Arktis-Archäologie

Fundort Likneset: Walfängergräber auf Spitzbergen zerfallen schneller als erwartet

Skelette aus dem 17. und 18. Jahrhundert erzählen von harter Arbeit und Mangelernährung. Doch Küstenerosion und Tauwasser zerstören den Fundort.

Peter Steiniger
Peter Steiniger
4 Min
Historische Fangplätze und Hütten auf Svalbard gehören zum arktischen Kulturerbe.

Historische Fangplätze und Hütten auf Svalbard gehören zum arktischen Kulturerbe.

© Bluegreen Pictures/imago

Im Permafrost des norwegischen Archipels Spitzbergen zerfällt ein Gräberfeld europäischer Walfänger aus dem 17. und 18. Jahrhundert schneller als erwartet. Das geht aus einer am Mittwoch in der Fachzeitschrift PLOS One veröffentlichten Studie der Archäologin Lise Loktu vom Norwegischen Institut für Kulturerbeforschung (NIKU) und der Osteologin Elin Therese Brødholt hervor.

Untersucht wurde der Bestattungsplatz Likneset im Smeerenburgfjord im Nordwesten von Spitzbergen. Der Name bedeutet auf Norwegisch sinngemäß „Leichenpunkt“. Die Autorinnen werteten Funde von 20 Toten aus drei Grabungsphasen aus: 14 Skelette wurden zwischen 1985 und 1990 geborgen, drei im Jahr 2016 und drei weitere im Jahr 2019. Verglichen wurden Gräber aus einem stark erodierten Küstenabschnitt und aus einem stabileren zentralen Bereich.

Textilien verschwinden schneller als Knochen

Viele Skelette sind laut der Studie nahezu vollständig erhalten. Textilien zerfielen dagegen im erosionsanfälligen Bereich binnen weniger Jahrzehnte deutlich schneller; Leder, Holz, Haare und Haut gehören ebenfalls zu gefährdeten organischen Materialien. Besonders deutlich zeigte sich der Verlust an den Textilien: In den 2016 erneut untersuchten Gräbern des erosionsgefährdeten Bereichs waren sie weit schlechter erhalten als in den Funden der 1980er-Jahre.

Loktu sagte dem Nachrichtendienst Courthouse News, der Permafrost an der Küste reiche bis zu 30 Meter tief, werde durch die Erwärmung der Arktis aber zunehmend instabil. Särge brächen ein, Steinaufbauten verschöben sich, Grabschichten verlören ihren Zusammenhang. An Küstenstandorten wie Likneset verstärkten Erosion und der Rückgang des schützenden Meereises die Schäden. Tauwasser und Sauerstoff dringen demnach in die Gräber ein und beschleunigen den mikrobiellen Abbau.

Junge Männer mit Spuren harter Arbeit

Bei den Toten handelt es sich nach Angaben der Autorinnen fast ausschließlich um junge Männer. Trotz kräftigem Körperbau fanden sich häufig Hinweise auf Mangelernährung, Stoffwechselerkrankungen, Wachstumsstörungen und früh einsetzenden Verschleiß an Gelenken und Wirbelsäule. Verletzungen waren überwiegend verheilt. Die Forscherinnen schließen daraus, dass die Männer weniger an Unfällen starben als an dauerhafter körperlicher Überlastung und Unterversorgung. In einer Mitteilung sprechen sie von den „menschlichen Kosten der ersten europäischen Ölindustrie“.

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Der arktische Walfang war ein Rohstoffgeschäft. Europäische Flotten jagten in den nördlichen Gewässern vor allem Grönlandwale, weil sich ihr Speck zu Tran auskochen ließ und ihre Barten – hornartige Filterplatten im Maul –als elastisches Material verwertbar waren. Der Tran wurde nach Europa verschifft und dort für Beleuchtung, Seife, Farben, Firnisse und Schmierstoffe genutzt; aus den Barten wurden unter anderem Korsettstäbe, Schirmgestelle und andere biegsame Gebrauchsgegenstände gefertigt.

Der Walfang ließ vor allem die Bestände des Grönlandwals stark einbrechen. Vor der kommerziellen Ausbeutung lebten nach Schätzungen der US-Behörde NOAA mindestens 50.000 Tiere; bis in die 1920er-Jahre sank die weltweite Zahl auf weniger als 3000. Einige Bestände erholten sich nach dem Ende der kommerziellen Jagd, andere Populationen liegen bis heute nur bei wenigen Hundert Tieren.

Schutz am Fundort stößt an Grenzen

Das bisherige Prinzip, Funde im Boden zu belassen und dort zu bewahren, stoße auf Svalbard an seine Grenzen, warnen die Autorinnen. Sie fordern eine systematische Überwachung gefährdeter Plätze, gezielte Grabungen und die Einbindung archäologischer Daten in die Klimaanpassungsplanung. Betroffen seien auch Gebäude, Bergbauanlagen und alte Fangstationen für Pelztierjäger. Einzelne historische Hütten mussten laut Loktu wegen Küstenerosion bereits verlegt werden.

Die kommerzielle Jagd auf Grönlandwale lief schrittweise aus. In vielen arktischen Fanggebieten lohnte sie sich schon im frühen 20. Jahrhundert kaum noch, weil die Bestände stark geschrumpft waren; vor Alaska endete sie nach Angaben der US-Behörde NOAA 1921. Die Internationale Walfangkommission beschloss 1982 ein Moratorium, das die kommerzielle Jagd auf Wale seit der Saison 1985/86 aussetzt. Ganz beendet ist kommerzieller Walfang damit nicht. Norwegen und Island halten wegen Einsprüchen oder Vorbehalten gegen das Moratorium an begrenzter Jagd fest.

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