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Apotheker waren noch niemals begnadete Revolutionäre. Das wusste kein geringerer als Theodor Fontane (1819-1898), der sich als junger Apotheker im Zuge der Märzrevolution von 1848 auf die Barrikaden begab. Über seine autobiographische Erzählung „Von Zwanzig nach Dreißig“ sind wir sehr gut über ihn als Zeuge der Revolution im März 1848 informiert.
Fontane war damals noch kein Journalist und Schriftsteller, sondern angestellter Apotheker, „Provisor“, in der „Apotheke zum Schwarzen Adler“ in Berlin. Aus Theaterrequisiten erstand er ein nur teilweise funktionsfähiges Gewehr, mit dem er gegen die anrückenden preußischen Soldaten ziehen wollte. Der Mut verließ ihn schnell, er nimmt einen zweiten Anlauf, dieses Mal unbewaffnet als Beobachter. Wieder endete die Teilnahme in einem Fiasko, als er beim Sturm auf das heute nicht mehr existierende „Köllnische Rathaus“ einen Säbelhieb erhielt, verletzt wurde und damit seinen endgültigen Rückzug als Revolutionär antrat.
Am nächsten Tag steht er wieder in seiner Apotheke und beschrieb voller Ernüchterung seine Stimmungslage: „Das ganz Alltägliche bleibt immer siegreich und am meisten das (All-)gemeine.“
Sinnloser Protest
Ähnliches haben die Kolleginnen und Kollegen gewiss empfunden, die sich gegen Ende März in einigen deutschen Städten zum Protest versammelten, zu dem die Abda („Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände“) aufgerufen hatte. Das Wort „Streik“ wurde dabei tunlichst vermieden, denn es handelte sich nicht um eine Aktion von Arbeitnehmern gegen Arbeitgeber, sondern alle Inhaberinnen und Inhaber sollen mit ihren Mitarbeitern nach den Empfehlungen der Abda ihre Apotheken an diesem Tag schließen und sich in eine der zentralen Städte Deutschlands begeben, wo die Protestkundgebungen stattfanden.
Im Kern geht es um eine längt überfällige Honorarerhöhung, der sogenannten Anpassung des Fixums, das die Apotheken pro Packung von den privaten und gesetzlichen Krankenkassen für ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel erhalten. Seit 2004 (!) wurde dieses Fixum nicht erhöht und beträgt nach wie vor 8,35 Euro. Lediglich im Jahr 2011 wurde ein Inflationsausgleich in Höhe von 3,5 Prozent gewährt. Durch die steigenden Kosten müssen immer mehr Betriebe schließen, ein Grund für das deutsche Apothekensterben, das in den letzten Jahren immer weiter zugenommen hat.
Auch wenn die Gesundheitsministerin Nina Warken nicht müde wird, eine Erhöhung zu versprechen, ist bisher nichts passiert. Zyniker vergleichen diese Hinhaltetaktik mit einem „Warten auf Godot“, der ja auch niemals kommen wird. Schuld an dieser Misere ist neben der Politik aber auch die standeseigene Organisation, die Abda.
Apotheke im Erdgeschoss des Geburtshauses von Theodor Fontane, der selbst Apotheker war, in Neuruppin.
© Jürgen Ritter/Imago
Die Abda als eine „standesgeschichtliche Missgeburt“
Deren Webfehler ist schon in ihrer Gründung zu sehen. Sie wurde im Jahre 1950 in der BRD als „Arbeitsgemeinschaft der Berufsvertretungen Deutscher Apotheker“ ins Leben gerufen und setzt sich aus 34 Mitgliedern zusammen. Dazu zählen 17 Landesapothekerverbände und 17 Landesapothekerkammern. Was auf den ersten Blick harmlos klingt, ist in Wirklichkeit ein Grund für die Fesseln, die sich die Abda selbst angelegt hat.
Im Jahr 1950 war die pharmazeutische Welt in der damaligen BRD noch in Ordnung. Es gab noch keine Niederlassungsfreiheit. Eine Erlaubnis zum Betrieb einer Apotheke wurde, analog den Mechanismen der kassenärztlichen Vereinigung (KV), nach dem jeweiligen Bedarf an Apotheken erteilt. Mit dem „Apothekenurteil“ von 1958 änderte sich die rechtliche Situation schlagartig. Seit dieser Zeit kann sich jede Kollegin oder jeder Kollege an dem Ort niederlassen, den er sich ausgesucht hat, sofern die personellen und räumlichen Voraussetzungen dafür erfüllt werden. Das führte zu einem exponentiellen Anstieg an Niederlassungen.
Problematisch ist die Konstruktion der Abda aus mehreren Gründen. Zum einen können die Apothekerinnen und Apotheker die Abda-Vertreter nicht selbst wählen, da diese von Kammern und Verbänden bestimmt werden. Es handelt sich um ein Musterbeispiel einer Hinterzimmer-Politik, bei der Personen attraktive Posten ohne Legitimation der Basis erhalten. Darüber hinaus holt sich die Abda ihre Beiträge von den Kammern und Verbänden, diese wiederum von den Kolleginnen und Kollegen. Somit generiert sich die Abda als eine Art „Staat im Staate“, dessen 34 Mitglieder selbstherrlich entscheiden können, ohne dass die Basis ein Mitspracherecht hat. Viel gravierender ist jedoch die Parität von Kammern und Wirtschaftsverbänden unter dem Dach der Abda.
Wirtschaftsverbände basieren auf einer freiwilligen Mitgliedschaft und haben zur Aufgabe, die kommerziellen Interessen der Apotheken zu vertreten. Jedes Bundesland hat in der Regel einen Wirtschaftsverband, wie beispielsweise Thüringen den Thüringer Apothekerverband. Die Kammern wiederum sind Körperschaften des öffentlichen Rechtes, unterliegen in den entsprechenden Bundesländern einer ministeriellen Aufsicht und haben hoheitliche Aufgaben. Das heißt, sie üben Berufsgerichtsbarkeit aus, indem sie ihre Mitglieder kontrollieren. Das geschieht beispielsweise in Form von Testkäufen oder Qualitätstests für selbst hergestellte Arzneimittel.
Der Kammer kann man sich nicht entziehen, jede Apotheke ist Zwangsmitglied. So ist also die Abda in einem ständigen Konflikt zwischen Regierung und Opposition. Um mit Fontane zu sprechen, die Abda würde eine Symbiose von 48er-Revolutionären und preußischer Obrigkeit darstellen, ein Spagat, der in der Praxis nicht gutgehen kann.
Im Hinblick auf den Protesttag wird dieses Dilemma besonders deutlich. Die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg hat ihren Mitgliedern verboten, am Protesttag ihre Apotheken zu schließen. Was kaum einer weiß: Apotheken dürfen nur auf Genehmigung der Kammern geschlossen werden und sind eigentlich immer dienstbereit. Durch die Regelung des Notdienstes werden die Betriebe dann zu bestimmten Zeiten davon befreit, dauerhaft geöffnet zu sein. Für die Überwachung dieser Regelung ist als Behörde die Kammer zuständig, die auf derartige Verstöße mit drakonischen Maßnahmen reagieren kann.
Auf Anweisung des zuständigen Sozialministers in Baden Württemberg (Partei Bündnis 90 / Grüne), der die Aufsicht über die baden-württembergische Kammer hat, wird somit eine Schließung verboten, während die Abda am Protesttag dazu aufruft. Der Vorfall erinnert an Fontanes halbfunktionales Gewehr aus der Revolution von 1848, das aus einer Theaterkulisse stammt.
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Mangelnde Solidarität
Zur Misere am Protesttag trug aber auch die mangelnde Solidarität der Adexa, der sogenannten apothekeneigenen Gewerkschaft, bei. Deren geschätzte Mitgliederzahl beträgt 3500 bis 4000 Mitglieder und repräsentiert somit nur einen Bruchteil der 160.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Apotheken. In ihrer Stellungnahme zum Aktionstag hat die Adexa verlauten lassen, dass es sich hier nicht um einen Streik, sondern um einen Protest handelt.
Der feine Unterschied zwischen Streik und Protest wälzt somit den Hauptkostenblock des geschlossenen Tages ausschließlich auf die Apothekeninhaberinnen und -inhaber ab. Denn die Adexa hat erklärt, dass an diesem Protest-Montag die Mitarbeiter ihre Dienste anbieten und daher lohnpflichtig sind. Sollte die Apotheke geschlossen sein, haben die Mitarbeiter Anspruch auf Entlohnung an diesem Tag. Solidarität sieht anders aus.
Die Tatsache, dass durch die Untervergütung der öffentlichen Apotheken, bedingt durch die ausbleibende Honorarerhöhung, viele Beschäftigte bereits fluchtartig die Betriebe verlassen und sich Betätigungsfelder im öffentlichen Dienst und in der Industrie gesucht haben, müsste die Adexa eigentlich dazu motivieren, etwa in Form einer Streikkasse, den Protesttag zu unterstützen. Denn alle Mitarbeiter, die in den öffentlichen Dienst wechseln, gehen letztendlich auch der Adexa als Mitglieder verloren.
Ein Lichtblick bei den Standesorganisationen ist die „Freie Apothekerschaft“, deren Vorsitz die im sächsischen Zwickau tätige Apothekeninhaberin Daniela Hänel innehat. Die als eingetragener Verein tätige Körperschaft umfasst inzwischen knapp 1700 Mitglieder und setzt sich ehrenamtlich für die Belange der Inhaberinnen und Inhaber ein. Auch ohne große Presseabteilung hat sich der Verein in der Politik Gehör verschafft und treibt die verantwortlichen Entscheidungsträger mit klugen juristischen Eingaben und professionellen Gutachten vor sich her.
Gesundheitsministerin Nina Warken verspricht viel, setzt wenig um.
© dts Nachrichtenagentur/Imago
Zunehmendes Insolvenzrisiko
Wer die Abda jedoch kennt und ihre Strukturen überschaut, weiß, dass diese schon seit Jahrzehnten ein zahnloser Tiger ist und in ihrer Geschichte wenig bewirkt hat. Das wirksamste Mittel, um der Bevölkerung die Dringlichkeit der Situation vor Augen zu führen, ist eine Apothekenschließung.
Diese Entwicklung nimmt allmählich an Fahrt auf und scheint auch in den Kommunen und Landkreisen inzwischen ein Thema zu sein. Selbst kommunaleigene Gesundheitszentren, die mit günstigen Mieten locken, finden keine niederlassungswilligen Kolleginnen und Kollegen.
Aus verständlichen Gründen gehen nur ganz wenige Jungapothekerinnen und -apotheker das Risiko einer Selbständigkeit ein, was auch völlig nachvollziehbar ist. Wer trägt noch gerne ein unternehmerisches Risiko für eine Branche, die seit Jahrzehnten nicht adäquat durch die Politik vergütet wird? Nicht wenige Inhaberinnen und Inhaber sehnen daher den Tag ihrer Geschäftsaufgabe herbei, an dem sie von allen Sorgen entbunden sind. Der Frust kommt inzwischen bei den Kunden an, wenn Apotheken nicht übergeben und dann geschlossen werden.
Auch das zunehmende Insolvenzrisiko einiger Betriebe ist inzwischen ein Thema. Betroffen sind viele Gegenden gerade in den neuen Bundesländern, wo die Infrastruktur auf dem Land sowieso schon sehr lückenhaft ist. Fällt die Apotheke als gesellschaftliches Zentrum in den Dörfern oder Stadtteilen weg, wird das Gefühl, abgehängt zu sein, noch größer. Die Sehnsucht nach den verlässlichen DDR-Apothekenstrukturen ist daher verständlich. Dort funktionierte die Versorgung trotz Planwirtschaft hervorragend, auch wenn Arzneimittel-Lieferengpässe natürlich immer ein Thema waren.
Der Blick in die Geschichte ist zwar erhellend, wird aber auch das alte System nicht mehr zum Leben erwecken. Und so wird bei sinkender Zahl an Standorten die bewährte Arzneimittelversorgung zu Grunde gerichtet. Die Abda ist nicht in der Lage, gegenzuhalten und auch die Apotheker haben noch nie zur Revolution getaugt.
Theodor Fontane ist einen Tag nach der Revolution von 1848 wieder in seiner Apotheke „Zum Schwarzen Adler“ in Berlin zu finden, wo er Lebertran als Vitamin D-Quelle verkauft. Dieser spielt heute in der Pharmazie keine Rolle mehr, dafür gibt Tabletten oder Tropfen. Sehr pragmatisch fasst der Apotheker und spätere Dichter daher seine revolutionären Erfahrungen zusammen: „Freiheit konnte sein, Lebertran musste sein.“ Ob der Präsident der Abda, Thomas Preis, ähnliche Gedanken wie Theodor Fontane hatte, als er nach dem Protesttag wieder in seiner Kölner Apotheke stand?
Thomas Richter (Jg.1965) studierte Pharmazie in Würzburg und wurde dort 1997 promoviert. Sein Zweitstudium der Germanistik schloss er mit einer Promotion zum Doktor der Philosophie im Jahre 2008 in Würzburg ab. Als approbierter Apotheker betreibt er mit seiner Frau Claudia Richter zwei Apotheken in der Stadt und im Landkreis Würzburg.
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