Am Tag nach der schrecklichen Amokfahrt, bei der am Montag zwei Menschen in der Leipziger Innenstadt getötet wurden, steht die Stadt noch immer unter Schock. Die Grimmaische Straße und Teile des Marktplatzes sind weiträumig abgesperrt, das weiße Zelt der Forensiker ist noch immer aufgebaut. Polizeibeamte suchen nach „Kleinstspuren“, wie ein Reporter der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ) vor Ort erfährt.
Währenddessen geht das Leben wenige Meter entfernt weiter. Der Wochenmarkt öffnet, Besucher versammeln sich an den Ständen, erledigen ihre Einkäufe – die gestrige Amokfahrt ist Gesprächsthema Nummer 1.
Auf dem Marktplatz in Leipzig geht das Leben am Dienstag weiter.
© Alexander Schumann/Ostdeutsche Allgemeine
Was war passiert? Ein 33-jähriger Deutscher aus der Region Leipzig ist am Montag gegen 16.45 Uhr mit einem weißen VW Taigo vom Augustusplatz kommend durch die Grimmaische Straße gerast und in mehrere Passanten gefahren. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben: eine 63-jährige Frau und ein 77-jähriger Mann, beide deutsche Staatsangehörige. Drei weitere Personen wurden schwer verletzt, insgesamt sind nach Polizeiangaben rund 80 Menschen von der Tat betroffen.
Der Fahrer brachte das Fahrzeug auf Höhe der Klostergasse selbst zum Stehen und wurde noch am Lenkrad sitzend festgenommen. Nach Angaben von Polizeisprecherin Susanne Lübcke ließ er sich widerstandslos abführen. Die Staatsanwaltschaft Leipzig ermittelt wegen Mordes in zwei Fällen sowie wegen versuchten Mordes in mehreren Fällen.
Amokfahrt in Leipzig: Tote und Verletzte, was bisher bekannt ist
„Ich sah, wie das Auto angeschossen kam“
Eberhard Wiedenmann betreibt zwei Restaurants in der Grimmaischen Straße, das „San Remo“ und das „Pascucci“. Vor letzterem war das Fahrzeug nach der Amokfahrt zum Stehen gekommen. Der Gastronom erinnert sich, dass das Auto gegen 16.45 Uhr angeschossen kam.
„Ich stand mit meinem Kellner gerade vor dem Restaurant, als sich das Auto mit hoher Geschwindigkeit näherte und vor meinem Restaurant zum Stehen kam“, so Wiedenmann. „Oben auf dem Dach des Fahrzeugs hielt sich eine Frau an der Reling fest. Als der Wagen an einem Poller zum Stehen kam, flog die Frau kopfüber über die Motorhaube auf die Straße.“ Wiedenmanns Frau sei sofort hingeeilt, um den zahlreichen Verletzten zu helfen.
Eberhard Wiedenmann betreibt zwei Restaurants in Leipzig. Er hat das Geschehen unmittelbar vor seinem Restaurant „Pascucci“ beobachtet.
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Mehrere Leute wollten den Mann aus dem Auto zerren, erinnert sich der Wirt. Doch der Täter harrte im Fahrzeug aus. Etwa eine Minute nachdem der Wagen zum Stehen kam, erreichte die Polizei den Tatort. „Ich war völlig überrascht von dem Ereignis“, so der Wirt. Es habe eine Viertelstunde gedauert, bis Rettungskräfte am Ort eintrafen. In der Zwischenzeit hätten ein Polizist und ein Arzt in Zivil die zu Boden geschleuderte Frau reanimiert.
„Von meinen Gästen ist Gott sei Dank niemand zu Schaden gekommen. Ich habe das Restaurant wenige Minuten nach dem Vorfall geschlossen.“ Und auch der Wiedenmann selbst hatte Glück, denn kurz vor der Amokfahrt war auch er noch auf der Grimmaischen Straße unterwegs. „So etwas zu verarbeiten braucht Zeit.“ Und er ergänzt: „Ich würde vorschlagen, dass man ein Spendenkonto startet, das die Betroffenen und Verletzten unterstützt.“
Der gesperrte Freisitz des Restaurants „Zenchi Asian“ in der Nikolaistraße wurde durch die Polizei freigegeben, das „San Remo“ in der Grimmaischen Straße bleibt vorerste geschlossen. Wiedenmanns Restaurant „Pascucci“ - vor dem das Tatfahrzeug stoppte - darf er nach wie vor nicht betreten.
© Alexander Schumann
Stilles Gebet in der Nikolaikirche
Wenige Meter von Wiedenmann entfernt versammeln sich Menschen zum Gedenken. Die Nikolaikirche ist zur stillen Andacht geöffnet, um 17 Uhr findet ein Gedenkgottesdienst statt. Neben etwa 20 Menschen, die sich gegen 12 Uhr in den Bankreihen zur Andacht niedergelassen haben, machen Touristen gut gelaunt Selfies mit ihren Handys.
Die Nikolaikirche in der Leipziger Innenstadt ist am Dienstag zur stillen Andacht geöffnet.
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Auch an der Universität Leipzig wird der Opfer der Amokfahrt gedacht. Dort wurde eine Trauerwand eingerichtet, vor der sich Passanten versammeln und Kerzen entzünden.
An der Uni Leipzig gedenken Passanten der beiden getöteten und der verletzten Menschen.
© Adrian Schintlmeister
Vier junge Frauen bringen Blumen, die sie an der Trauerwand ablegen. „Es macht einen einfach nur betroffen“, sagt eine der Frauen. Und der Tatort sei so nah, in der eigenen Stadt. Das nehme einen schon mit. Die Frauen arbeiten am Augustusplatz, gesehen haben sie den Vorfall nicht. Aber es sei gegenwärtig, dass es auch sie hätte erwischen können. Eine der Frauen erzählt, dass sie gestern etwas eher aus dem Büro gestartet ist und sich mit ihrem Freund in einem Café getroffen hat. „Wäre ich pünktlich gegangen, wäre ich zur Tatzeit auch auf der Grimmaischen Straße unterwegs gewesen. Das macht einem schon Angst.“
Leipziger OB kündigt schnellen Zufahrtsschutz an
Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) hat sich am Tag nach dem schwerwiegenden Vorfall erschüttert gezeigt und erste Konsequenzen angekündigt. Als Sofortmaßnahme werde die Klingerstraße gesperrt, sagte Jung am Dienstagmittag. Anschließend wolle die Stadt in Ruhe prüfen, welches Sicherheitskonzept langfristig greifen solle – im Gespräch sei unter anderem eine versenkbare Polleranlage.
„Wir hatten, man kann sagen, bis gestern nie eine Situation dieser Art“, so Jung. Bislang habe es Sicherheitskonzepte gegeben, wenn der Augustusplatz für Großveranstaltungen genutzt werde. Nun müsse der Zufahrtsschutz grundsätzlich neu bewertet werden.
Der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung gedenkt den Opfern mit einer Kerze.
© Rene Plaul
Jung betonte zugleich die Schwierigkeit, die richtige Balance zu finden: zwischen Freiheit und Aufenthaltsqualität auf der einen Seite und der Notwendigkeit, Lieferverkehr, Rettungsdienste, Feuerwehr sowie den Zugang für Menschen mit Behinderungen zu gewährleisten auf der anderen Seite. Eine absolute Sicherheit könne es nicht geben, sagte Jung. „Wir dürfen auch nicht unsere Innenstädte als Festungen ausbauen.“ Menschen müssten sich freizügig bewegen können und im öffentlichen Raum einen Ort für Gemeinschaft finden.
Mit Blick auf das Ende Mai in Leipzig stattfindende Fußballfinale kündigt Jung an: Der Augustusplatz werde anders gesichert, als ursprünglich geplant. Das sei man sowohl den Besucherinnen und Besuchern als auch den Menschen schuldig, die in der Innenstadt flanieren wollten.
Ort der Trauer und Kondolenzbuch im Rathaus
Die Stadt hat einen Ort eingerichtet, an dem Bürgerinnen und Bürger Blumen ablegen oder Kerzen aufstellen können. Im Rathaus liegt für 14 Tage ein Kondolenzbuch aus. Jung dankte den vielen Menschen, die in der Innenstadt geholfen, Wasser gereicht und Betroffene gestützt hätten. Auch im Gewandhaus seien am Vorabend Mitarbeiter sowie ehrenamtliche Helfer des Kriseninterventionsteams als Ansprechpartner für Betroffene da gewesen.
Amokfahrt in Leipzig: Leben wir in immer größerer Gefahr?
Auf die Frage nach neuen Erkenntnissen zum Täter verwies Jung an die zuständigen Behörden: „Ja, die gibt es, aber das ist nicht meine Aufgabe, das zu sagen.“
Jung beschrieb die Stimmung in der Stadt als nachdenklich. Er habe mit Menschen gesprochen, die Zeugen des Vorfalls geworden seien und die Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekämen – darunter das eines auf dem Dach liegenden Pkw, an dem sich eine Frau festklammerte. „Ich hoffe, dass wir zusammenhalten“, sagte der Oberbürgermeister abschließend.
Die Forensiker verlassen am Dienstagnachmittag den Tatort.
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Am Dienstagnachmittag verlässt das Team der Forensiker den Tatort in der Grimmaischen Straße, kurz vor 16 Uhr ist das Areal wieder freigegeben. Zugleich treffen der sächsischen Ministerpräsident Michael Kretschmer, Sachsen Innenminister Armin Schuster (beide CDU) sowie der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung am Tatort ein, um sich über die Lage zu informieren.
Ministerpräsident Michael Kretschmer, Innenminister Schuster und OB von Leipzig, Burkhard Jung (v.l.), informieren sich über die Lage.
© Rene Plaul
Kretschmer warnt vor kursierenden Gerüchten und mahnt eine seriöse Aufarbeitung an. Kurz vor dem Gottesdienst in der Nikolaikirche zeigte sich der Ministerpräsident betroffen über die Gewalttat in Leipzig. Zugleich hob er das Verhalten der Stadtbevölkerung hervor: Die Menschen ließen sich nicht einschüchtern, gingen weiter auf den Markt und suchten das Gespräch miteinander. Das zeichne Leipzig aus. Man erlebe die Trauer gemeinsam und sei in Gedanken bei den Angehörigen.
Grenzen des Schutzes und Appell gegen Resignation
Auf die Frage, wie ihn das Ereignis persönlich treffe, sagte Kretschmer, es gehe allen sehr nahe. Er stellte die Frage nach den Hintergründen und möglichen psychischen Ursachen solcher Taten. Im Alltag gebe es zahlreiche Orte und Gelegenheiten, an denen Vergleichbares geschehen könne – einen hundertprozentigen Schutz gebe es nicht. Diese Erkenntnis mache ohnmächtig.
Zugleich betonte der Ministerpräsident, man dürfe sich von Tätern nicht das Leben bestimmen lassen. Es müsse „weiter nach vorn gehen“. Die Aufklärung werde mit Ruhe erfolgen, ebenso die Prüfung, was künftig besser gemacht werden könne. Kretschmer dankte ausdrücklich der Polizei, dem Rettungsdienst und den Kriseninterventionskräften. Besonders hob er die Menschen hervor, die unmittelbar geholfen und aus den umliegenden Geschäften heraus zugepackt hätten – für ihn ein Zeichen der Mitmenschlichkeit.
Kretschmer warnt vor Gerüchten
Auf die Nachfrage, ob der mutmaßliche Täter zuvor in einer psychiatrischen Einrichtung gewesen und wieder entlassen worden sei, äußerte sich Kretschmer zurückhaltend zum konkreten Erkenntnisstand. Wichtig sei, dass die Tat ruhig und seriös aufgearbeitet und die Öffentlichkeit informiert werde. Er räumte ein, dass derzeit „sehr, sehr viele Gerüchte“ kursierten. Es sei nicht möglich, jedes einzelne davon zurückzuweisen.
Das Gotteshaus der Nikolaikirche ist gut gefüllt, vielen Menschen sei die Schwere des Geschehens anzusehen, berichtet ein OAZ-Reporter. Es werden Spenden für das Kriseninterventionsteam gesammelt.
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