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Es erinnert an orientalische Fiktionen des schwäbischen Zeitungsredakteurs Wilhelm Hauff, der uns mit „Zwerg Nase“ und dem „Kleinen Muck“ das Osmanische Reich näherbringen wollte. Da kehrt ein persischer Kronprinz, Cyrus Reza Phalavi so sein Name, nach 59 Jahren an den Ort zurück, an dem sein kaiserlicher Vater damals Schicksalsereignisse für Deutschland auslöste. Ja, ohne den Besuch von Schah Mohammad Reza Pahlavi am 2. Juni 1967 in Berlin hätte es die RAF und ihren Terror und wohl auch die SPD-Kanzlerschaft von Willy Brandt ab 1969 („Mehr Demokratie wagen!“) nie gegeben. Die Zeit ist eben „ein sonderbares Ding“.
Im West-Berlin von 1967 war der Schah des Iran vor allem mit seiner totalitären Herrschaft verbunden. Die guten Wirtschaftsbeziehungen zur Bundesrepublik Deutschland spielten kaum eine Rolle, auch nicht die Bonner Schützenhilfe beim Atomprogramm des Iran. Die deutschstämmige Prinzessin Soraya als zeitweilige Schah-Gattin beherrschte monatelang die Seiten der Boulevard-Presse. Ihr verdankt Pahlavi jr. seine Existenz.
Denn die Ehe mit Soraya blieb ohne Thronfolger, der Schah ließ sich scheiden und nahm die politisch aktive Farah Diba zur Frau, die den Erstgeborenen als Kronprinzen zur Welt brachte. Die Bemühungen des Schah um eine Demokratisierung im Iran und eine Stärkung der Frauenrechte waren hierzulande weitgehend unbekannt.
Hinter Absperrgittern eine johlende Menge Studenten
Eingeprägt hatten sich die Grausamkeiten des iranischen Geheimdienstes Savak, der 1957 gegründet wurde und sich am 2. Juni 1967 in Berlin dadurch hervortat, dass seine Vertreter – sogleich als „Jubelperser“ apostrophiert – mit Holzlatten auf protestierende Schah-Gegner einprügelten, während die Berliner Polizei zu meiner Verwunderung anfangs am Rathaus Schöneberg tatenlos zuschaute.
Am Eingang zur Deutschen Oper in der Bismarckstraße standen das Schah-Ehepaar und seine Berliner Entourage, um die Vorstellung von Mozarts „Zauberflöte“ zu besuchen („In diesen heil’gen Hallen kennt man die Rache nicht“) – auf der gegenüberliegenden Straßenseite hinter Absperrgittern eine johlende Menge von Studenten, aus der hin und wieder Tomaten, Eier und auch mal ein Pflasterstein in Richtung Oper flogen.
Der Kommandeur der West-Berliner Schutzpolizei, Hans-Ulrich Werner, stand bei Protestanten und Polizei und redete beruhigend auf seine Beamten ein. Werner war ein freundlicher, gegenüber Medienvertretern stets höflicher Spitzenbeamter, der gute Aussichten hatte, einmal das Amt des Polizeipräsidenten zu bekleiden. Niemals hätte ich ihm, zu dem ich ein fast freundschaftliches Verhältnis hatte, das zugetraut, was nun in den Folgetagen bekannt wurde, als die Personaldiskussionen losbrachen. Als NS-Offizier in den Russlandfeldzug der Wehrmacht verstrickt, soll er eigenhändig zwei Frauen erschossen haben. Am Abend des 2. Juni 1969 beruhigte Werner in der ihm eigenen Art die emotional angespannten Einsatzkräfte.
Der Schah mit Prinzessin Soraya
© Bridgeman Images/Imago
Das fatale Kommando: „Knüppel frei!“
Aufatmen. Alles schien ohne ernstliche Zwischenfälle gelaufen. Auch ich machte eine Kehrtwende, um mich vom Ort des Geschehens zu entfernen. Da ertönte vom Polizeipräsidenten Erich Duensing das fatale Kommando „Knüppel frei!“, und der Sturm brach los. Unter heftigem Knüppeleinsatz drängte die Polizei den Studentenpulk in die Krumme Straße, wo auf einem Hof plötzlich ein Schuss fiel. Am Boden lag Benno Ohnesorg, „Bist du verrückt?!“, schrie einer aus den Reihen der Polizei-Führungskräfte den Schützen Karl-Heinz Kurras an und sorgte dafür, dass der Todesschütze schnell von der Bildfläche verschwand.
Am folgenschwersten war das Nachspiel: der zweiteilige Kurras-Prozess in Moabit. Mein alter Kumpel Gerd-Joachim Roos, dem als Strafverteidiger alles recht war, verteidigte den Angeklagten, von dem damals niemand wusste, dass er ein Stasi-Agent war.
Roos wusste den Senat von Berlin und die Polizei mit einem umfangreichen Zeugenaufgebot hinter sich. Er organisierte sogar eine ältere Dame als Zeugin, die von blitzenden Messern und Mordabsichten sprach, sodass Filou Roos den bis dahin kaum bekannten Begriff der „putativen Notwehr“– der vermuteten Notwehrsituation – ins Spiel bringen konnte.
Staatsanwalt Diether Dehnicke als Ankläger und Rechtsanwalt Horst Mahler mit seinem Kompagnon Otto Schily als Nebenkläger hatten es da schwer, obwohl Mahler wohl seine juristisch beste Zeit erlebte. Der Journalist Udo Bergdoll (die taz: „ein rechter Schleimer“) pries ihn in Springers B.Z. damals sogar als den am besten geeigneten Kandidaten für das Amt des Bundesjustizministers.
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Gespräche über Mahlers Gemütszustand
Horst Mahler und ich hatten denselben Hausarzt. Unter strenger Wahrung der ärztlichen Schweigepflicht sprach ich mit dem Mediziner so oft und so gut es ging über Mahlers Gemütszustand. Für mich blieb kein Zweifel: Der Ausgang des Kurras-Prozesses, der Freispruch für den Todesschützen – all das hatte bei Mahler die letzten Hemmungen für eine Radikalisierung beseitigt.
So lief der Kronprinz, vom amtierenden US-Präsidenten veralbert und in Berlin nicht vom Kanzler, sondern vom Außenpolitiker Armin Laschet empfangen, mit einem symbolischen roten Fleck auf dem blauen Jackett – als Zeichen für Blut und Tränen, die sein Vater im Iran und in Deutschland verursacht hatte, 59 Jahre nach einem schicksalhaften Schuss und 46 Jahre nach der Schah-Herrschaft durchs Berliner Regierungsviertel. Die Zeit – „ein sonderbares Ding“.
Alexander Kulpok ist Journalist und Autor. Er arbeitete im Sender Freies Berlin, zunächst im Jugendfunk, dann als Reporter, Redakteur, Moderator und schließlich lange als Leiter der ARD-/ZDF-Videotextredaktion.
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