Taucher beschädigen Korallenriffe nach einer neuen Studie häufiger, als ihnen selbst bewusst ist. In einer am Dienstag in der Fachzeitschrift Conservation Letters veröffentlichten Beobachtungsstudie wertete ein Forschungsteam um Bing Lin von der University of Sydney Videoaufnahmen von 732 Tauchern in Indonesien und auf den Philippinen aus.
Nach Angaben der University of Sydney berührten die Taucher die Riffe im Schnitt 0,26 Mal pro Minute. Das entspricht etwa einem Kontakt alle vier Minuten. Fast zwei Sekunden pro Minute waren sie demnach in direktem Kontakt mit dem Riff.
Die Forscher schreiben, die meisten schädigenden Kontakte seien nicht absichtlich erfolgt. Mehr als 80 Prozent dieser Berührungen seien unbeabsichtigt gewesen oder von den Tauchern nicht bemerkt worden. Viele Teilnehmer hätten zugleich angegeben, ihnen sei der Schutz der Riffe wichtig.
Selbsteinschätzung und Verhalten klaffen auseinander
Die Studie beschreibt eine deutliche Lücke zwischen Selbsteinschätzung und beobachtetem Verhalten. Rund drei Viertel der Taucher hätten ihre Fähigkeit, Riffkontakte zu vermeiden, im Vergleich zu anderen als überdurchschnittlich bewertet. In abgeglichenen Beobachtungen hätten sie ihre tatsächlichen Berührungen des Riffs jedoch fast um das Fünffache unterschätzt.
Lin sagte laut Mitteilung der University of Sydney, viele Taucher hielten sich für vorsichtig und wenig belastend für die Umwelt. Die Daten zeigten jedoch eine wiederkehrende Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Verhalten.
Besonders deutlich wurde der Effekt bei Begegnungen mit Meerestieren. Nach Angaben der Universität erhöhte deren Anwesenheit die Zahl absichtlicher Riffkontakte um 220 Prozent, unbeabsichtigte Kontakte um 85 Prozent und schädigende Kontakte um 106 Prozent. Laut Mitteilung geschah dies häufig, wenn Taucher sich Tieren näherten oder ihre Position im Wasser veränderten.
Training statt Tauchverzicht
Die Studie nennt außerdem eine kleine Minderheit von Tauchern, die für einen überproportionalen Anteil der gesamten Schäden verantwortlich gewesen sei. Daraus leiten die Autoren ab, dass gezielte Eingriffe bei Training, Verhalten und Branchenstandards Wirkung haben könnten.
Das US-Wissenschaftsmagazin Science News zitiert Lin mit der Einschätzung, bei stark besuchten Riffen könne sich der Schaden durch viele kleine Kontakte summieren. Zugleich betonen Lin und der von Science News befragte Forscher Francesco Favoretto, ein Verzicht auf Tauchtourismus sei nicht das Ziel. Vielmehr gehe es darum, Taucher besser auszubilden.
Korallenriffe gehören zu den artenreichsten Lebensräumen der Meere. Sie bedecken nur einen kleinen Teil des Meeresbodens, bieten aber nach Angaben der US-Meeresbehörde NOAA Lebensraum für etwa ein Viertel aller Meeresarten; zugleich schützen sie Küsten vor Erosion und Sturmschäden. Schäden durch Tauchtourismus treffen damit nicht nur einzelne Korallenstöcke, sondern ein Ökosystem, von dem Fische, Wirbellose und viele Küstengemeinden abhängen.
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