Weltkriegsordnung

Öl als Waffe: Warum Europas Energiepolitik im Hormus-Schock versagt

Trump droht Iran, Ölpreise explodieren, Europa schweigt. Die Straße von Hormus bleibt dicht, Benzin wird teurer. Die größere Frage: Was macht Europa?

9 Min
RAF-Typhoons landen auf Luftwaffenstützpunkt Dukhan in Katar.

RAF-Typhoons landen auf Luftwaffenstützpunkt Dukhan in Katar.

© Sgt Lee Goddard/Mod Crown Copyri

Es ist Sonntagabend, als Donald Trump in die Tasten greift. „Für den Iran tickt die Uhr, und sie sollten sich besser SCHNELL bewegen, sonst wird nichts mehr von ihnen übrig sein“ – Großbuchstaben, Ausrufezeichen, ein digitaler Faustschlag auf Truth Social. „DIE ZEIT DRÄNGT!“

Wenige Stunden später, zu Handelsbeginn am Montagmorgen, springt der Preis für Brent-Rohöl um fast zwei Prozent nach oben, auf rund 111 Dollar pro Barrel. WTI, die US-Referenzsorte, klettert auf etwa 108 US-Dollar. Die S&P-500-Futures rutschen um mehr als 0,6 Prozent ab, die Börsen in Tokio, Shanghai und Taipeh schließen tiefrot. Ein einziger Post, ein paar Zeilen Pathos – und Billionen an Marktwert geraten in Bewegung.

Es ist eine Szene, die alles über diesen Krieg erzählt: Die brüchige Waffenruhe zwischen Washington und Teheran hält nur noch auf dem Papier, die Straße von Hormus – jene schmale Wasserstraße, durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Öls und Gases fließt – bleibt geschlossen.

Und während an den Zapfsäulen der USA der Gallonenpreis bei 4,51 US-Dollar verharrt, mehr als 50 Prozent über dem Vorkriegsniveau, sitzt im Weißen Haus ein Präsident, der zwei Tage später vor laufenden Kameras sagen wird, die finanzielle Lage seiner Landsleute interessiere ihn „nicht einmal ein kleines bisschen“.

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Es ist der Moment, in dem Geopolitik, Energiemärkte und politische Empathielosigkeit zu einer einzigen, hässlichen Gleichung verschmelzen – und Europa schaut zu, als ginge es ihn nichts an.

Doch hinter diesem Satz verbirgt sich mehr als nur die Empathielosigkeit eines Milliardär-Präsidenten. Er ist das Symptom einer geopolitischen Konstellation, in der Energie wieder zur Waffe wird, in der Krieg sich über Tankfüllungen und Einkaufszettel direkt in die Wohnzimmer der Welt frisst – und in der Europa wirkt wie ein Zuschauer, der vergessen hat, dass das Stück, das er anschaut, auch von ihm handelt.

Straße von Hormus: Kilometer, die die Welt bestimmen

Beginnen wir mit den nackten Zahlen. Brent-Rohöl notierte am Montag bei rund 111 US-Dollar pro Barrel, WTI bei etwa 108 US-Dollar – beides Anstiege von mehr als zwei Prozent an einem einzigen Handelstag, ausgelöst durch einen einzelnen Truth-Social-Post Trumps („TIME IS OF THE ESSENCE!“). Das ist keine Marktbewegung, das ist Stimmungsmanagement in Großbuchstaben.

Die Straße von Hormus, jene 30 Kilometer schmale Engstelle zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman, ist seit Februar de facto geschlossen. Durch sie laufen normalerweise rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Öls und ein erheblicher Teil des verflüssigten Erdgases (LNG). Wenn dieser Flaschenhals zugeht, geht etwas viel Größeres zu: die Versorgungsillusion einer globalisierten Wirtschaft.

Kein Land zeigt das brutaler als Katar. Der Wüstenstaat, der mehr als 60 Prozent seiner Staatseinnahmen aus Gas- und Gas-Folgeprodukten generiert, hat seit über zwei Monaten praktisch kein LNG mehr verschifft. QatarEnergy hat die Produktion in Ras Laffan heruntergefahren. Der 600-Milliarden-Dollar-Staatsfonds, die Vision einer Diversifizierung Richtung Tourismus und Finanzplatz – all das steht still. Wer wissen will, wie verwundbar Ol-Renten-Staaten sind, wenn ihr einziges Ventil sich schließt, schaue nach Doha.

Und genau das ist der entscheidende Punkt: Energie ist nie nur Energie. Sie ist Außenpolitik in flüssiger Form. Wer den Hahn aufdreht – oder zudreht –, verschiebt Machtgewichte schneller als jede Resolution des UN-Sicherheitsrats. Der Iran weiß das. Trump weiß das. Putin wusste es 2022. Nur Berlin scheint es immer wieder neu lernen zu müssen.

Was passiert bei einer Blockade der Straße von Hormus?

Kommt es zu einer Blockade der Straße von Hormus, droht eine massive Störung der weltweiten Energieversorgung. Die Ölpreisentwicklung aktuell zeigt, dass bereits Ankündigungen oder drohende Schließungen zu Preissprüngen führen.

Eine längerfristige Sperrung bedeutet nicht nur Lieferengpässe bei Rohöl und LNG, sondern gefährdet auch die Sicherheit der Seewege im Persischen Golf. Besonders Europa wäre betroffen: Die Energiekrise Europa könnte sich verschärfen, da wesentliche Lieferketten für Öl und Gas unterbrochen würden. In der Folge steigen die Preise an den Märkten und an der Zapfsäule rapide an.

Folgen der steigenden Ölpreise: Die Krise im Alltag

Geopolitik ist abstrakt, bis sie es nicht mehr ist. Der April-Inflationswert der USA – 3,8 Prozent, der schärfste Anstieg seit drei Jahren – ist keine Statistik mehr, sondern eine Tomate, die plötzlich 30 Cent mehr kostet. Die Benzinpreise sind seit Kriegsbeginn um über 40 Prozent gestiegen, Diesel sogar um mehr als 50 Prozent. Lebensmittelpreise erlebten den schnellsten Monatszuwachs seit fast vier Jahren.

In einer aktuellen CNN-Umfrage sagen 77 Prozent der US-Amerikaner – darunter eine Mehrheit der Republikaner –, Trumps Politik habe die Lebenshaltungskosten in ihren Gemeinden erhöht. Das ist keine parteipolitische Wahrnehmung mehr, das ist ökonomische Realität, die sich über alle Lager hinweg gegen ihren Verursacher wendet.

Deutschland und Europa: Verdrängte Probleme

Für Deutschland und Europa ist die Lage strukturell ähnlich – aber rhetorisch unsichtbar. Steigende Ölpreise schlagen mit einer Verzögerung von zwei bis drei Wochen auf die Zapfsäulen durch. Die EZB, gerade erst aus dem Inflationstrauma der Jahre 2022/23 entkommen, sieht sich erneut mit importierter Teuerung konfrontiert.

Industrie-Strompreise, ohnehin der Achillessehne der deutschen Wirtschaft, werden durch verteuertes LNG aus alternativen Quellen weiter unter Druck geraten. Der Energiehunger der Künstlichen Intelligenz – Rechenzentren, die mittlerweile so viel Strom verbrauchen wie mittelgroße Industriestaaten – tut sein Übriges.

Lage der deutschen Wirtschaft und hohe Benzinpreise

Die aktuelle Ölpreisentwicklung und die Unsicherheit um die Straße von Hormus führen zu erheblichen Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft. Für Verbraucher bedeuten hohe Benzinpreise direkte Mehrkosten im Alltag und steigende Transportkosten für Waren.

Die Logistikbranche sieht sich mit höheren Ausgaben konfrontiert, was sich wiederum auf die Preise für Lebensmittel und Konsumgüter auswirkt. Unternehmen müssen mit teureren Energieimporten und gestörten LNG-Lieferketten rechnen, wodurch die Gefahr einer erneuten Energiekrise in Europa wächst. Die Abhängigkeit von Ölimporten bleibt dabei ein zentrales Risiko für die wirtschaftliche Stabilität.

Doch wer in Berlin oder Brüssel hört dieser Tage eine entschlossene Stimme, die sagt: Das betrifft uns, jetzt, hier?

Die Trump-Doktrin als Spiegel geopolitischer Risiken

Trumps „Not even a little bit“ ist nicht nur eine charakterliche Entgleisung. Es ist ein politisches Programm. Es ist die offene Erklärung, dass der Souverän die Bevölkerung als Kostenfaktor begreift, der „kurzfristigen Schmerz“ zu ertragen hat – während der Präsident gleichzeitig Ballsäle baut, das Weiße Haus renoviert und sich mit seinem Sohn Eric, der das Familienunternehmen führt, zum Staatsbankett nach Peking aufmacht (Menü: Hummer in Tomatensuppe, Brathuhn).

Die Symbolik ist erdrückend. Während Transportminister Sean Duffy in einer YouTube-Serie den „Great American Road Trip“ feiert – an den teuersten Zapfsäulen seit Jahren –, taucht FBI-Direktor Kash Patel im VIP-Schnorchel-Ausflug bei Pearl Harbor ab. Es ist eine Regierung, die sich selbst inszeniert, während das Land draußen ökonomisch verglüht.

Der historische Vergleich, den der ehemalige Bush-Chefökonom Douglas Holtz-Eakin im New York Times-Artikel zieht, ist instruktiv: George W. Bush, gewiss kein Mann der ökonomischen Sensibilität, sagte 2008 im Rosengarten: „Die Worte zur Beschreibung der Wirtschaft spiegeln nicht die Ängste wider, die die amerikanische Bevölkerung empfindet.“ Bill Clinton hatte zuvor das berühmte „I feel your pain“ geprägt. Beide wussten: Macht braucht eine Sprache der Anteilnahme, sonst wird sie zur Karikatur oder Autokratie.

Trump bricht diese Regel bewusst. Er regiert in einem Modus permanenter performativer Härte. Iran soll wissen: „Es wird nicht mehr von ihnen übrigbleiben“. US-Amerikaner sollen wissen: Ich denke nicht an euer Bankkonto. Die Botschaft ist dieselbe – nur die Adressaten unterscheiden sich.

Das Beunruhigende ist nicht, dass Trump so spricht. Das Beunruhigende ist, dass dieser Stil – wenn er funktioniert – Schule machen wird. Politik ohne Empathie als Markenkern. Souveränität als Zynismus.

Europas Energiepolitik: Von Abhängigkeit zu Apathie

Und hier kommen wir zur eigentlichen, unbequemen Frage: Warum schweigt Europa? Warum verharrt Deutschland in einer Art politischer Schockstarre, während sich um es herum die geopolitischen Grundkoordinaten verschieben?

Drei Diagnosen drängen sich auf:

Erstens: die Erschöpfung. Europa ist seit 2020 im Dauerkrisenmodus – Pandemie, Ukrainekrieg, Energieschock, Inflation, Migration, jetzt Iran. Politische Systeme funktionieren wie Menschen: Sie können sich an einen Adrenalin-Pegel gewöhnen, bis sie ihn nicht mehr spüren. Die Folge ist nicht Aktivität, sondern Lähmung. Wer alles für gleich dringlich hält, hält am Ende nichts mehr für dringlich.

Zweitens: die strukturelle Abhängigkeit. Europa hat nach 2022 zwar russisches Gas durch katarisches, amerikanisches und norwegisches LNG ersetzt – aber damit lediglich Abhängigkeiten umverteilt. Wenn Hormus schließt, fehlen 20 Prozent des weltweiten Öls. Da hilft keine Diversifizierung. Da hilft nur eine ehrliche Industriepolitik, die Energieautarkie nicht als grüne Träumerei, sondern als sicherheitspolitisches Kerngeschäft begreift. Die Bundesregierung ringt stattdessen um die nächste Gaspreis-Bremse.

Gerade für die Energiepolitik Deutschlands und Europas wird deutlich: Die Abhängigkeit von Ölimporten aus dem Nahen Osten bleibt ein strategisches Risiko. Das Ziel einer Energieunabhängigkeit Europas rückt in den Fokus – Alternativen zu Öl aus dem Nahen Osten und die Sicherung der Seewege gewinnen an sicherheitspolitischer Bedeutung. Ohne eine nachhaltige und krisenfeste Energiepolitik drohen wiederkehrende Schocks für Wirtschaft und Gesellschaft.

Drittens: die Mentalität des Trittbrettfahrens. Über Jahrzehnte hat sich Europa daran gewöhnt, dass Washington die Welt ordnet und Berlin die Rechnung kommentiert. Diese Konstellation funktioniert nicht mehr. Ein Präsident, der explizit sagt, ihn interessiere das Wohl seiner eigenen Bürger nicht – warum sollte ihn das Wohl europäischer Bürger interessieren? Die transatlantische Sicherheitsarchitektur ist nicht zusammengebrochen, aber sie hat ihre psychologische Grundlage verloren: das Vertrauen darauf, dass am Ende jemand die Verantwortung übernimmt.

Die deutsche Politik reagiert auf diese Lage mit dem, was man neudeutsch „Vibe-Management“ nennen könnte: ein bisschen Sondervermögen hier, ein bisschen Kriegstüchtigkeit-Rhetorik da, viel Sonntagsrede. Doch eine Energie- und Sicherheitsstrategie, die den Namen verdient – eine, die sagt, was sie kostet, wem sie wehtut und was sie langfristig sichert –, fehlt.

Die vorläufige Lehre

Vielleicht ist der ehrlichste Befund dieser Krise nicht der über Trump, nicht der über Öl, nicht der über die Inflation. Sondern der über uns selbst.

Trump zeigt, was passiert, wenn ein Land seinen Präsidenten nicht mehr zu Empathie zwingt. Katar zeigt, was passiert, wenn ein Land sein Schicksal an eine einzige Meerenge bindet. Und Europa zeigt, was passiert, wenn ein Kontinent vergisst, dass politische Apathie der Luxus von Zeiten ist, in denen jemand anderes für die eigene Sicherheit zahlt.

Die Straße von Hormus ist 30 Kilometer breit, die Fahrrinne nur einige wenige Kilometer. Der Abstand zwischen europäischer Selbstwahrnehmung und europäischer Realität ist inzwischen deutlich größer.

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