Die ukrainischen Streitkräfte verschärfen ihre Angriffe auf Ziele tief im russischen Hinterland. In der Nacht zum Montag wurden Explosionen in der russischen Stadt Jaroslawl nordöstlich von Moskau gemeldet. Nach Angaben regionaler Behörden soll die Ukraine versucht haben, Energieinfrastruktur mit Drohnen anzugreifen. Der Gouverneur der Region, Michail Jewrajew, sprach laut dem Kyiv Independent von einem ukrainischen Drohnenangriff und ließ eine wichtige Fernstraße Richtung Moskau sperren.
Auch Moskau selbst bleibt inzwischen nicht mehr verschont. Bürgermeister Sergej Sobjanin erklärte am Montag, die russische Luftabwehr habe vier Drohnen im Anflug auf die Hauptstadt abgeschossen. Bereits am Wochenende war es zu einer der bislang größten ukrainischen Angriffswellen gegen die Region Moskau gekommen. Russische Behörden meldeten Tote, Verletzte sowie massive Einschränkungen im Flugverkehr. Am Flughafen Scheremetjewo wurden hunderte Flüge verspätet oder gestrichen. Nach Angaben russischer Behörden schlugen Trümmerteile zudem auf dem Flughafengelände ein.
Für Russland hat das auch symbolische Bedeutung: Die Hauptstadt galt lange als weitgehend abgeschirmt vom Krieg. Nun erreichen ukrainische Drohnen regelmäßig Ziele hunderte Kilometer von der Front entfernt. Jaroslawl liegt rund 700 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, Moskau selbst mehr als 500 Kilometer.
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Neue Strategie im Drohnenkrieg
Die Attacken passen zu einer breiteren Strategie Kiews. Seit Monaten greift die Ukraine gezielt russische Raffinerien, Treibstofflager, Militärflugplätze und Logistikzentren an. Ziel ist es, Russlands Kriegswirtschaft und Versorgung unter Druck zu setzen.
Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuletzt erklärt, die größere Reichweite ukrainischer Waffen verändere „die Dynamik“ des Kriegs. Bei einem Angriff sei ein Ziel in mehr als 1500 Kilometern Entfernung getroffen worden. Die Region Moskau sei besonders dicht mit Luftabwehr geschützt, dennoch erreichten ukrainische Drohnen inzwischen Ziele dort. Der Krieg kehre damit nach Russland „in seinen Heimathafen zurück“, sagte Selenskyj.
Nach Einschätzung des Kyiv Independent verschiebt sich das Kräfteverhältnis im Drohnenkrieg inzwischen zunehmend zugunsten der Ukraine. Die Zeitung beruft sich dabei auf Militäranalysten, ukrainische Drohnenkommandeure sowie westliche Sicherheitsexperten.
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Der Militärexperte Rob Lee vom Foreign Policy Research Institute sagte dem Kyiv Independent, Russland habe seinen Vorsprung bei Drohnensystemen zuletzt teilweise eingebüßt. Ukrainische Einheiten hätten ihre Taktik verbessert und träfen russische Truppen, Nachschublinien und Luftabwehr inzwischen deutlich effektiver.
Besonders problematisch für Moskau seien Angriffe auf Luftabwehrsysteme und Treibstoffdepots. Nach Angaben des Center for Information Resilience stieg die Zahl ukrainischer Angriffe auf russische Luftabwehr- und elektronische Kampfsysteme im Frühjahr stark an. Jeder Verlust mache weitere Angriffe erfolgreicher, sagte Analyst Kyle Glen dem Kyiv Independent.
Russische Militärblogger äußern inzwischen offen Sorge über die Entwicklung. Der bekannte Kriegsblogger Dmitri Steschin schrieb laut Kyiv Independent, ohne Gegenmaßnahmen könne die russische Logistik „in den kommenden Monaten kollabieren“.
Angriffe auf Russlands Ölindustrie
Zuletzt griff die Ukraine mehrfach Ölraffinerien und Umschlagterminals weit entfernt von der Front an. Betroffen waren unter anderem Anlagen in Rjasan, Tuapse und Perm. Reuters berichtete unter Berufung auf Analysen, die Angriffe hätten Russlands Ölproduktion im April um 300.000 bis 400.000 Barrel pro Tag reduziert – der stärkste Rückgang seit der Corona-Pandemie.
Gleichzeitig gelingt es der Ukraine nach eigenen Angaben immer häufiger, russische Angriffsdrohnen abzufangen. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe wurden bei einem massiven russischen Angriff Mitte Mai mehr als 1400 Drohnen abgeschossen oder elektronisch neutralisiert. Auch diese Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.
Der ehemalige US-Botschafter bei der OSZE, Michael Carpenter, sagte dem Kyiv Independent, ukrainische Innovationen im Drohnenkrieg hätten zwei zentrale russische Vorteile geschwächt: die größere Bevölkerung und die geografische Tiefe des Landes. Russland müsse sich zunehmend fragen, „ob der Krieg noch strategische Vorteile bringt oder nur immer höhere Verluste anhäuft“.
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