Zuggeschichte

Fünf Millionen Euro für DDR-Kultzug „Vindobona“ – doch ein Problem bleibt

Der historische SVT 18.16 ist nach langer Restaurierung wieder im Einsatz. Mehr als 80.000 ehrenamtliche Arbeitsstunden flossen in das Fünf-Millionen-Euro-Projekt. Doch ein Problem könnte alles gefährden.

Matthias Stark
7 Min
Der VT 18.16 fuhr in der DDR auf dem Schienennetz der Deutschen Reichsbahn in den Ostblock und sogar nach Skandinavien.

Der VT 18.16 fuhr in der DDR auf dem Schienennetz der Deutschen Reichsbahn in den Ostblock und sogar nach Skandinavien.

© dpa

Es ist ein Projekt, das gleichermaßen von Nostalgie, technischem Ehrgeiz und regionalem Selbstbewusstsein getragen wird: die Wiederinbetriebnahme eines originalen SVT 18.16 durch die SVT Görlitz gGmbH. Was auf den ersten Blick wie ein Liebhaberprojekt für Eisenbahn-Enthusiasten wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein ambitioniertes Vorhaben zur Bewahrung ostdeutscher Industriekultur. Es soll ein touristisches Highlight sein und ein identitätsstiftendes Symbol. Das Zugprojekt versteht sich als Botschafter der mitteldeutschen Region und der Geschichte des Schienenfahrzeugbaus, insbesondere in Sachsen.

Der historische Hintergrund verleiht ihm seine besondere Strahlkraft. „Vindobona“ – der lateinische Name Wiens – stand seit 1957 für eine prestigeträchtige internationale Bahnverbindung. Der Zug verband Berlin über Dresden und Prag mit Wien und war damit weit mehr als nur ein Transportmittel, er war ein politisches Symbol für Verbindung und Austausch in einer geteilten Welt.

Neben dem „Vindobona“ gab es weitere klangvolle Namen, auf denen die gleiche Bauart „Görlitz“ eingesetzt wurde: „Karlex“, „Karola“, „Neptun“ und „Berlinaren“. Das Fahrzeug wurde vom VEB Waggonbau Görlitz für den internationalen Schnellzugverkehr der Deutschen Reichsbahn entwickelt. Die Triebzüge der Deutschen Reichsbahn aus der Vorkriegsproduktion waren verschlissen und eine Ersatzteilbeschaffung problematisch.

Für Tschechien zugelassen

„Für unsere gemeinnützige GmbH ist der internationale und völkerverbindende Aspekt des Zuges nicht nur ein gewisses Alleinstellungsmerkmal im Bereich von historischen und musealen Schienenfahrzeugen, sondern auch eine besondere Aufgabe, denn wir wollen mit dem Zug nicht nur national, sondern auch international fahren. Eine Zulassung, zum Beispiel für die Tschechische Republik, konnten wir bereits erwirken. Weitere Zulassungen sollen folgen und sind bereits in Vorbereitung“, sagt der Geschäftsführer der SVT Görlitz gGmbH mit Sitz in Leipzig, Mario Lieb.

Gerade in der Zeit des Kalten Krieges wurde der „Vindobona“ zu einem Aushängeschild für Leistungsfähigkeit und Modernität im Osten. Die Deutsche Reichsbahn setzte dabei bewusst auf technologische Spitzenprodukte, allen voran den Schnelltriebwagen VT 18.16, später als SVT Görlitz bekannt. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 160 km/h, komfortablen Drehsitzen und einem Bordservice nach internationalen Standards galt er als „Trans-Europ-Express des Ostens“. Für viele war der SVT 18.16 ein Symbol dafür, dass die DDR durchaus in der Lage war, technologisch anspruchsvolle und zugleich repräsentative Produkte zu entwickeln. Genau dieses Bild ist es, das heute wiederbelebt werden soll.

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„Trans-Europ-Express des Ostens“ kehrt zurück

Hier setzt die SVT Görlitz gGmbH an. Die Initiative, die sich um die Wiederinbetriebnahme kümmert, wurde um 2019 ins Leben gerufen. Ihr erklärtes Ziel ist, einen originalen SVT 18.16 nicht nur museal zu erhalten, sondern ihn wieder fahrfähig werden zu lassen, als erlebbares Stück Geschichte.

Ohne die öffentlichen Förderungen vom Bund, Freistaat Sachsen und dem Land Sachsen-Anhalt sei ein solches Projekt nicht zu stemmen, so Mario Lieb. Die finanziellen Mittel in Höhe von rund fünf Millionen Euro waren die Voraussetzung, eine Vielzahl von am Projekt beteiligten Firmen und Partnern zu binden und deren Kosten zu finanzieren. Zudem gibt es zahlreiche Unterstützer und Spender, die mit über einer Million Euro zum Erfolg des Projektes beigetragen.

Nicht zuletzt seien es aber die engagierten Mitstreiter der SVT Görlitz gGmbH, welche in den vergangenen Jahren dem Projekt die Treue gehalten haben. Neben den zahlreichen eisenbahnaffinen Mitstreitern für Planung, Technik und Instandsetzung ist die Organisation für jeden Interessenten offen. Es haben sich auch zahlreiche „Nichteisenbahner“ dem Projekt angeschlossen und arbeiten in verschiedenen Bereichen aktiv mit, so Lieb. Dieses Engagement zu bündeln, mit den Partnern insbesondere bei der Verkehrs Industrie Systeme GmbH (VIS) in Halberstadt zu koordinieren, sei eine mehr als umfangreiche Aufgabe.

Zug von der Deutschen Bahn als Leihgabe überlassen

Bemerkenswert ist dabei vor allem die Struktur des Projekts. Der Zug selbst gehört dem DB Museum und wurde der Initiative als Leihgabe überlassen. Die eigentliche Arbeit jedoch leisten überwiegend Ehrenamtliche. Mehr als 80.000 Arbeitsstunden sind bereits in die Restaurierung geflossen, eine Zahl, welche die Dimension des Engagements verdeutlicht. Ingenieure, Handwerker und Eisenbahnfreunde arbeiten seit Jahren daran, Technik aus den 1960er-Jahren wieder in einen betriebsfähigen Zustand zu versetzen. Der Projektname „Ein Zug für Mitteldeutschland“ unterstreicht dabei den regionalen Anspruch.

Die Technik des SVT 18.16 gilt als hochkomplex und schwer ersetzbar. Er unterscheidet sich als Triebwagenzug deutlich von Lokomotiven und einzelnen Wagen, nicht nur im Aufbau, der Aufarbeitung und dem Betrieb. Mario Lieb erklärt: „Bei der Entwicklung des Zuges wurde auf bekannte und bewährte Komponenten des Schienenfahrzeugbaus zurückgegriffen, sodass wir uns bei einigen Ersatzteilen noch behelfen können. Dennoch haben uns einige Probleme vor große Herausforderungen gestellt.“

Mario Lieb blickt noch einmal zurück. „Durch intensive Recherchen, viel Glück und unerwartete Unterstützung ist es uns gelungen, mehr als 4000 Zeichnungssätze, die Herstellerdokumentation aus Görlitz und verschiedene Betriebsbücher zu erhalten und diese zu digitalisieren. Basierend auf diesen Unterlagen konnten neue Betriebsdokumente erstellt und durch die zuständigen Behörden freigegeben werden. Infolge der Kündigung seitens des Vermieters mussten wir für den 145 Meter langen Zug einen neuen Standort suchen, den wir in Radebeul auf dem Werksbahngelände der Firma ‚Arevipharma‘ gefunden haben.“ Neben der Gleissanierung und Beräumung musste zunächst eine 150 Meter lange Halle gebaut werden. Die zusätzlichen administrativen und finanziellen Aufwendungen seien enorm gewesen.

Außergewöhnliches Unterfangen

Die Entwicklung des Projekts ist geprägt von sichtbaren Fortschritten, aber auch von Rückschlägen. Große Teile des Zuges wurden inzwischen aufgearbeitet, erste Werkstattfahrten auf öffentlichen Gleisen konnten in diesem Jahr schon realisiert werden – ein Meilenstein in dem ambitionierten Projekt, der lange nicht absehbar war. Doch der ursprüngliche Zeitplan musste mehrfach korrigiert werden. Während der Zug eigentlich schon 2025 in Betrieb genommen werden sollte, fassen die Mitstreiter nun das zweite Halbjahr 2026 ins Auge, vorausgesetzt, es treten keine weiteren Verzögerungen auf. Derzeitiges Ziel ist die Schulung und Ausbildung des erforderlichen Betriebspersonals und die Übergabe des Zuges an die SVT Görlitz gGmbH, damit die ersten Fahrten schon bald durchgeführt werden können.

Regelmäßig wird der Zug allerdings nicht rollen. Die Zulassung des Zuges gestattet nur touristischen und musealen Verkehr. Neben den Themen Zugsicherung und Zugfunk zur Erfüllung der Kriterien für den Netzzugang bestanden nach den Worten von Mario Lieb keine rechtlichen Verpflichtungen zu weiteren Anpassungen am Zug. Hier gelten für historische Fahrzeuge – ähnlich wie bei Oldtimern – auf der Straße besondere Regelungen.

Dennoch hat sich die SVT Görlitz gGmbH in Abstimmung mit dem DB Museum als Eigentümer des Zuges sowie dem Freistaat Sachsen und der Landeseisenbahnaufsicht über einige Änderungen und technische Verbesserungen verständigt. So unter anderem über geschlossene WC-Anlagen, eine Türblockierung und Notbremsüberbrückung sowie den Ersatz alter elektromechanischer Komponenten durch elektronische Bauteile. Fahrten nach Prag seien bereits in Planung. Wann eine Zulassung für Österreich erteilt wird, ist noch offen. Aktuell sind auch keine Besichtigungstermine in Planung.

Trotz aller Schwierigkeiten ist die Bedeutung des Projekts kaum zu überschätzen. Der SVT Görlitz gilt als ein wichtiges Technikdenkmal der DDR. Seine Wiederinbetriebnahme wäre nicht nur ein Erfolg für Eisenbahnfreunde, sondern auch ein sichtbares Zeichen für den Wert ostdeutscher Ingenieurskunst. Hinzu kommt der touristische Aspekt. Geplant ist der Einsatz als Sonder- und Erlebniszug, mit nostalgischen Fahrten auf historischen Routen. Gerade Strecken wie Berlin-Dresden-Prag-Wien könnten dabei eine Rolle spielen. Für Regionen wie Sachsen eröffnet sich damit die Chance, Industriekultur erlebbar zu machen und zugleich neue touristische Impulse zu setzen. Mit Blick in die Zukunft sagt Mario Lieb: „Wir möchten rund 50 Fahrtage im Jahr mit verschiedenen Charternehmern durchführen.“

Die Wiederinbetriebnahme des SVT 18.16 vereint ehrenamtliches Engagement, technisches Know-how und kulturellen Anspruch in einer Form, die selten geworden ist. Doch sie ist auch ein Beispiel dafür, welche Herausforderungen zu meistern sind, historische Hochtechnologie in die Gegenwart zu übertragen: Es braucht Geld, Zeit und hohen persönlichen Einsatz.

Selbst wenn der Zug nicht im Regelbetrieb fährt, hat das Projekt etwas erreicht, was über den technischen Erfolg hinausgeht. Es hat ein Stück Geschichte zurück ins Bewusstsein geholt und gezeigt, dass selbst komplexe Relikte der Vergangenheit eine Zukunft haben können.

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