunst zelebriert

Da nützt es zunächst wenig, wenn die Betreuer immer wieder erklären, dass der Teil Deutschlands, in dem „wir jetzt leben“, nichts mit jenem faschistischen Deutschland zu tun hat, gegen das viele der Eltern gekämpft hatten. Noch muss Hoffnung und Glaube daran die Gewissheit ersetzen. Es dauert Jahre, bis Dimitrios Christakoudis den Satz sagen kann: „Die DDR ist für mich der Beweis, dass es das faschistische Deutschland nicht mehr gibt.“ Und noch eine Hoffnung lässt die anfänglich schwierige Eingewöhnung erträglicher erscheinen: die Annahme, dass der Aufenthalt nur von begrenzter Dauer sein würde.

„Und nächstes Jahr in Griechenland“ wird schon bald zum rituellen Satz, der bei gemeinsamen Feiern der Neuankömmlinge, aber auch im Rahmen privater Feste, mit geradezu religiöser Inbrunst zelebriert wird. Keiner der Flüchtlingskinder ahnt, dass aus dem Provisorium 25, für manche 30 Jahre werden würden. Während dieser Zeit leben sie in einer paradoxen Situation: Während sie in der DDR offiziell als griechische Staatsbürger angesehen, aber nicht so behandelt werden, gelten sie in Griechenland als potenzielle kommunistische Landesverräter, denen die Einreise verwehrt wird. Erst mit dem Sturz der Junta 1974 öffnen sich die Grenzen zur alten Heimat.

Effrosini Chatzi und Sacharoula „Sascha“ Blithikioti kamen ohne Begleitung und ohne Dokumente in die DDR.

Effrosini Chatzi und Sacharoula „Sascha“ Blithikioti kamen ohne Begleitung und ohne Dokumente in die DDR.

© Susanne Grütz

Zunächst sind es jedoch weniger die Beteuerungen der Betreuer, als vielmehr die selbst gemachten Erfahrungen, die die Kinder die DDR als neue Heimat annehmen lassen. Und wie so häufig beginnt der Blickwechsel mit den scheinbar kleinen Dingen. Für Stamatia Tsaprasi ist es das Frühstück, das sie so zum ersten Mal erlebt: „Das erste Frühstück in Bischofswerda werde ich nie vergessen. Es gab Milch, Tee, sogar Butter und Marmelade - für uns war das überwältigend. Dass wir von Menschen versorgt wurden, die selbst kaum etwas hatten, hat mich tief berührt.“

Woher kommt diese Hilfsbereitschaft für Kinder eines Landes, zu dem man - wenn überhaupt - eine auf die Antike verklärt-reduzierte Beziehung hat? Gewiss, für die Regierung der DDR ist die Ankunft der griechischen Flüchtlingskinder eine gute Gelegenheit, einen antifaschistischen Neuanfang zu dokumentieren. Ideologisch steht kaum etwas zwischen der politischen Führung der DDR und der von der Kommunistischen Partei Griechenlands geführten Demokratischen Armee. Beide Seiten sind „moskauhörig“ und beide Seiten bekennen sich zu den Idealen des Sozialismus. Gleichwohl greift die Reduzierung auf diesen Aspekt zu kurz. Hilfsbereitschaft und Solidarität mögen zwar zum Teil verordnet sein, aber an der „Basis“ sind Einsatzbereitschaft und Begeisterung vieler deutscher Lehrer, Betreuer und einfacher Bürger ein echtes Engagement.

Schon vor der Ankunft der ersten „Markos-Kinder“, benannt nach dem Partisanenführer Markos Vafiadis, hatte der sächsische Landesverband der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) für den 7. Dezember 1948 zu einer Gründungskonferenz des „Hilfskomitees für das demokratische Griechenland“ in das Dresdner Parkhotel eingeladen. Ausdrücklich wird im Protokoll des Treffens vermerkt, „dass die Initiative … von einem Kreis von Menschen (ausgeht), dem Wissenschaftler, Politiker, Künstler usw. angehörten …“

Der Schriftsteller Ludwig Renn, der später mit Kinderbüchern in der DDR bekannt wird, gehört dem Komitee ebenso an, wie der Pfarrer Wolfgang Caffier, der laut Protokoll „als Vertreter der Kirche und der gesamten Christenheit versichert, dass auch er und seine Glaubensgenossen sich mit ganzer Kraft dafür einsetzen wollten, um den Kämpfern für ein demokratisches Griechenland zu helfen.“ Am 7. Februar folgen in Freital, am 8. Februar in Meißen, Radeberg und Dresden sowie am 9. Februar in Görlitz weitere Kundgebungen mit insgesamt mehreren Tausend Teilnehmern.

Jorgos Peshos lebt inzwischen in der griechischen Hafenstadt Patras.

Jorgos Peshos lebt inzwischen in der griechischen Hafenstadt Patras.

© Susanne Grütz

Eine bleibende Enttäuschung

Diese Ehrlichkeit wird bei den Neuankömmlingen offensichtlich mit Vertrauen erwidert. Kostas Stoupis, damals 15 Jahre alt, lernt Deutsch bei einem Lehrer, der als ehemaliger Pilot der Wehrmacht in den Niederlanden abgeschossen wurde. Dennoch entwickelt sich trotz des strengen Sprachunterrichts ein enges Verhältnis zwischen den beiden. Für Theodora Afendoulidou werden ihre Lehrer gar zum Elternersatz: „Die Lehrer haben uns wie ihre eigenen Kinder behandelt“, erinnert sie sich.

Spätestens nach dem Sturz des faschistischen Obristen-Regimes 1974 und der damit verbundenen Möglichkeit nicht nur der einstigen „Markos-Kinder“, sondern inzwischen auch deren Kinder, die griechische Staatsbürgerschaft zu erwerben, bekommt das dis dato makellose Bild der sozialistischen Solidarität Risse. Die einstigen Klassenbrüder sind nun Bürger eines Nato-Staates. Damit ändert sich vieles. Wissenschaftliche Karrieren stocken, und in bestimmten Berufen gibt es keine weiteren Entwicklungsmöglichkeiten. Selbst offenkundiger halboffizieller Argwohn ist zu spüren.

Für Jorgos Peshos, inzwischen in Griechenland in der Nähe der Hafenstadt Patras lebend, wird dieses Misstrauen zu einer bleibenden Enttäuschung, die zur Distanz zur DDR führt. 1978 bekommt er nach einem Antrag für eine Reise nach Griechenland von einem Arbeitskollegen eine Aktennotiz zugespielt. Darin findet er den Vermerk: „Wir müssen uns überlegen, ob der Kollege Peshos angesichts seiner häufigen Griechenlandreisen noch in der Abteilung verbleiben kann.“ Für den von der Idee des Sozialismus überzeugten einstigen Flüchtling ein Schock, der festgelegte Glaubenssätze ins Wanken bringt.

Schmerzlicher Verlust der zweiten Heimat

Die vielbeschworene und durchaus auch real praktizierte proletarische Solidarität findet offensichtlich dort ihre Grenze, wo sie vermeintliche ideologische Interessen der SED tangiert. Viele Vertreter der ersten Flüchtlingsgeneration verstehen den Wink mit dem Zaunpfahl und entscheiden sich vor die Wahl gestellt, entweder die DDR-Staatsangehörigkeit anzunehmen oder zu gehen, für die Ausreise nach Griechenland - nicht selten über Westberlin. Für einen Teil jener, die (zunächst) bleiben, sind sie nicht selten „Verräter“. Der Riss geht inzwischen auch durch die einstige Flüchtlingscommunity. Erst mit der Wende um 1989 entscheiden sich viele von ihnen, auch als griechische Staatsbürger in Deutschland zu bleiben. Aber auch für sie besteht weiterhin ein mentaler Riss, denn für nicht wenige bedeutet der Untergang der DDR zugleich den schmerzlichen Verlust der zweiten Heimat.

Theodora Afendoulidou etwa empfindet die Vereinigung als Katastrophe: „Dass es die DDR nicht mehr gab, konnten wir nicht glauben.“ Efrossini Chatzi erlebt die Wende vor allem als Abstieg in die Arbeitslosigkeit: „Plötzlich stand ich auf der Straße, obwohl ich noch zwei Jahre bis zur Rente hatte.“ Aber es gibt auch andere Reaktionen: Kostas Stoupis sieht vor allem die Chancen: „Am Anfang war ich unsicher, wohin das alles führt. Doch schon bald habe ich mich gefragt: Hätte die Wende nicht ein paare Jahre eher kommen können?“

Inzwischen sind die meisten Vertreter der ersten Generation verstorben. Einige der noch Lebenden sind im vereinten Deutschland in Dresden, Leipzig oder Berlin geblieben, andere nach Griechenland - zum Teil in ihre Heimatdörfer - zurückgekehrt. Was die meisten von ihnen jedoch unabhängig des jahrzehntelangen Wechselbads der Gefühle noch heute am Ende ihrer Odyssee eint, ist das Gefühl, ein erfülltes Leben gehabt zu haben.

Buchtipp: „Zwischen Heimat und Fremde“ (Zweisprachig Deutsch/Griechisch) von Kostas Kipuros/Susanne Grütz, Verlag der Griechenland Zeitung, 311 Seiten, 24,80 Euro.

Kostas Kipuros, 1956 als Sohn griechischer politischer Emigranten bei Bukarest geboren, machte sein Abitur in Leipzig, studierte anschließend Journalistik an der Karl-Marx-Universität. Von 1979 war er bis zum Ausscheiden außenpolitischer Redakteur/Kommentator der Leipziger Volkszeitung, 1989 auch Ressortleiter Außenpolitik.

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