Neutralitätsdebatte

Studie: Mehrheit in der Schweiz befürwortet Annäherung an die Nato

Die Neutralität bleibt breit akzeptiert, doch die Studie zeigt, wie stark Schweizer Stimmberechtigte an ihrer Schutzwirkung als Sicherheitsgarantie zweifeln.

Peter Steiniger
Peter Steiniger
3 Min
Ein Radschützenpanzer der Schweizer Armee

Ein Radschützenpanzer der Schweizer Armee

© Pius Koller/imago

Eine Mehrheit der Schweizer Stimmberechtigten spricht sich für eine Annäherung des Landes an die Nato aus und bezweifelt zugleich, dass sich die Neutralität militärisch noch glaubwürdig verteidigen lässt. Das geht aus der repräsentativen Studie „Sicherheit 2026“ hervor, die am Dienstag von der Militärakademie an der ETH Zürich und einer Forschungsstelle der Hochschule für Sicherheitspolitik veröffentlicht wurde.

Laut Schweizer Verteidigungsdepartement VBS befürworten 56 Prozent der Befragten eine Annäherung an die Nato. 43 Prozent sind der Ansicht, dass ein europäisches Verteidigungsbündnis der Schweiz mehr Sicherheit bieten würde als die Beibehaltung der Neutralität. Das ist laut VBS der bisher höchste gemessene Wert.

Die Schweizer Neutralität ist ein dauerhaftes außen- und sicherheitspolitisches Instrument: Die Schweiz beteiligt sich nicht an Kriegen zwischen anderen Staaten, stellt Kriegsparteien keine militärische Unterstützung und kein Staatsgebiet zur Verfügung und geht keine militärischen Bündnisse ein. Ihre Wurzeln reichen bis zur Niederlage der Eidgenossen bei Marignano 1515 und zum Westfälischen Frieden 1648 zurück.

Nach den Napoleonischen Kriegen garantierten die europäischen Großmächte auf dem Wiener Kongress 1815 völkerrechtlich die immerwährende Neutralität und die Unverletzlichkeit des Schweizer Staatsgebiets. Die Schweizer Neutralität dient sowohl der Sicherung der Unabhängigkeit nach außen als auch dem inneren Zusammenhalt eines mehrsprachigen, konfessionell und politisch heterogenen Bundesstaats.

Die Zustimmung zur Neutralität bleibt mit 85 Prozent hoch. Sie liegt nach Angaben des VBS aber zwölf Prozentpunkte unter dem Wert von 2022. 59 Prozent der Befragten finden demnach, die Neutralität könne militärisch nicht mehr glaubhaft geschützt werden. Das Schweizer Portal Watson berichtete auf Grundlage der Studie ebenfalls über ein gesunkenes Sicherheitsgefühl in der Schweiz.

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Zwischen Kooperation und Neutralität

Die Ergebnisse fallen in eine sicherheitspolitische Debatte, die quer durch die Parteien verläuft. Die FDP fordert eine engere Kooperation mit der Nato, gemeinsame Übungen und die Prüfung neuer Rüstungsgeschäfte auf Kompatibilität mit Nato-Systemen. Die Grünliberalen schreiben in ihrer Stellungnahme zur sicherheitspolitischen Strategie 2026, die Sicherheit der Schweiz gebe es nur mit Europa.

Die SVP hält dem die bewaffnete Neutralität entgegen. Die Partei fordert ein klares Bekenntnis zur bewaffneten Neutralität und warnt vor einer Annäherung an internationale Militärbündnisse. Die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee kritisiert, die Schweizer Regierung gebe dem Druck der Nato nach.

SP und Grüne setzen andere Schwerpunkte. Die SP unterstützt europäische Verteidigungskooperation, lehnt aber offensive Fähigkeiten und eine Schwächung des Zivildienstes ab. Die Grünen begrüßen einen breiten Sicherheitsbegriff, kritisieren aber den aus ihrer Sicht zu starken Fokus des Bundesrates auf Aufrüstung.

Die Schweiz ist ein föderaler Bundesstaat mit starker direkter Demokratie. Die Regierung bildet nicht ein wechselndes Mehrheitskabinett, sondern der siebenköpfige Bundesrat, der als Kollegialregierung von den größten Parteien getragen wird.

Seit 2026 stellen SVP, SP und FDP je zwei Mitglieder, Die Mitte eines. Im Nationalrat ist die rechtsnationale SVP klar stärkste Kraft, vor der sozialdemokratischen SP, der liberalen FDP und der christdemokratischen Mitte. Die Grünen und die ökologisch-liberale GLP sind ebenfalls im Parlament vertreten.

Mehr Rückhalt für die Armee

Auch die Armee erhält laut der Studie mehr Rückhalt. 83 Prozent der Befragten halten sie laut VBS für unbedingt oder eher notwendig. 29 Prozent bewerten die Verteidigungsausgaben als zu niedrig. Das ist der höchste gemessene Wert seit Beginn der Erhebung 1986. 78 Prozent unterstützen die Ansicht, dass die Schweiz im Kriegsfall militärisch verteidigt werden soll.

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