Es war einmal … So fangen normalerweise Märchen an. Solche aus uralten Zeiten. Auch diese Geschichte ist, zumindest zu Beginn, zwar nicht aus uralten, dennoch aus alten Zeiten. Nur ist sie kein Märchen, auch wenn das alles in jungen Ohren mehr als märchenhaft klingen mag. Es ist die blanke Wahrheit – und die Älteren erinnern sich gern an diese Jahre. Sie sind Zeugen einer goldenen Ära des DDR-Fußballs, maßgeblich geschrieben von zwei Teams, die an der Elbe zu Hause sind.
Titel über Titel haben Dynamo Dresden und der 1. FC Magdeburg damals gewonnen. Am Fließband räumten sie Meisterschaften und Pokale ab. 1971, drei Jahre nach dem für alle nicht zu begreifenden Abstieg aus der DDR-Oberliga und der prompten Rückkehr ins Oberhaus, gelang den Dynamos unter Trainer Walter Fritzsch das erste Double überhaupt. Es war die Geburt des Dresdner Kreisels, den vor allem Frank Ganzera, Rainer Sachse, Klaus Sammer, Hans-Jürgen Kreische und der junge, damals 20-jährige Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner ankurbelten.
Ein Spieljahr später übernahm der 1. FC Magdeburg die Regentschaft. Heinz Krügel schuf elbabwärts einen mächtigen Konkurrenten. Zu Hause legten Manfred Zapf, Wolfgang Seguin, Jürgen Sparwasser, Hans-Jürgen Hermann, Wolfgang Abraham, Jürgen Pommerenke, Axel Tyll, Siegmund Mewes den Grundstein für ihren ersten Meistertitel. Alle 13 Heimspiele gewannen sie, Ulrich Schulze und Werner Heine, der eine stand in 21 Saisonspielen zwischen den Pfosten, der andere in fünf, kassierten dabei lediglich sechs Gegentore.
Nur wenige Parallelen zwischen beiden Mannschaften
Über Jahre mischten Dresden wie Magdeburg bei jeder Titelvergabe ernsthaft mit. 1973: Dynamo wird Meister, der 1. FCM Pokalsieger; 1974: Magdeburg ist Meister, Dresden steht im Pokalfinale und unterliegt Carl Zeiss Jena; 1975: der 1. FCM verteidigt seinen Meistertitel erfolgreich, Dynamo steht erneut im Pokalfinale, verliert diesmal gegen Sachsenring Zwickau; 1976: Dresden wird Meister; 1977: Dynamo holt das Double; 1978: Dresden wird erneut Meister, der 1. FCM gewinnt den Pokal mit einem 1:0 im Finale gegen – Dynamo. Dazwischen, am 8. Mai 1974, setzt der Triumph des 1. FCM im Europapokal der Pokalsieger dem goldenen Jahrzehnt dieser beiden Teams die Krone auf.
1:0-Heimsieg gegen Hertha BSC: Auch Magdeburg (in Blau) könnte mit einem Sieg in Kiel den Klassenverbleib einen Spieltag vor Saisonende klarmachen.
© Christian Schroedter/imago
Mehr geht kaum. Irgendwie ist es aber, schaut man auf die beiden Trainer, ein Stück aus dem Tollhaus. Dynamo-Coach Walter Fritzsch, Jahrgang 1920, vertraute mehr seinem Gefühl als der an der in Leipzig ansässigen Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) gelehrten Trainingsmethodik. FCM-Boss Heinz Krügel, Jahrgang 1921, verließ sich eher auf seine Intuition als auf die Vorgaben aus dem Wissenschaftlichen Zentrum, wo der Fußball, um ihn in der Sportnation DDR nach vorn zu bringen, analytisch untersucht und seziert wurde. Dass Fritzsch wie Krügel aus dem westsächsischen Planitz stammten, das damals noch nicht zu Zwickau gehörte, erst 1944 eingemeindet wurde und die Stadt 1950 mit der ZSG Horch den ersten DDR-Meister hervorbrachte, ist dabei eher Zufall.
Angesichts dieser Vergangenheit mag es erstaunen, dass es nach der deutschen Fußball-Einheit zwischen jenem Ort, der an Elb-Kilometer 55 sein Zentrum hat (Dresden), und dem, der es bei Elb-Kilometer 326 angibt (Magdeburg), nur wenige Parallelen gibt. Während Dynamo als letzter Vizemeister der Oberliga seinen Platz vier Jahre in der Bundesliga hatte, vermasselte der 1. FCM diese Zeit mehrfach und zumeist grob fahrlässig. Gab es in der DDR-Oberliga 52 Duelle, reduzierten die sich in den 35 Jahren danach in der Unterklassigkeit auf lediglich 20 Partien. Die vier Aufeinandertreffen in der 2. Bundesliga, von denen in diesem Spieljahr jeder sein Heimspiel mit 1:2 verlor, mitgerechnet.
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Dynamo kann Schützenhilfe für Magdeburg leisten
Dafür gibt es zwei Spieltage vor Saisonschluss, da beide für den Klassenerhalt noch Punkte benötigen, eine andere Parallele. Nach den 1:0-Siegen zuletzt – es war erst das vierte Wochenende, an dem sie gemeinsam gewannen (Dynamo gegen Kaiserslautern, Magdeburg gegen Hertha BSC) – haben es beide in der eigenen Hand. Besser: vor den eigenen Füßen. Das Kuriose dabei ist, dass sie beide noch gegen Holstein Kiel spielen müssen. Der 1. FCM muss an diesem Sonnabend (9. Mai, 13 Uhr) bei den Störchen ran (zum Saisonschluss ist Kaiserslautern zu Gast), Dynamo empfängt das Team aus dem hohen Norden am letzten Spieltag, sollte aber, um möglichst sicher in der Spur zu bleiben, ebenfalls diesen Sonnabend bei Kellerkind Braunschweig (13 Uhr) besser nicht verlieren, um so auch Schützenhilfe für Magdeburg zu leisten.
Das mag machbar sein. Denn gerade die Kieler haben eine Saison zum Vergessen gespielt. Als vorjähriger Bundesliga-Absteiger hatten sie mit einer Rückkehr ins Oberhaus geliebäugelt. Doch erst am vorigen Wochenende, mit einem mühsamen 2:0 gegen Braunschweig, retteten sie sich vor einem drohenden weiteren Durchmarsch.
Spielen Dynamo Dresden und der 1. FC Magdeburg auch in der kommenden Saison gemeinsam in der 2. Bundesliga, dazu kommt vielleicht Energie Cottbus als Aufsteiger – nach vier Jahren hätte der Osten endlich wieder drei Zweitligisten. Es wären, sollte es tatsächlich so kommen, zwar keine neuen goldenen Jahre, gewiss aber ein Signal.
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