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Ich habe lange gerungen. Jahre synodaler Arbeit, Diskussionen in Ausschüssen, Vorträge und Andachten. Jahre, in denen ich versucht habe, die Stimme des Evangeliums in Fragen von Krieg und Rechtfertigung militärischer Optionen hörbarer zu machen. Und Jahre, in denen ich sah, wie diese Stimme leiser wurde.
Es war kein Bruch, sondern ein Prozess: das Gefühl, dass Kirche sich von ihrem Fundament entfernt. Dass sie sich in sicherheitspolitischen Debatten zunehmend an staatlichen Narrativen orientiert, statt ihre ureigene Perspektive einzubringen. Dass sie die Friedensbotschaft zwar rhetorisch hochhält, aber praktisch relativiert.
Am Ende dieses Weges stand keine Bitterkeit, sondern eine Gewissensentscheidung: Ich habe meine Kirche verlassen. Nicht, weil ich den Glauben verloren hätte – sondern weil ich ihn ernst nehme. Ein Austritt als Bekenntnis.
Friedensgruß auf dem Kirchplatz von Repelen
© Rainer Hoheisel/Imago
Warum ich ging
Die Prämisse ist einfach: Die Botschaft Jesu ist eine Friedensbotschaft. Versöhnung und Gewaltverzicht sind keine frommen Randbemerkungen, die man je nach politischer Opportunität hervorholt; sie sind Maßstab für das Handeln der Kirche. Sie ist eine Institution, die eine zeitlose, für mich wunderbare Botschaft trägt. Sie ist nicht verhandelbar. Sie ist der Kern dessen, was Kirche von allen anderen unterscheidet.
Doch in den vergangenen Jahren habe ich erlebt, wie diese Botschaft in Verlautbarungen und in der praktischen Haltung an Klarheit verlor. Die neue Denkschrift zur Friedensethik verschiebt sie zugunsten militärischer Optionen. Das mag politisch nachvollziehbar erscheinen, aber theologisch ist es ein Bruch.
Kirche, die militärische Logiken legitimiert, verliert ihre Mitte. Was mich dabei irritiert hat, ist die Geschwindigkeit, mit der dieses akzeptiert wurde. Kaum breite innerkirchliche Debatte, um die Grundlagen der Friedensethik neu zu durchdenken. Stattdessen eine erstaunliche Bereitschaft, sicherheitspolitische Argumente zu übernehmen, als seien sie theologische Selbstverständlichkeiten.
Ich habe versucht, diese Entwicklung zu korrigieren. Irgendwann habe ich erkennen müssen: Die Abweichung zwischen dem, was geboten wäre, und dem, was praktiziert wird, ist zu groß. Ein Abstand, der nicht durch Geduld, Loyalität oder Hoffnung überbrückt werden konnte.
Warum Diplomatie kein Traum ist
Es ist falsch, Diplomatie und Gewaltverzicht als naiv abzutun. Das Gegenteil ist richtig. Diplomatie ist die anspruchsvollste Form politischer Verantwortung. Sie verlangt Geduld, Ausdauer und die Bereitschaft, unpopuläre Wege zu gehen. Sie ist mühsam, oft frustrierend, aber wirksam. Nicht sofort, nicht immer sichtbar, aber nachhaltiger als Eskalation. Und gerade Kirche weiß das und müsste mutiger diese Perspektive vertreten.
Kirche ist keine Partei. Parteien konkurrieren um Macht und sind an Wahlperioden und Mehrheiten gebunden. Kirche ist frei davon. Doch diese Freiheit wird kaum genutzt. Sie könnte die Stimme sein, die sagt, was andere nicht sagen: dass Menschenleben wichtiger als Territorien und Ressourcen sind, dass Verständigung möglich und Zugeständnisse nötig sind.
Ich vermisse Appelle an alle Konfliktparteien und die Mahnung auch an unsere Regierung. Und ich vermisse die Bereitschaft, verpasste Chancen zur Deeskalation zu benennen. Dabei geht es nicht darum, Schuld zu relativieren, sondern anzuerkennen, dass keine Seite ohne diese ist. Und ich vermisse die Einsicht, dass Kritik nur authentisch ist, wenn sie konsequent bleibt: Glaubwürdigkeit entsteht dort, wo dieselben Maßstäbe auf alle Konflikte angewendet werden – auch auf die schwierigen.
Diplomatie im Sinne des Evangeliums ist nicht taktisches Abwägen. Sie folgt der Logik der Menschlichkeit. Kirche wäre glaubwürdiger, wenn sie diese Form der Diplomatie konsequent verträte – nicht die parteipolitische Variante, sondern die, die aus ihrem eigenen Auftrag erwächst.
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Warum die Kirche ihre eigene Stimme verliert
Ich sehe eine Kirche, die sich an Narrative anlehnt. Die bewertet, aber die Maßstäbe des Evangeliums nur selektiv anlegt. Ich sehe auch Kirche, die Stimmen überhört: Eine Umfrage beim Adventsfest meiner Gemeinde zeigte eine Ablehnung weiterer Waffenlieferungen, die kaum deutlicher hätte ausfallen können. Doch solche Mehrheiten tauchen in Debatten kaum auf. Sie werden nicht diskutiert, nicht als legitimer Ausdruck kirchlicher Gewissensbildung anerkannt. Es vermittelt den Eindruck: Eure Gewissen zählen nur, wenn sie in die institutionelle Linie passen.
Hinzu kommt eine spürbare Zurückhaltung, sich zu äußern. Häufig nehme ich eine Spannung zwischen dem wahr, was in Gremien gesagt wird, und den Empfindungen vieler Christinnen und Christen. Viele wählen ihre Worte sorgfältiger – aus Sorge, eingeordnet oder missverstanden zu werden. Diese Zurückhaltung verändert die Gesprächskultur. Sie macht Diskussionen harmonischer, aber nicht ehrlicher. Und sie führt dazu, dass Stimmen – die differenzierten, die tastenden, die unbequemen – seltener hörbar werden.
Dabei geht es mir nicht darum, andere Sichtweisen geringzuschätzen. Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen Verteidigungsbereitschaft oder militärische Stärke für notwendig halten. Diese Positionen haben ihren Platz – aber nicht in kirchlichen Leitlinien. Kirche hat einen anderen Auftrag. Es ist nicht Wesenskern von Kirche, sicherheitspolitische Logiken zu vertreten. Ihre Aufgabe ist das Evangelium – und das spricht eine andere Sprache. Wo das aus dem Blick gerät, verliert sie zugleich etwas von ihrem Wesen.
Werksprüfung der Friedensglocke der St. Anna-Kirchengemeinde in Augsburg.
© Gustavo Alabiso/imago
Wenn Zuhören kein Ernst nehmen ist
Was mich zunehmend belastet hat, war nicht der offene Widerspruch, sondern das höfliche, formvollendete, aber letztlich folgenlose Zuhören. Dieses Zuhören, das den Anschein von Dialog erzeugt, ohne in ein argumentatives Ringen einzutreten.
Ich habe oft das Gefühl gehabt, dass Argumente nicht widerlegt, sondern weichgezeichnet werden. Nicht, weil sie falsch gewesen wären, sondern weil sie unbequem waren. Sie werden nicht ernsthaft geprüft, sondern ausgesessen, relativiert, bis sie zu unverbindlichen Allgemeinplätzen zerfließen. Man hört zu, nickt, bedankt sich – und macht weiter wie zuvor. Es ist eine Form der Entwertung: Nicht das offene Nein irritiert, sondern das höfliche Nichts. Gegen dieses Ausweichen findet man keinen Ansatzpunkt, da es sich jeder Auseinandersetzung entzieht.
Hinzu kommt eine Rhetorik, die nicht angreift, aber doch wirkt. Sätze wie „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“ werden nicht ausgesprochen, dennoch spürbar, wirken sie wie ein unsichtbarer Rahmen, der jede Kritik als vermessen erscheinen lässt. Diese Selbstrelativierung macht Kritik nicht unmöglich, aber weniger wirksam. Sie verwandelt Gewissen in Skrupel und Skrupel in Schweigen.
Kirche darf Gewissensprüfung und Kritik nicht als Unruhe deuten – sonst verfehlt sie dort ihren Auftrag, wo sie glaubwürdig sein müsste. Wer Argumente nicht widerlegt, sondern übergeht, betreibt keine Debatte, sondern Schadensbegrenzung.
Warum dieser Schritt kein Bruch ist
Ich habe meine Kirche nicht verlassen, um zu spalten, sondern um zu provozieren – im besten Sinn des Wortes: eine Debatte, die theologisch fundiert und gesellschaftlich wirksam ist.
Mein Austritt ist keine Resignation, sondern ein Schritt, den ich in Verantwortung gehe. Er macht sichtbar, was sonst wenig sichtbar bliebe: dass es Menschen gibt, die die Friedensbotschaft Jesu nicht als poetische Metapher verstehen, sondern als Handlungsauftrag. Er eröffnet Raum für neue Formen des Engagements und fordert Kirche heraus, ihre Prioritäten neu zu ordnen – nicht kosmetisch, sondern grundlegend.
Mir ist klar, dass dadurch vieles, was wertvoll und gut gemacht ist, nun noch weniger unterstützt werden kann. Zugleich fällt es mir schwer, weiterhin eine Kirche mitzutragen, deren Auslegung des Evangeliums sich zunehmend von dem entfernt, was ich selbst als richtig empfinde.
Der Austritt war für mich der Anfang einer Klarheit, die mir im Inneren der Kirche nicht mehr möglich war. Aber jeder Christ muss für sich entscheiden, welchen Weg er geht: in der Kirche weiterwirken oder, wie ich, einen anderen Weg wählen. Beides hat seine Berechtigung.
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Ein Appell an die Kirche
Am Ende geht es nicht um mich. Kirche muss sich ihrer eigenen Botschaft wieder bewusst werden. Nicht als moralische Dekoration, sondern als aktive Kraft, als politisch und theologisch verbindliche Haltung, die Konsequenzen hat. Sie muss Frieden nicht nur erbeten, sondern ihn einfordern. Sie muss Kritik äußern und konsequent anwenden – auf alle Seiten. Und sie muss die Stimmen ihrer Mitglieder hören. Auch die leisen und unbequemen. Und auch die der großen Mehrheit, die nicht am Gemeindeleben teilnehmen, aber Teil dieser Kirche sind und sie finanziell ermöglichen.
Kirche ist für mich authentisch, wenn sie bekennt, dass es für aktuelle Kriege keine militärische Lösung gibt, wenn sie auch die Strategie unserer Regierung kritisch benennt und die weitere Unterstützung von Kriegen, als das betitelt, was es ist: eine Verlängerung des Leidens durch sinnloses Töten. Authentizität entsteht im Handeln, das sich am Evangelium orientiert – und nicht als Verteidigerin einer Seite, sondern als Zeugnis, das allen Seiten unbequem sein darf.
Ich bin und bleibe Christ. Glaube braucht Kirche als Resonanzraum, aber nicht als Besitzerin. In ihren Räumen kann er Gestalt gewinnen, durch ihre Stimmen kann er gedeutet werden – doch sein Ursprung liegt nicht in ihr. Vielleicht liegt in den vielen Austritten eine Erinnerung daran, dass Kirche dort entbehrlich wird, wo sie sich von Jesus entfernt. Der Glaube trägt die Kirche – nicht umgekehrt. Wo sie das vergisst, verliert sie den Grund, auf dem sie steht.
Ich bleibe dem Weg verpflichtet, der Leben schützt, Versöhnung sucht und Hoffnung stiftet. Der Austritt ist mein Anfang für eine glaubwürdigere Friedensethik. Vielleicht ist er auch ein Anstoß für jene, deren Gewissen nicht länger schweigen kann. Und natürlich trage ich in mir die Hoffnung, zurückzukehren – wenn das Evangelium wieder mehr zählt als der Tageslärm.
Guido Trempelmann, Jahrgang 1970, ist diplomierter Informatiker aus Magdeburg und hat früh gemerkt, dass ihn nicht nur Systeme interessieren, die aus Nullen und Einsen bestehen. Sein Blick gilt gesellschaftlichen Zusammenhängen, den philosophischen Fragen hinter dem Offensichtlichen und den christlichen Überzeugungen, die Frieden ins Zentrum stellen. Er versteht sich als Pazifist, der weiß, dass Verantwortung Mut braucht, und der versucht, als Autor diesen Mut aufzubringen. Seine Hoffnung ist schlicht, dass viele Menschen auf ihre Weise ebenfalls auf diesem Weg sind.
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