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„Dass ein Mensch so was 30 Jahre lang erträgt“: Erinnerungen an Frau Müller

Für ihre Kunden hatte eine Drogeriemarktleiterin immer ein offenes Ohr. Erst viel später erfährt unsere Autorin die tragische Geschichte hinter dem Lächeln.

Birgit Meyer
5 Min
Jahrelang war Frau Müller die gute Seele einer kleinen Drogerie – nach der Schließung des Ladens verlor sich der Kontakt mit unserer Autorin.

Jahrelang war Frau Müller die gute Seele einer kleinen Drogerie – nach der Schließung des Ladens verlor sich der Kontakt mit unserer Autorin.

© Helmut Metzmacher/Imago

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Sie ist klein und eher rundlich, die Frau Müller (alle Namen geändert; Anm. d. Red.). Kennengelernt habe ich sie im Jahr 1995, sie leitete die Filiale einer Drogeriemarktkette in meiner Nachbarschaft. Sie wissen schon, die Drogeriemarktkette, die später mit großem Getöse in die Pleite schlitterte. 1995 kam mein Sohn zur Welt, ich brauchte Windeln und Babybrei und so weiter. So wurde ich Stammkundin bei Frau Müller.

Frau Müller hat eine Stupsnase und ein freundliches, rundes Gesicht. Ihr Kurzhaarschnitt enthüllte schon damals gnadenlos den Haarausfall am Oberkopf. Ein wenig mitleidsvoll schaute ich manchmal auf die zartrosa schimmernde Kopfhaut, wenn ich an der Kasse bei ihr meinen Einkauf einpackte und bezahlte. Alopezie, dachte ich, da gibt es wohl nichts, was helfen könnte.

Ein Treffpunkt für die Nachbarschaft

Ein fröhliches Wort hatte Frau Müller immer auf den Lippen. Wenn sie sich nach dem Befinden des Babys erkundigte, hatte ich nicht den Eindruck, dass es sich um gedankenlose Höflichkeitsfloskeln handelte. Ihr Interesse an anderen Menschen war ehrlich.

Die kleine Filiale wurde für viele Bewohner des Viertels bald ein beliebter Kommunikationsort. Die simple Frage einer Kundin – „Wo steht denn das Waschpulver aus dem Angebot?“ – war für Frau Müller Grund genug, ihren Platz an der Kasse zu verlassen, durch die Gänge zu eilen und der Fragestellerin die preisgesenkte Packung triumphierend zu überreichen. Wenn die demente Frau Kramer zum dritten Mal am selben Tag Ei-Shampoo kaufen wollte und schon längst nicht mehr wusste, dass sie bereits mehrere Flaschen zu Hause hortete, schaffte es Frau Müller, die alte Dame abzulenken und ihr statt der Haarwäsche eine nützliche Packung Salbeibonbons für die heisere Stimme zu verkaufen. Also wenn Sie mich fragen, der milliardenschwere Eigentümer der Drogerie wäre wohl nicht in Insolvenz gegangen, wenn er ausschließlich Filialleiterinnen wie Frau Müller gehabt hätte.

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Nach der Schließung des Ladens sah ich Frau Müller nur noch selten. Wir grüßten einander freundlich, wenn es zu einer zufälligen Begegnung kam, Gespräche führten wir nicht mehr. Ihr Haarausfall schien sich nicht gebessert zu haben, sie trug nun auch im Sommer leichte Mützen oder Tücher.

Mehr als 25 Jahre später sitze ich an meinem Schreibtisch im Rathaus und lese einen der unzähligen Polizeiberichte, die täglich hereinflattern. Eine Frau Jana Müller hat gemeldet, dass ihr Vater gerade im Haus randaliere und ihre Mutter geschlagen hat. „Beide Frauen waren aufgelöst und weinten. Jana Müller zitterte sehr stark“, heißt es da. Herr Müller habe ohne ersichtlichen Grund Gegenstände durch die Wohnung geworfen, seine Frau an beiden Armen gepackt und geschüttelt, sie geschlagen und mit einem Messer bedroht. „Auf Nachfrage, seit wann Herr Müller so aggressiv ist, gab Frau Rosemarie Müller an, dass er schon immer so sei“, lese ich. „Dass er sie schlägt, kommt nicht häufig vor, jedoch das Festhalten der Arme und Schütteln macht er schon seit 30 Jahren.“ Aufgrund der Anzeichen für eine psychische Störung wurde Herr Müller schließlich in Polizeibegleitung in die Klinik gebracht.

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Ich starre aus dem Bürofenster. Ich höre meine Kollegin fragen, ob alles in Ordnung sei. Ich schiebe ihr den Bericht über den Schreibtisch. Sie liest, schüttelt den Kopf. Unglaublich, dass ein Mensch 30 Jahre lang erträgt, durchgeschüttelt zu werden. Ich sage, dass ich Frau Müller kenne, und erzähle von dem kleinen Drogeriemarkt bei uns im Viertel. Dann schweigen wir beide.

Es ist kurz vor Ostern. Mit meinem Freund Holger besuche ich ein Orgelkonzert in unserer Kirche. Die Orgel wurde frisch saniert, ein bekannter Gewandhaus-Organist wird das Instrument heute einweihen. Kommunalpolitiker, örtliche Unternehmer und Honoratioren besetzen die vorderen Kirchenbänke, die diesjährigen Konfirmanden erscheinen mit ihren Familien, die Kirche füllt sich zusehends.

Die Kirchenglocken rufen bereits, als das Portal sich noch einmal öffnet und zwei Nachzügler eintreten. Eine kleine, rundliche Dame führt einen starken, hünenhaften Mann an der Hand, der sich ängstlich umschaut. Es sind Frau und Herr Müller. Die beiden nehmen zwei freie Plätze einige Reihen vor uns ein.  Ich sehe eine bläulich schimmernde Narbe am Hinterkopf des Mannes. Während des Konzerts beugt sich Frau Müller mehrmals zu ihrem Mann und flüstert in sein Ohr. Dann streicht sie zärtlich über seinen Kopf. Ich schaue Holger an und sage leise: „Aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Ich glaube, er hat mich nicht gehört.

Birgit Meyer, 1966 in Sondershausen geboren, studierte Rechtswissenschaften in Halle/Saale. Seit 1990 arbeitet sie in einer Thüringer Kommunalverwaltung.

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