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Kaum ist das Bürgergeld Geschichte und wird zum 1. Juli 2026 von der neuen Grundsicherung abgelöst, arbeitet sich Deutschland wieder an den Erwerbslosen ab. Das macht Deutschland gern. Andere Länder bauen Hochgeschwindigkeitszüge, wir bauen moralische Überlegenheitsgebäude aus Pressspan und Ressentiment. Kaum steigen die Preise für Butter, meldet sich irgendein Kommentator und erklärt: „Die Erwerbslosen kosten uns den Wohlstand!“ Das ist ungefähr so logisch, als würde man bei einem Wohnungsbrand den Rauchmelder verklagen.
Mitte Mai sendete das ZDF eine Bürgergeld-Dokumentation voller Verzerrungen, suggestiver Zuspitzungen und haltloser Behauptungen. So durfte ein Mitarbeiter aus der Jobcenter-Verwaltung Bremen einfach behaupten, dass 30 bis 40 Prozent aller Bürgergeld-Beziehenden betrügen würden. Ohne Einordnung und ohne Widerspruch.
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Menschen, verwaltet wie defekte Pfandbons
Wieder wurde der Eindruck erzeugt, als sitze die größte Bedrohung für die Stabilität dieses Landes im Trainingsanzug auf dem Sofa und esse Tiefkühlpizza auf Staatskosten. Die Republik imaginiert den Bürgergeldbezieher inzwischen wie eine Mischung aus Pablo Escobar, Dagobert Duck und einem Faultier im Winterschlaf. Angeblich organisiert er internationale Betrugsnetzwerke, arbeitet schwarz, fährt SUV und lacht höhnisch über den Steuerzahler.
Das Erstaunliche daran: Dieselben Leute, die das behaupten, finden gleichzeitig, die Menschen seien völlig ungebildet, faul und zu nichts zu gebrauchen. Also entweder haben wir es mit genialen kriminellen Masterminds zu tun oder mit sozial erschöpften Menschen. Beides gleichzeitig wird schwierig.
Besonders rührend ist der Furor derer, die morgens um halb sieben in Podcasts erklären, Leistung müsse sich wieder lohnen. Meistens direkt nach einer steueroptimierten Firmenkonstruktion in Luxemburg. Den deutschen Leistungsträger erkennt man heute daran, dass er seine Einkünfte „diversifiziert“, während der Arme „kassiert“. Dabei zeigen zahlreiche Reportagen, die eigentlich das große Bürgergeld-Gruselkabinett eröffnen wollten, etwas ganz anderes: ein System, das Menschen verwaltet wie defekte Pfandbons. Überforderte Jobcenter, prekäre Beschäftigung, psychische Erkrankungen, kaputte Biografien und ein Niedriglohnsektor, der so attraktiv ist, dass man Arbeitnehmer inzwischen mit Obstkorb und Tischkicker ködert.
Man muss sich das vorstellen: Da arbeitet jemand 40 Stunden pro Woche, kann aber trotzdem die Miete kaum bezahlen. Und wer bekommt den gesellschaftlichen Tritt? Nicht der Konzern mit Rekorddividende. Nicht der Vermieter mit 38 Prozent Mietsteigerung. Nicht die Plattformökonomie, die Menschen wie austauschbare Akkuschrauber behandelt. Nein. Der Feind sitzt angeblich im Wartebereich des Jobcenters und hat die Frechheit, arm zu sein.
Die Sehnsucht nach dem strafenden Sozialtstaat
Überhaupt diese deutsche Sehnsucht nach dem strafenden Sozialstaat. Der Erwerbslose soll nicht nur wenig haben, er soll sich dabei auch schlecht fühlen. Bürgergelddebatten sind deshalb oft weniger Wirtschaftsdiskussionen als moderne Bußrituale. Früher stand man im Büßerkleid aus Sackleinen und mit Aschestaub auf dem Marktplatz. Heute muss man im Fernsehen erklären, warum man nach drei Bandscheibenvorfällen nicht als Paketbote arbeitet.
Interessant ist auch die Wortwahl: „Totalverweigerer“. Das klingt wie eine terroristische Vereinigung. Dabei reden wir über einen statistisch kleinen Anteil von Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht in Erwerbsarbeit sind. Aber aus Einzelfällen wird zuverlässig ein gesellschaftlicher Flächenbrand konstruiert. Denn Empörung ist das letzte billige Massenprodukt der deutschen Medienindustrie.
Und dann kommen diese Kommentare, die behaupten, der Staat verliere seine Legitimation, wenn er Bürgergeld auszahle. Ein interessanter Gedanke. Denn laut Grundgesetz geht alle Staatsgewalt vom Volke aus. Auch vom arbeitslosen Volk. Auch vom depressiven Volk. Auch vom abgebrannten, erschöpften, überforderten Volk. Der Souverän ist keine Gehaltsklasse. Das scheint manche schwer zu kränken. Demokratie wird plötzlich an Lohnabrechnungen gekoppelt. Wer einzahlt, darf sprechen. Wer arm ist, soll dankbar schweigen.
Das ist keine Republik mehr, das ist ein Bonusprogramm. Dabei wäre die eigentliche Frage doch: Warum haben so viele Menschen Angst vor sozialem Abstieg? Warum reicht ein Arbeitsplatz heute oft nicht mehr zum Leben? Warum explodieren Mieten schneller als Löhne? Warum gelten Pflegerinnen als „systemrelevant“, aber Vermögensverwalter als „Leistungselite“?
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Eigentlich müsste man den Erwerbslosen danken
Die Erwerbslosen sind nicht das Problem dieser Gesellschaft. Sie sind ihr Symptom. Sie zeigen, wie brüchig das Versprechen geworden ist, dass Leistung automatisch Sicherheit erzeugt. Wer Bürgergeldbezieher permanent dämonisiert, betreibt deshalb keine Problemlösung, sondern psychologische Selbstberuhigung. Der arbeitende Teil der Bevölkerung soll glauben: „Wenn es mir schlecht geht, dann wenigstens nicht so schlecht wie denen.“
Das ist die eigentliche Funktion dieser Debatten. Nicht Aufklärung. Disziplinierung. Der moderne Sozialneid funktioniert nämlich nach unten. Nach oben wäre er zu anstrengend. Und vielleicht ist genau das der größte Skandal: dass Menschen mit sehr wenig Geld inzwischen die Rolle übernehmen müssen, für die früher Hexen zuständig waren. Sie dienen als Projektionsfläche für gesellschaftliche Angst, Wut und Kontrollverlust. Die Erwerbslosen tragen damit eine enorme Last für dieses Land. Emotional, symbolisch und statistisch. Eigentlich müsste man ihnen danken. Vielleicht sogar mit einer bedingungslosen Grundsicherung.
Jürgen Köhler ist freier Konzeptioner, Artdirector und bildender Künstler. Ehrenamtlich engagiert er sich gewerkschaftlich und politisch.
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