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Meine Freundin ist eine von den vier Frauen, mit denen ich jeweils ein Kind habe. Sie ist 1990 im wiedervereinigten Deutschland geboren, unser Sohn 2019 in dessen Hauptstadt. Dazwischen liegen Welten. Weltordnung im Wandel.
Zum Geburtstag wünscht sie sich eine Sonntagsfahrt nach Schwarzheide. Das Schwarzheide zwischen Ruhland und Senftenberg in der Lausitz. Ich schaue ungläubig zu ihr, auf die andere Seite. Ja, bitte. Im Outlet, sagt sie, gibt es Levi’s, „hab’ noch nie Levi's gehabt.“
Dieses Jeans-Ding kennt jeder, auch ich. Es war ein Branding, Menschen erkannten einander. Ein Blick auf den Arsch und man wusste direkt, wer im Westen Verwandte oder nur Beziehungen zum Exquisit hatte. In der Pubertät, auf dem Rücken liegend, den Arsch nicht in eine Markenjeans quetschen zu können, war die Todesstrafe. Innen.
Außen interessierte das niemanden bis zum Mauerfall. Von da an wird alles zu etwas, das andere haben und man selbst nicht. Wenn die Eltern sich trennen oder ihren Job verlieren, sind die Verhältnisse prekär. Das Etikett sitzt. Leute, die sie nur vom Fernsehen kennt, in Filmen bewundert, im Sommer im Stadtpark begegnet, werden zum Maßstab ihres Wohlbefindens. Wo sie geht und steht, sie lauert auf den nächsten Stich. Levi's sind kein Kleidungsstück mehr aus dem Westen, sondern ein Ausweis für sozialen Status.
Männer werfen sich mitleidige Blicke zu
Zwanzig Jahre später fahren wir also mit meinen Taschen voller Geld nach Schwarzheide ins Outlet zu den Restposten, um ein Versprechen einzulösen. Blühende Landschaften. Leuchtende Augen, endlich gesamtdeutsch. Ich verstehe mich selbst nicht mehr. Es gibt Orte, Gegenden und es gibt Unorte, die nicht mal das Prädikat „hässlich“ verdienen. Dahin sind wir unterwegs. Zwischen einer Tankstelle und dem Gewerbegebiet haben sie einen netten Haufen gemacht und „Outlet“ draußen ran geschrieben.
Die meisten Menschen haben ihre quengelnden Kinder dabei. Sie sind nicht arm in dem Sinne, wie es in Berliner Zeitungen beschrieben wird — sie sind normal. Und ihr Normal ist, dass auch achtunddreißig Euro für eine Jeans viel Geld ist. Jeder nur eine Kugel Eis.
Die Männer, die nicht einkaufen wollen, stehen vorm Laden, werfen sich gegenseitig mitleidige Blicke zu, ziehen abwechselnd die Augenbrauen und die Schultern hoch.
Einmal nicht rechnen, bevor sie etwas in den Korb legt, einfach alles anprobieren und sich mit der dritten 501 vergnügt vorm Spiegel drehen. Der Gang zur Kasse ist leicht, ich zahle, Schatz. Wir gehen zum Parkplatz, sie hält die Tüte, und sie lächelt auf eine Art, die ich vorher noch nicht kannte.
Nachmittags Volksfest. Das war nicht geplant. Wir übersehen fast das Hinweisschild an der Straße. Eintritt frei. Bratwurst mit Brötchen drei Euro, Bier vom Fass zwei Euro fünfzig. Senf oder Ketchup. Gern beides.
Die Freiwillige Feuerwehr Schwarzheide hat sich auf der grünen Wiese mit zwei Löschzügen aufgebaut. Hier können die Kinder mal Dampf ablassen und Plastekisten umspritzen. Unser Sohn ist Feuer und Flamme. Da rote Pavillons, hier Bierbänke, noch ein Karussell für die Kleinsten, ein Stand mit selbstgebackenen Kuchen. Alles aufgebaut von engagierten Müttern und Frauen, alles bereit, alles vorbereitet für einen schönen Tag.
Das gesamte Volksfest durchschreitet man in zwei Minuten, rechts und links paar Stände mit Schnulli und Fressbuden, das übliche. Aus der Reihe ein Solidaritätsbasar, man kauft Lose und bekommt einen Schlüsselanhänger aus der Behindertenwerkstatt.
Currywurst auf dem Volksfest in Schwarzheide
© Volker Metzler
In Leipzig 1989 auf die Straße gegangen
DJ Mike legt im offenen Pavillon das Beste aus den 80ern gern auf. Die Tanzfläche sind die zehn mal zehn Meter Schotterfläche vor ihm. Wenn gegen Abend noch mehr Alkohol im Spiel ist, wird hier getanzt und geknutscht, ganz sicher gekloppt. Jetzt ist erst Nachmittag und der Platz kennt keine Zuschauer, niemand hier, der wenigstens mit den Fußspitzen lässig wippt, wie der Harry Jeske von den Pudhys.
Tristes l’amour. Ich ertappe mich bei einem hysterischen Anfall aus Aufschrei und dümmlichem Lachen. Dafür bin als Schauspielstudent in Leipzig 1989 auf die Straße gegangen und habe montags „Wir sind das Volk“ skandiert. Bin nicht in den Westen gegangen, dafür vor Wasserwerfern geflohen. Der DJ bemerkt mich nicht und auch sonst niemand. Gott sei Dank. Er ist high, wechselt die Titel, legt nach. Ja, spiel’s noch mal Sam. Das ist Deutschland. Ich sehe was, was du nicht siehst.
Der Ausweg führt nach Innen, daran muss ich denken. Jemand hatte es auf die Mauer geschrieben und ein Stück davon trage ich immer noch bei mir. Die Menschen meines Landes unterscheiden sich von anderen grundsätzlich, natürlich nicht in der Art, wie sie gehen, wie sie sprechen. Sie glauben daran, dass die Indianer die Guten sind, sie wissen, dass Eskimos in Schneehütten wohnen und Gästen ihre Frauen anbieten. Die demokratische Mehrheit glaubt an die Veränderbarkeit von Welt und wählt jetzt AfD.
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Angst vor dem Fliegen, aber nicht die klassische Flugangst
Sie strengen sich so an, ein anständiges Leben zu führen. Sie organisieren Volksfeste, sie stellen DJs hin, sie backen selber Kuchen, sie schmücken Pavillons mit Girlanden, sie hängen bunte Lampions auf, die Feuerwehr zündet ein Feuer an, Rudi und Helmut trinken zu viel und prügeln sich später aus Langeweile, Gisela erzählt Regina, dass sie sich verliebt hat in Jochen, er aber seine Frau nicht verlassen kann wegen der Kinder. Nochmal zwei Manhattan, und weinen sich aus.
Ich habe panische Angst vorm Fliegen, erwähnte ich das schon. Es ist aber nicht die klassische Flugangst, sondern die Angst vorm Absturz mit Todesfolge. Mir ist dieser Unterschied wichtig. Immer wenn ich in Gespräche darauf verweise, ernte ich höhnisches Gelächter von drüben, den Weltreisenden.
Die müssen es wissen. Die haben studiert, Genderstudies und Soziologie, die haben Bourdieu verstanden, die haben das Wort Habitus im aktiven Wortschatz. Die sitzen in Redaktionen und Ministerien. Die werden eingeladen in Talkshows und Parteigremien. Die schreiben Analysen über die Abgehängten, die halten Reden über Enttäuschte, die richten öffentlich über Wutbürger. Die haben immer alles richtig gemacht. Die kleben sich an die Straße, die arbeiten an besserer Klimapolitik, an der Gleichstellung, an der Ökologie. Die tun Vernünftiges, denn die stehen auf der höheren Stufe.
Die waren nie in Schwarzheide. Die werden nie nach Schwarzheide fahren. Wenn die Schwarzheide erwähnten, meinen sie ein Symbol, nicht einen Ort. Das nächste Mal, wenn ich die treffe, lass ich die nicht mehr ausreden. Dann müssen die mir mal zuhören.
Volker Metzler, Jahrgang 1965, geboren in Karl-Marx-Stadt. Schauspielstudium an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig, 35 Jahre Theater u.a. Staatsschauspiel Dresden, Volkstheater Rostock, Junges Staatstheater Berlin als Regisseur, Schauspieldirektor und Theaterleiter. Gründer & Autor der Kolumnenserie POLEMIKA — unsachlich & persönlich.
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