Gasnetze

Nach Görlitz-Explosion: Diese 7 Regeln können Ihr Leben retten

Drei Menschen starben in Görlitz bei einer Gasexplosion. Alte Leitungen bergen Risiken. Worauf Sie bei nun sich und anderen zu Hause achten sollten.

7 Min
Görlitz: Einsatzkräfte der Feuerwehr arbeiten sich durch Trümmerteile eines eingestürzten Hauses.

Görlitz: Einsatzkräfte der Feuerwehr arbeiten sich durch Trümmerteile eines eingestürzten Hauses.

© Sebastian Kahnert/dpa

Es war ein Bild, das viele nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Mitten in einer gepflegten Gründerzeitzeile in der Görlitzer James-von-Moltke-Straße klafft seit dem 18. Mai 2026 ein Loch. Drei Menschen starben, als das Mehrfamilienhaus am späten Nachmittag ohne Vorwarnung in sich zusammenfiel. Eine Gasexplosion gilt als wahrscheinlichste Ursache, abschließend bestätigt ist sie nicht. Doch seit dem Unglück steht wohl in unzähligen Haushalten die gleiche Frage im Raum: Kann mir das auch passieren?

Die ehrliche Antwort lautet: Das Restrisiko lässt sich nie auf null senken. Aber es lässt sich deutlich verkleinern – und zwar von jedem. Vom Mieter im Hinterhaus über die Eigentümerin der Stadtvilla bis zum Bauherrn, der gerade einen Altbau entkernt. Vorausgesetzt, man weiß, worauf es ankommt.

Wie das Gas in Ihre Wohnung kommt

Um Risiken einzuschätzen, lohnt ein kurzer Blick darauf, wie das deutsche Erdgasnetz überhaupt aufgebaut ist. Vom Hochdrucknetz der überregionalen Fernleitungen wird das Gas über Mitteldruckleitungen in die Stadtteile verteilt und schließlich über Niederdruckleitungen mit nur wenigen Millibar Druck bis vor die Häuser geführt.

Eine Hausanschlussleitung zweigt von der Straße ab und endet im Keller an der sogenannten Hauptabsperreinrichtung, kurz HAE – jenem Haupthahn, dessen Lage jeder Bewohner kennen sollte. Von dort führen Steigleitungen in die Wohnungen, bis zu Therme, Heizung oder Gasherd.

Wichtig zu wissen: Für das Netz bis zur Hauptabsperreinrichtung sind die Stadtwerke beziehungsweise der örtliche Netzbetreiber zuständig. Alles dahinter ist Sache des Hauseigentümers. Wer in Görlitz wohnt, hat es mit der Stadtwerke Görlitz AG zu tun, deren Bauteams nach dem Unglück tagelang daran arbeiteten, die Versorgung in den umliegenden Häusern wiederherzustellen.

Warum Ostdeutschland eine besondere Geschichte hat

Ein Aspekt, der in den ersten Berichten kaum vorkam, ist historisch hochrelevant: Bis Anfang der 1990er-Jahre floss in weiten Teilen der DDR – auch in Görlitz – noch Stadtgas, gewonnen aus Kohle. Dieses Stadtgas enthielt erhebliche Mengen Kohlenmonoxid, war giftig und hochexplosiv.

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Erst nach der Wiedervereinigung wurde flächendeckend auf Erdgas (Methan) umgestellt. Eine Mammutaufgabe, die Folgen bis heute hat: Manche Leitungen wurden komplett ausgetauscht, andere nur umgewidmet. Erdgas hat andere physikalische Eigenschaften als Stadtgas, Dichtungen sind anders belastet.

Alte Gussrohre

Hinzu kommt: In vielen ostdeutschen Gründerzeitvierteln liegen unter der Straße noch graue Gussrohre oder Stahlleitungen, die teils mehr als hundert Jahre alt sind. Modern verlegt wird heute Polyethylen (PE) – korrosionsfrei, flexibel, langlebig.

Im Westen verlief die Modernisierung gleichmäßiger, dafür sind dort die Leitungen aus den 1950er- bis 70er-Jahren das typische Problem. Eine Generation, die ebenfalls in die Jahre gekommen ist. Vereinfacht gesagt: Der Osten kämpft mit Altlasten aus der Stadtgaszeit, der Westen mit denen des Wirtschaftswunders. Beide Regionen haben ein Substanzproblem, nur an unterschiedlichen Stellen.

Was Mieter wissen müssen – und tun können

Als Mieter haben Sie zwar keine gesetzliche Prüfpflicht für Gasleitungen, aber Sie haben Augen, Nase, Ohren – und Rechte. Vor allem aber haben Sie eine Verantwortung für sich selbst und Ihre Nachbarn.

Achten Sie auf Warnzeichen. Der typische Geruch nach faulen Eiern ist kein Zufall: Erdgas ist von Natur aus geruchlos, ihm wird ein Geruchsstoff zugesetzt, damit Lecks auffallen. Wer Gas riecht, sollte das immer ernst nehmen. Zischende Geräusche an Leitungen, eine plötzlich gelbe statt blaue Flamme an Herd oder Therme, unerklärliche Kopfschmerzen oder Übelkeit, eine ungewöhnlich hohe Gasrechnung – all das sind Hinweise, denen man nachgehen sollte.

Auf die Wartung achten

Bestehen Sie auf Wartung. Therme und Heizung sollten einmal jährlich vom Fachbetrieb gewartet werden. Das ist Sache des Vermieters, aber Sie dürfen und sollten hartnäckig daran erinnern. Halten Sie außerdem die Lüftungsschlitze an Gasgeräten frei – sie sind dort nicht aus Designgründen, sondern weil Gasflammen Sauerstoff brauchen. Wer sie zuklebt oder zustellt, riskiert eine unvollständige Verbrennung und damit Kohlenmonoxid.

Investieren Sie in einen CO-Melder. Für 20 bis 40 Euro bekommen Sie ein Gerät, das Leben rettet. Rauchmelder, wie sie inzwischen vorgeschrieben sind, erkennen weder Gas noch Kohlenmonoxid. Ein CO-Melder gehört in die Nähe gasbetriebener Geräte. Und: Lassen Sie sich vom Vermieter oder Hausmeister zeigen, wo der Haupthahn ist – im Ernstfall zählt jede Sekunde.

Wenn es nach Gas riecht, gilt eine eiserne Regel: keine Funken, keine Schalter. Betätigen Sie keine Lichtschalter, auch nicht zum Ausschalten. Nutzen Sie kein Handy und kein Festnetz im betroffenen Bereich. Verzichten Sie auf jede Flamme. Öffnen Sie Fenster und Türen, drehen Sie den Haupthahn zu, wenn er gefahrlos erreichbar ist. Warnen Sie Nachbarn – klopfen, nicht klingeln. Und verlassen Sie das Gebäude. Erst draußen wählen Sie die 112 oder den Gas-Notruf Ihres Versorgers, dessen Nummer auf der Gasrechnung steht. Der Einsatz ist für Sie kostenfrei – auch wenn sich der Verdacht nicht bestätigt.

Was Eigentümer und Vermieter beachten sollten

Wer ein Haus besitzt, trägt mehr Verantwortung – auch rechtlich. Zwar gibt es nach der Erstprüfung neuer Gasleitungen keine gesetzliche Wiederholungspflicht für Innenleitungen. Doch der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) und die Technischen Regeln für Gasinstallationen (TRGI) empfehlen dringend eine Dichtheitsprüfung alle zwölf Jahre. Wer diese Empfehlung ignoriert, riskiert im Schadensfall nicht nur Menschenleben, sondern auch Probleme mit der Gebäudeversicherung.

Einmal jährlich sollten Eigentümer prüfen, ob alle Absperreinrichtungen frei zugänglich sind. Klingt banal, ist aber wichtig: Kinderwagen, Fahrräder oder Regale vor dem Haupthahn können im Notfall lebensgefährlich werden. Genauso wichtig sind regelmäßige Sichtkontrollen sichtbarer Leitungen, vor allem in feuchten oder schlecht belüfteten Räumen, wo Korrosion droht. Mieter sollten darauf hingewiesen werden, dass an Gasleitungen nichts aufgehängt werden darf – auch keine Wäscheleinen.

Wirklich sinnvoll ist die Nachrüstung von Gasströmungswächtern, die die Leitung automatisch schließen, wenn plötzlich zu viel Gas ausströmt, etwa nach einem Baggerschaden oder einer Explosion. Die Kosten sind überschaubar, der Sicherheitsgewinn erheblich. Thermische Absperrventile schließen Geräte bei Brand selbsttätig. Und stillgelegte Leitungsstücke sollten nicht nur verschlossen, sondern entfernt werden – sie sind eine klassische Schwachstelle in Altbauten.

Was Bauherren und Sanierer wissen müssen

Wer neu baut oder kernsaniert, hat die größte Chance, Sicherheit von Anfang an einzuplanen – und die größte Verantwortung, nichts zu übersehen. Vor Beginn sollten Alter und Material aller bestehenden Leitungen erfasst, Druckprüfungen durchgeführt und alte Bestandspläne beschafft werden. Gerade in Mehrgenerationenhäusern sind frühere Eigenumbauten ein Klassiker – und ein erhebliches Risiko.

Während der Bauarbeiten gilt: Bohren, Stemmen und Flexen sind die Hauptursachen für Leitungsschäden bei Sanierungen. Bevor irgendjemand mit dem Bohrhammer anrückt, müssen die Leitungen kartiert sein. Wer Gasleitungen bei Bauarbeiten beschädigt, muss mit existenzbedrohenden Konsequenzen rechnen – im schlimmsten Fall mit Toten.

Bei alten Leitungen stehen zwei Wege offen. Der komplette Austausch ist die sauberste Lösung, kostet aber je nach Größe 5.000 bis 15.000 Euro und ist mit Eingriffen in Wände verbunden. Die elegantere Alternative ist die zerstörungsfreie Innensanierung nach DVGW-Arbeitsblatt G 624: Die Leitung wird gereinigt und mit einem Spezialdichtmittel gefüllt, das Gewindeverbindungen von innen abdichtet. Dauer ein bis zwei Tage, Kosten zwischen 2.000 und 5.000 Euro. Sie eignet sich besonders für die häufigste Schwachstelle – undichte Gewinde.

Nach jeder Sanierung gehören Dichtheitsprüfung und Abnahme durch einen zertifizierten Fachbetrieb dazu. Und: Arbeiten an Gasleitungen dürfen in Deutschland ausschließlich von eingetragenen Vertragsinstallationsunternehmen der örtlichen Netzbetreiber durchgeführt werden. Heimwerken ist hier nicht nur fahrlässig, sondern strafbar.

Was Görlitz lehrt

Auch ohne abschließenden Ermittlungsbericht zeichnen sich Muster ab, die weit über Sachsen hinaus relevant sind. Aus kleinen Lecks können große Katastrophen werden, sobald sich Gas in geschlossenen Räumen sammelt und eine Zündquelle findet – ein Lichtschalter reicht. Eine sanierte Fassade bedeutet nicht, dass auch die Leitungen erneuert wurden; in vielen Gründerzeitvierteln ist die Substanz darunter hundert Jahre und älter.

Statik und Gas hängen zusammen: Eine Explosion kann tragende Wände zerstören, umgekehrt kann ein Einsturz Leitungen aufreißen – mit Folgegefahren für Nachbarhäuser. Genau das wurde in Görlitz zum Problem für die Bergungskräfte, die tagelang gegen austretendes Gas ankämpften, bevor die Stadtwerke die Zufuhr endgültig unterbrechen konnten.

Die wichtigste Lehre aber ist die einfachste: Gasgeruch ist immer Chefsache. Lieber einmal zu oft die Feuerwehr rufen als einmal zu wenig. Die drei Toten von Görlitz sollten uns daran erinnern, dass Sicherheit im eigenen Haus keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Ergebnis von Aufmerksamkeit – jeden Tag.

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