Privatzoo

Tiger entkommt aus Gehege bei Leipzig und verletzt Pfleger schwer: „Ich habe drei Schüsse gehört“

Ein verletzter Pfleger, aufgebrachte Laubenpieper, ein toter Tiger und acht lebende. Der Vorfall um die entlaufene Großkatze von Schkeuditz wird zum Politikum.

Alexander Schumann
5 Min
Die Tigerhalterin soll zuletzt neun Tiger auf einer Anlage in Schkeuditz gehalten haben: Am Sonntag konnte ein Tier entkommen.

Die Tigerhalterin soll zuletzt neun Tiger auf einer Anlage in Schkeuditz gehalten haben: Am Sonntag konnte ein Tier entkommen.

© Sven Ellger/imago

Nachdem am Sonntag ein ausgewachsener Tiger aus seinem Gehege im Schkeuditzer Ortsteil Dölzig entkommen konnte, seinen 73-jährigen Pfleger schwer verletzte und in einer nahegelegenen Kleingartenanlage von der Polizei erschossen wurde, schildern Zeugen dramatische Szenen.

Silvia Kaempf kann sich nur allzu gut an den Polizeieinsatz erinnern. Es sei gegen 13 Uhr gewesen, als sie mit ihrem Ehemann Christian an ihrer Kleingartenanlage „Gartenfreunde Dölzig e.V.“ im Großraum Leipzig ankam. Seit 26 Jahren bewirtschaften die beiden hier ihre Parzelle. „Wir haben den Hubschrauber über der Anlage kreisen sehen und dachten zuerst an einen schweren Verkehrsunfall vorne an der Hauptstraße“, erzählt die Rentnerin im Gespräch mit der OAZ. Doch überall war Blaulicht zu sehen, die Polizei patrouillierte mit einem Großaufgebot zwischen den Zäunen, Rettungssanitäter hielten sich bereit.

Kleingärtnerin: „Ich habe drei Schüsse gehört.“

Als das Ehepaar die Kleingartenanlage betreten wollte, wurde es von den Einsatzkräften zurückgehalten. Es herrschte Ausnahmezustand: Wer bereits in seinem Garten war, wurde angewiesen, sich in den Lauben einzuschließen, berichtet Silvia Kaempf. Ein ausgewachsener Königstiger laufe frei durch die Nachbarschaft, hätten die Beamten mitgeteilt. Fast eine Stunde musste das Ehepaar in seinem Auto ausharren. Dann fielen Schüsse.

Silvia Kaempf in ihrem Garten: Dort hatte am Sonntag ein Tiger für Angst und Schrecken gesorgt.

Silvia Kaempf in ihrem Garten: Dort hatte am Sonntag ein Tiger für Angst und Schrecken gesorgt.

© Alexander Schumann

„Wir haben nur gesehen, wie ein Polizeibeamter vom Dach eines Polizeiautos geschossen hat“, schildert Silvia Kaempf die dramatischen Sekunden. „Ich habe drei Schüsse gehört.“ Für Königstiger Sandokan kam jede Hilfe zu spät. Die Großkatze war auf der Stelle tot. „Mir tut das Tier einfach nur unendlich leid. Es ist unheimlich schade, dass der Tiger am Ende erschossen werden musste“, sagt die 68-Jährige.

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Wie konnte Sandokan aus seinem Gehege entkommen?

Nach allem, was bekannt ist, entkam Sandokan aus einem privaten Tiergehege. Neun Großkatzen soll die Halterin, die ehemalige Zirkus-Dompteurin Carmen Zander, dort gehalten haben. Dass die Raubkatzen seit weit über einem Jahrzehnt in der Nachbarschaft untergebracht sind, hatte die Kleingärtner im Alltag selten gestört, sagt Frau Kaempf. Doch am Sonntagnachmittag entkam Sandokan aus seinem Gehege, verletzte seinen 73-jährigen Pfleger schwer und versteckte sich. Wie der Königstiger entkommen konnte, ist noch unklar.

Der Vorfall ist der Höhepunkt eines jahrelangen, erbitterten Streits. Seit der Ansiedlung des Tigergeheges standen die Haltungsbedingungen in der Kritik. Besorgte Anwohner, Gewerbetreibende und Tierschützer warfen der Halterin wiederholt vor, gegen gängige Tierschutzstandards verstoßen zu haben. Die Tierschutzorganisation PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) spricht indes von schweren Versäumnissen des zuständigen Veterinäramtes Nordsachsen und fordert die sofortige Beschlagnahmung der verbleibenden Großkatzen. Laut den Tierschützern liege bereits ein konkretes Angebot einer spezialisierten Wildtier-Auffangstation vor.

Bis zuletzt verteidigte die Dompteurin ihre Tierhaltung vehement. Sie sieht sich selbst als Tierschützerin, die ihren Tieren ein gutes Leben bietet. Ihre Tiere seien glücklich und hätten sogar Nachwuchs, gab sie in der Vergangenheit an.

Tigerhalterin hatte keine gültige Genehmigung

Tatsächlich verfügt die Frau über keine gültige Genehmigung, die Großkatzen gewerblich zur Schau zu stellen oder vorzuführen, wie die OAZ vom Landratsamt Nordsachsen auf Anfrage erfuhr. Immerhin: „Generell besitzt Frau Zander die erforderliche Sachkunde, um die Tiger zu halten.“ Dem Landratsamt sei nicht bekannt, dass Tiere misshandelt worden seien.

Carmen Zander gilt als erfahrene Tigerdompteurin: Hier bei einem Auftritt im Jahr 2007 im Zirkus Krone in München

Carmen Zander gilt als erfahrene Tigerdompteurin: Hier bei einem Auftritt im Jahr 2007 im Zirkus Krone in München

© Reinhardt Kurzendörfer/imago

Trotzdem wollte die Behörde den Privatzoo räumen lassen. Als Rechtsgrundlage dient ein entsprechendes Gutachten. Der vorgesehene Platz für die Tiger sei nicht ausreichend gewesen – eine artgerechte Haltung unter den Umständen nicht möglich. Es sei die Auflage an die Tierhalterin ergangen, die Vorgaben des Säugetiergutachtens entweder so zu erfüllen, dass allen Tieren die dort vorgegebenen Flächen im Innen- und Außenbereich zur Verfügung stehen, oder den Tierbestand den aktuell zur Verfügung stehenden Flächen anzupassen, hieß es.

Dagegen legte die Leipziger „Tigerqueen“ Rechtsmittel ein. Sie habe umfänglich alle Möglichkeiten des Rechtsstaates genutzt, um gegen die Entscheidungen und Anordnungen der Behörden vorzugehen, teilte das Landratsamt weiter mit. Dies habe die Umsetzung der amtlich angewiesenen Forderungen verzögert.

Privatzoo soll geschlossen werden

Derweil üben die Laubenpieper scharfe Kritik. Silvia Kaempf ist von der Informationspolitik der Polizei enttäuscht. Gerade in den hinteren Abschnitten der Sparte herrschte lange Zeit völlige Unwissenheit über die akute Lebensgefahr. „Die wussten da hinten überhaupt nicht, was los ist“, schimpft Kaempf. „Ich bin in der DDR aufgewachsen. Früher hätte man eine klare Durchsage mit Lautsprecherfahrzeugen gemacht – heute pfeift da nur eine Polizistin.“

Nach dem Drama vom Sonntag dürfte der Privatzoo schon bald Geschichte sein. Acht Tiger befinden sich noch auf dem Areal in Schkeuditz-Dölzig. Doch der politische Druck auf die Behörden im Landkreis wächst. Der Schkeuditzer Oberbürgermeister Rayk Bergner forderte bereits den unmissverständlichen und dauerhaften Abzug der Raubkatzen.

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