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Dresden im letzten Kriegswinter 1917/18: Die Versorgungslage ist schlecht, der Schleichhandel floriert. Am Vormittag des 16. November 1917 radelt ein Arbeiter durch eine nördlich von Dresden gelegene Heidegegend. Als er flüchtig in Richtung eines Waldrandes blickt, sieht er dort ein großes schwarzes Tier liegen – so glaubt er. Dann stellt er entsetzt fest: Das vermeintliche Tier ist ein Mensch!
Da liegt tatsächlich eine Leiche lang ausgestreckt auf dem Rücken. Der Mann eilt davon, um die Polizei zu verständigen und sofort setzt sich die Maschinerie der Kriminalistik in Gang. Der 1883 in München geborene ausgebildete Jurist und Leiter der Dresdner Kriminalpolizei, Robert Heindl, ist für die Ermittlungen zuständig. Der Tote, den sie anhand seiner mitgeführten Papiere als Eduard Steinhausen identifizieren können, ist durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet worden. Die Obduktion ergibt auch, dass das in der Nacht vom 15. auf den 16. November geschehen sein musste. Der oder die Täter hatten den 1,84 Meter großen und kräftigen Mann dann an den Armen einige Meter von der Straße weg geschleift.
In den Wald gelockt
Die Kriminalpolizei konzentriert sich auch auf die Suche nach Augenzeugen, die den Mann noch lebend gesehen haben könnten. Und tatsächlich: Steinhausen war in der Nähe der Straßenbahnhaltestelle „Wilder Mann“ aufgefallen. Danach hatte er sich wohl in den Wald locken lassen, um ein lohnendes Geschäft abzuschließen. Dafür hatte er mehrere Tausend Mark mitgenommen, die nach seinem Auffinden fehlten. „Wenn ich bis abends zehn Uhr nicht wieder da bin, dann habe ich eins auf den Kopf bekommen“, hatte er noch zu seiner Ehefrau gesagt, bevor er ging – und nie wieder zurückkam.
Zeitnah bekommt die Kriminalpolizei einen Tipp, dass drei stadtbekannte Schleichhändler spurlos aus Dresden verschwunden sind. An einen Zufall glauben sie nicht, zumal dieses Trio Infernale auch mit Steinhausen verkehrt hatte.
Der erste ist der 25-jährige Gutsbesitzersohn und Hüttenarbeiter Robert Bussek aus Breslau. Der zweite ein 26-jähriger Arbeitersohn namens Stephan Kops, der sich „Geschäftsreisender“ nennt. Und da ist auch noch dessen jüngerer Bruder Paul, der am 13. Januar 1900 im oberschlesischen Zembowitz geboren wurde.
Alle drei sind einschlägig vorbestraft. Paul vergöttert Stephan, doch der ist ein gewaltbereiter Verbrecher – mit seinen eigenen Gesetzen: „Mein König ist mein Revolver, meine Königin meine Geldtasche“, tönt er nur zu gerne in den Kaschemmen der Stadt.
Paul Kops
© Sächsisches Staatsarchiv
Erlösende Nachricht aus Düsseldorf
Die Kriminalpolizei lobt eine hohe Belohnung für ihre Festnahme aus, alle größeren Kriminalpolizeibehörden werden informiert. Schon bald erreicht Heindl die erlösende Nachricht aus Düsseldorf: Die dringend Tatverdächtigen sind in einem Hotel im Rheinland festgenommen worden. Streng bewacht werden sie zurück nach Dresden transportiert und in das Untersuchungsgefängnis eingeliefert.
Alle drei leugnen die Tat, waren natürlich nie im Wald und kennen ja auch überhaupt keinen Eduard Steinhausen. Doch als die Polizei die Schlafstellen des Trios durchsucht und dabei die Waffe und die Armbanduhr des Mordopfers findet, gestehen sie die Tat. Doch wer von ihnen geschossen hat, wollen sie nicht sagen. Dass das bei einem gemeinschaftlich ausgeführten Mord letztlich keine Rolle spielt, ahnen sie nicht. Derweil ist der Henker bereits dabei, die Klinge seines Handbeils zu schleifen.
Am 4. April 1918 wird die Verhandlung vor dem Königlichen Schwurgericht in Dresden eröffnet. Zwei Tage später werden die drei „wegen gemeinschaftlichen Mordes“ zum Tode verurteilt. Im Gerichtssaal bricht fast ein Tumult aus, als klar wird, dass aber nur zwei Köpfe in den sächsischen Sand rollen werden. Paul Kops kann nicht hingerichtet werden, weil er das 17. Lebensjahr zum Zeitpunkt der Tat noch nicht vollendet hat. Er bekommt daher die Höchststrafe für Jugendliche von 15 Jahren.
Die Exekution ist für den 19. Juni 1918 sechs Uhr morgens angesetzt. Im Morgengrauen haben sich bereits etliche Menschen auf dem Dresdner Richtplatz versammelt. Als Erster wird der Richard Albin May wegen Mordes an seiner Ehefrau hingerichtet. Der zweite Todeskandidat ist Stephan Kops, der nur noch schluchzt und betet, während das Todesurteil noch einmal vorgelesen wird. Sein „König“ ist nun machtlos. Auch Robert Bussek sucht Trost beim Allmächtigen und winselt um Gnade – die er dem Opfer nicht gewährte.
Doch alles Flehen ist umsonst. Landesscharfrichter Brand waltet seines Amtes und schlägt den drei Männern hintereinander mit dem Handbeil den Kopf ab. Er benötigt dafür 22 Minuten. Es sind die vorletzten Hinrichtungen im Freistaat Sachsen. Diese grausame Hinrichtungsmaschinerie wird 1933 von den Nationalsozialisten wiederaufgenommen werden.
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Kunst im Knast
Am Tag nach der Hinrichtung sitzt Paul Kops wieder in seiner Zelle. Und irgendwann fängt er an, sich die endlosen Tage mit Zeichnen zu vertreiben. Kehrt dabei auch die inneren Bildern nach außen, verarbeitet die Hinrichtung seines Bruders, aber auch die anfängliche Angst über seinen eigenen Tod, dem er nur durch sein jugendliches Alter entgangen ist. Der Sensenmann wird dabei zum wiederkehrenden Motiv.
Kops hegte offenbar auch Selbstmordgedanken, malte sich selber als Erhängten. Konnten Bilder aus dem Knast noch düsterer sein? Aber vor allem: Konnten sie wirklich Auskunft über den genauen Tathergang jener Nacht geben, und so auch ein „gezeichnetes Geständnis“ sein, wie Robert Heindl es in einem Aufsatz schrieb? Glaubt man einer Zeichnung, war Robert Bussek der alleinige Mörder. Waren Kops‘ Werke nicht eher die visuelle Beichte eines Mannes gewesen, der den unbändigen Drang verspürt hatte, sich der Last über das Täterwissen zu entledigen?
Im Juli 1923 wird Kops‘ Strafe vom Justizministerium nachträglich auf zehn Jahre herabgesetzt, im Dezember 1924 wird er in eine andere Anstalt verlegt. Dort hofft man, nach einer Haftpsychose auf Besserung seines Zustandes. An Heiligabend 1926 wird Kops nach teilweiser Strafverbüßung aus der Haft entlassen, auf den noch nicht verbüßten Strafrest ist ihm Bewährungsfrist bewilligt worden.
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Zwei Jahre später lebt er – laut Strafakte - wieder in Leipzig. Bei der Firma Wilhelm Jeute arbeitet er als technischer Zeichner. Aber als 1928 mehrmals in der Firma eingebrochen wird, fällt der Verdacht schnell auf den ehemaligen Knastbruder. Kops leugnet, gibt sich seriös: „Ich bin Preuße, vermögenslos und habe jetzt wöchentlich 40 Mark Verdienst.“ Als die Polizei sein Zimmer durchsucht, befördert sie etliche Schlüssel und Nachschlüssel aus seiner Firma sowie eine Pistole zutage. Kops wird schließlich des Diebstahls sowie eines Kantineneinbruchs überführt. Das bedeutet nicht nur eine erneute Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, sondern auch, dass seine Bewährungsfrist widerrufen wird.
Als er am 9. Dezember 1930 aus der Haft entlassen wird, schließt sich am nächsten Tag die Verbüßung der Reststrafe von 475 Tagen für den Steinhausen-Mord an, die er in Hoheneck absitzen muss. Insgesamt zwei Mal wird der mittlerweile sehr aufsässige Häftling wegen „Psychopathie“ in die Heil- und Pflegeanstalt Waldheim verlegt. Als er schließlich am 28. März 1932 aus der Haft entlassen wird, macht er sich auf den Weg zu seiner in Leipzig verheirateten Schwester, die sich dazu bereit erklärt hat, „ihn zu pflegen und besorgt zu sein, dass er ein anderer werde“.
Robert Bussek und Stefan Kops
© Sammlung Müller
Outing in Bautzen
Über ein halbes Jahr später stellt die Leipziger Polizei wohlwollend fest, dass Kops, der nun Arbeitslosenfürsorge bezieht, „sich ganz in die Aufsichtspflege seiner Schwester“ fügt und „nicht mehr kriminell in Erscheinung getreten“ sei. Es hat nun endlich den Anschein, als habe Kops dem Verbrecherleben abgeschworen.
1935, da lebt er immer noch in Leipzig, heiratet er und findet eine Arbeitsstelle als Zeichner bei der ATG (Allgemeine Transportanlagen-Gesellschaft mbH). Wieder vergehen Jahre, in denen Kops nicht polizeilich in Erscheinung tritt – oder aber seine kriminellen Spuren geschickt vertuscht hat.
Deutschland, 1945, Stunde null. Paul Kops wohnt wieder bei seiner Schwester in Leipzig. Als Ende des Jahres in Zschölkau ein 180 Kilogramm schweres Schwein gestohlen werden, geraten Kops und zwei seiner Kumpane unter Verdacht. Das Verfahren wird mangels Beweise eingestellt. Parallel dazu ist er bei der russischen Staatsanwaltschaft wegen „unberechtigtem Waffenbesitz“ sowie „Urkundenfälschung als KPD-Mitglied und Straßenbeauftragter“ angezeigt worden - als „Anarchist“ hat er sich schon früher in Bautzen geoutet.
Die Hintergründe sowie das weitere Verfahren gehen aus der Akte jedoch nicht hervor. Und auch sein weiteres Leben in den darauffolgenden Jahrzehnten ist ein leeres Blatt Papier, das er diesmal wohlweislich nicht mit Zeichnungen füllt. Er hat gelernt, sich und sein Seelenleben nicht mit Stift und Papier zu verraten.
Hannover, 10. Januar 1981. Ein gewisser „Peter Reil, geboren am 15. Februar 1910 in Beuthen“, stirbt in der Notaufnahme der Medizinischen Hochschule. Der katholische und angeblich ledige Mann hatte dort bei seiner Schwester gewohnt: Albine Kops. Tatsächlich hatte Paul Kops am 8. Juli 1980 Neunkirchen im Siegerland verlassen, wo seine Ehefrau in einem Pflegeheim untergebracht war – und war dann auf wundersame Weise in Hannover als „Peter Reil“ angekommen – mit 18.000 DM im Gepäck, und das als amtlich bescheinigter Sozialfall. Noch auf dem Totenbett hatte er eine Krankenschwester um Hilfe gebeten. Die Frau hatte sich erbarmt und einen anonymen Brief an das Sozialamt geschrieben, „um dem Toten zu seinem letzten Willen zu verhelfen“ und dessen Ehefrau zu dem Geld, und zwar „ehe der Nachlass von der Schwester beseitigt wird“.
Der Verbrecher war tot – und mit ihm seine diversen Geheimnisse. War das Kops' Rache an der Gesellschaft? Die Rache eines Anarchisten, der sich auch als „Nihilist“ sah? Der als solcher aber auch seine Taten legitimiert hatte, zumindest in seinem Tagebuch: „Da nun dein Lämpchen brennt zu End‘ – Bring‘ ich dir her dein Totenhemd – Ich schick‘ ein jeden in das Ewige – Denn ich bin der Tod, der Grausige“, hieß es darin auch wenig aufbauend.
Bettina Müller lebt als freie Autorin in Köln und schreibt für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften vor allem über historische True-Crime-Fälle, Kunst, Kultur und Literatur der Weimarer Republik, Reise und Genealogie. Am 8. April 2026 ist ihr neues Buch „Die Masseuse mit der Hundepeitsche: 12 historische Mordfälle aus Berlin und Umgebung“ im Ammian-Verlag erschienen.
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