Selbstjustiz

Nach Tod eines indigenen Mädchens: „Absolute Anarchie“ in Australien

Nach dem Tod eines indigenen Mädchens ist es im australischen Alice Springs zu Gewalt gekommen. Demonstranten forderten „Payback“ – eine traditionelle Form der Vergeltung.

3 Min
Ein brennender Polizeiwagen vor dem Krankenhaus in Alice Springs nach den Ausschreitungen am Donnerstagabend.

Ein brennender Polizeiwagen vor dem Krankenhaus in Alice Springs nach den Ausschreitungen am Donnerstagabend.

© Rhett Hammerton/imago

In der abgelegenen australischen Stadt Alice Springs sind Hunderte Demonstranten mit Polizei und Rettungskräften aneinandergeraten. Auslöser war die Festnahme eines 47-Jährigen, der verdächtigt wird, ein fünfjähriges indigenes Mädchen entführt und getötet zu haben.

Die Polizei erklärte, der Mann habe sich am Donnerstagabend in einem sogenannten Town Camp gestellt – informellen indigenen Siedlungen am Rand der Stadt. Bewohner hätten daraufhin begonnen, Selbstjustiz gegen ihn auszuüben und den Verdächtigen bewusstlos geschlagen.

Als der Mann anschließend ins Krankenhaus gebracht wurde, versammelten sich laut Behörden rund 400 Menschen vor dem Gebäude. Auf Videos des australischen Senders ABC war zu hören, wie Demonstranten „Payback“ forderten – eine traditionelle Form körperlicher Vergeltung in einigen indigenen Gemeinschaften Australiens.

Polizeiautos brennen, Krankenwagen beschädigt

Die Lage eskalierte am Abend zunehmend. Demonstranten warfen Steine und andere Gegenstände, zündeten Feuer an und beschädigten Polizeifahrzeuge, Krankenwagen und Feuerwehrwagen. Die Polizei setzte Tränengas ein, um die Menge auseinanderzutreiben.

Australische Medien berichteten von Szenen „absoluter Anarchie“ rund um das Krankenhaus. Der Sender ABC sprach von stundenlangen Unruhen. Nach Angaben der Behörden wurden mehrere Polizisten und Rettungskräfte verletzt. Der Verdächtige wurde inzwischen in die rund 1500 Kilometer entfernte Stadt Darwin gebracht – nach Angaben der Polizei zu seinem eigenen Schutz.

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Das Mädchen war seit Samstag vermisst worden. Ihre Familie nennt sie inzwischen nach indigenem Brauch „Kumanjayi Little Baby“. Hunderte Menschen hatten in den vergangenen Tagen nach dem Kind gesucht. Die Leiche wurde schließlich am Donnerstag im Buschland südlich von Alice Springs gefunden.

Der Verdächtige Jefferson Lewis war laut Polizei bereits zuvor wegen Gewaltdelikten verurteilt worden und erst vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen worden. Australische Medien berichteten zudem, dass Ermittler Hinweise auf Helfer aus seinem Umfeld prüfen.

Behörden und indigene Älteste rufen zur Ruhe auf

Australiens Premierminister Anthony Albanese zeigte Verständnis für die Wut vieler Bewohner, rief jedoch zur Ruhe auf. Auch indigene Älteste warnten vor weiterer Gewalt. „Dieser Mann wurde gefasst, dank des Handelns der Gemeinschaft“, erklärte der indigene Gemeindesprecher Robin Granites. Nun müsse jedoch das Justizsystem seine Arbeit machen. „Jetzt ist nicht die Zeit, Ärger zu machen.“

Die Behörden verhängten unterdessen ein vorübergehendes Alkoholverbot und entsandten zusätzliche Polizeikräfte nach Alice Springs.

Alice Springs seit Jahren Symbol sozialer Spannungen

Der Fall hat in Australien erneut eine Debatte über Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit in vielen indigenen Gemeinden ausgelöst. Alice Springs steht seit Jahren im Fokus nationaler Diskussionen über Kriminalität, Alkoholmissbrauch und die Lebensbedingungen in abgelegenen Aboriginal-Gemeinschaften.

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