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Wer heute auf die deutsche Kulturlandschaft blickt, erkennt ein strukturelles Muster: Kommunale Haushaltskrisen, sinkende Einnahmen und verschobene politische Prioritäten treffen die Kultur besonders hart. Projektförderungen werden gekürzt, institutionelle Zuschüsse infrage gestellt, die freie Szene gerät zunehmend unter Druck.
Es entsteht ein grundlegendes Dilemma: Wo die öffentliche Hand schwächer wird, treten Stiftungen und private Förderer stärker hervor. Sie handeln flexibel, schnell und oft experimenteller als staatliche Institutionen und schaffen Räume, in denen öffentliche Programme nicht mehr greifen. Gleichzeitig verschiebt sich Verantwortung: Je stärker private Akteure wirken, desto eher kann sich die öffentliche Hand aus ihrer kulturellen Verpflichtung zurückziehen.
Das ist nicht nur eine organisatorische, sondern eine demokratische Frage. Denn Stiftungen sind nicht demokratisch legitimiert. Sie definieren kulturelle Relevanz nach eigenen Leitbildern, Netzwerken und Sichtbarkeitslogiken. Zugleich bevorzugen Förderstrukturen häufig etablierte Träger, während eigenverantwortliche Initiativen mit künstlerischem Risiko und innovativem Anspruch strukturell schwerer Zugang finden.
Schwer kontrollierbare Räume
Die zentrale Frage lautet daher: Was bedeutet es für eine demokratische Gesellschaft, wenn Kultur – Grundlage öffentlicher Verständigung, ästhetischer Freiheit und politischer Debatte – zunehmend von Stiftungen, institutionellen Förderlogiken und geschlossenen Netzwerken abhängig wird?
Zugleich lebt die Stadt von kultureller Vielfalt und leidet unter Unterfinanzierung. Künstlerinnen und Künstler bewegen sich zwischen Projekten, Förderlinien und wechselnden Trägern. Großprojekte mit hoher Sichtbarkeit verstärken diese Entwicklung, indem symbolische Wirkung häufig Vorrang vor kultureller Breite und gesellschaftlicher Reibung erhält.
Kulturelle Entscheidungen verlagern sich damit in schwer kontrollierbare Räume. Problematisch ist nicht private Förderung an sich, sondern ihre schleichende Überführung in eine Ersatzstruktur öffentlicher Verantwortung.
Alles nur Symbolpolitik? Kulturstaatsminister Wolfram Weimer
© dts Nachrichtenagentur/Imago
Erinnerungskultur zwischen Anspruch und Realität
Erinnerung ist nie abgeschlossen. Sie wird verhandelt, interpretiert und politisch gerahmt. In Europa zeigt sich zunehmend die Tendenz, historische Narrative neu zu gewichten – etwa im Umgang mit sowjetischen Ehrenmalen oder in der Deutung des Zweiten Weltkriegs. Dabei droht die Erinnerung an den Vernichtungskrieg im Osten mit seinen Millionen Opfern zu relativieren oder zu verschwinden.
Vor diesem Hintergrund habe ich 2025 in Berlin die Initiative „Kultur gegen das Vergessen“ ins Leben gerufen – eine zivilgesellschaftliche Reihe zum Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, erstmals im 80. Jahr der Befreiung von Auschwitz-Birkenau.
Ein Abschluss in der Sophienkirche verband Texte aus Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“ mit szenischen Lesungen. In einer Zeit zunehmenden Geschichtsrevisionismus und wachsenden Antisemitismus setzte das Projekt ein deutliches Zeichen: Kunst kann nicht nur unterhalten, sondern irritieren, aufrütteln und sensibilisieren.
Ein interdisziplinäres Programm aus Ausstellungen, Lesungen und Filmprojektionen erinnerte an die Opfer des Holocaust und verstand Erinnerung als demokratische Gegenwartsaufgabe jenseits staatlich organisierter, ritualisierter und symbolhafter Gedenkveranstaltungen. Beteiligt waren u.a. Josef Bierbichler, Angela Winkler, Samuel Finzi, Mark Waschke, Nina Kunzendorf, Bernhard Schütz, Almut Zilcher, Anne Ratte-Polle, Hermann Beil sowie die Malerin Anna Mesniankina und weitere Künstler aus Schauspiel, Musik und bildender Kunst. Ihre Mitwirkung zeigt, dass Erinnerung wesentlich von künstlerischer Verantwortung und zivilgesellschaftlichem Engagement getragen wird.
Auch die zweite Ausgabe fand 2026 an verschiedenen Orten in Berlin statt. In der Sophienkirche traten Angela Winkler und das Chorensemble Sonat Vox auf. Im Mittelpunkt standen das Gedenken an die Opfer des Holocaust sowie an die Opfer des nationalsozialistischen Völkermordes an Sinti und Roma und ein Text von Werner Fritsch. Die Umsetzung erfolgte in Kooperation mit Fortschritt durch Kunst e.V. und wurde u.a. von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) sowie der Berthold-Leibinger-Stiftung im Rahmen des Projekts „Züge des Erinnerns“ in Stuttgart unterstützt. Die Resonanz führte zum Wunsch, das Format zu erweitern und zu verstetigen, was bislang nicht realisiert werden konnte.
Für 2027 ist die dritte Ausgabe geplant. Zentrales Projekt ist die Installation „500 Walter Benjamin – Kultur gegen das Vergessen“ des Konzeptkünstlers Ottmar Hörl am Walter-Benjamin-Platz in Berlin-Charlottenburg. In der künstlerischen Arbeit Hörls, der regelmäßig mit seriellen Skulpturen und Irritationen im öffentlichen Raum arbeitet, sorgte insbesondere seine Installation „Poisoned“ (2008) für kontroverse öffentliche Debatten. Darin stellte er zahlreiche Gartenzwerge mit stoischer Mimik auf, die den rechten Arm zum Hitlergruß erhoben – eine bewusste Provokation zur Auseinandersetzung mit Symbolik, Alltagsästhetik und politischer Erinnerung.
Der Ort selbst steht exemplarisch für eine urbane Erinnerungslandschaft, in der historische Brüche, NS-Kontexte und spätere städtebauliche Überformungen ineinandergreifen. Seine Benennung nach Walter Benjamin verweist zugleich auf Exil, Verfolgung und die Fragilität intellektueller Existenz im 20. Jahrhundert.
Auch international stößt die Initiative auf Resonanz. Eine in New York arbeitende Künstlergruppe hat Interesse an einer Zusammenarbeit signalisiert. Im Zentrum steht die Performance „Gernika/Guernica“, eine musikalisch-literarische Komposition aus Musik, Text und Performance. Ausgangspunkt sind das baskische Wiegenlied „Loa Loa“ und Vicente Aleixandres Gedicht „Oda a los niños de Madrid muertos por la metralla“. Daraus entsteht eine transnationale Reflexion über Krieg, Gewalt und Erinnerung.
Finanzierung, Zugang und demokratische Konsequenz
Solche Vorhaben sind nur über Mischfinanzierungen aus öffentlichen Mitteln, Stiftungen und privaten Partnern realisierbar. Gleichzeitig bleiben Förderstrukturen schwer zugänglich, Verfahren intransparent und Zuständigkeiten fragmentiert.
Entscheidend ist nicht allein die Finanzierung, sondern der Zugang selbst. Viele Projekte bewegen sich in komplexen, aber kommunikativ begrenzten Systemen, in denen institutioneller Austausch kaum stattfindet und Energie in aufwendigen, anonymen, oft frustrierenden Antragsprozessen gebunden wird, die nicht selten ohne Ergebnis bleiben. Es entsteht ein Missverhältnis zwischen gesellschaftlicher Relevanz und tatsächlicher Zugänglichkeit.
Daraus folgt eine zentrale Einsicht: Erinnerungskultur ist kein symbolisches Feld, sondern ein Gradmesser demokratischer Ernsthaftigkeit. Wird sie politisch gewollt, aber strukturell unsicher finanziert, entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen Anspruch und Realität.
Erinnerung an den Holocaust ist Teil des demokratischen Selbstverständnisses. Sie schützt die Grundlagen der offenen Gesellschaft. Erinnerung ist Gegenwartspraxis und darf nicht zur freiwilligen Leistung werden.
Angela Winkler liest Werner Fritsch: Kultur gegen das Vergessen
Wie in einem Brecht-Drama: Anwohner demonstrieren in Berlin-Mitte gegen Verdrängung
Berlin, Kulturpolitik und strukturelle Spannungen
Diese Spannungen zeigen sich auch in der Berliner Kulturpolitik, in der Förderentscheidungen, Umstrukturierungen und institutionelle Konflikte deutlich geworden sind. Die jüngsten Debatten – einschließlich des Rücktritts der Kultursenatorin – verweisen auf ein tieferliegendes strukturelles Problem: das Spannungsverhältnis zwischen politischem Gestaltungsanspruch, administrativer Komplexität, kultureller Kontinuität und parteipolitischer Einflussnahme.
Auch die Rolle des Bundes rückt in den Fokus. Ein Kulturstaatsminister – etwa Wolfram Weimer in der aktuellen Debatte – könnte theoretisch eine vermittelnde Funktion übernehmen: zwischen Bund, Ländern, Stiftungen und freier Szene. Entscheidend wäre dabei weniger Symbolpolitik als die reale Öffnung von Zugängen und die Vereinfachung von Verfahren.
Andreas Lechner ist Musiker, Autor, Regisseur, Produzent und Schauspieler – ein Grenzgänger zwischen Kunst und Gesellschaft. Vom Kontrabassstudium am Richard-Strauss-Konservatorium über die Kabarettbühnen der Guglhupfa bis zu Film, Theater und interdisziplinären Projekten verfolgt er die Idee, Geschichte künstlerisch erfahrbar zu machen. Seit 2018 betreibt er in Berlin das Tor218 Artlab, eine Galerie und Brettl-Bar, in der Ausstellungen, Lesungen und Performances auf eine offene Bühnenkultur treffen.
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