Die französische Marine hat am Sonntag rund 740 Kilometer westlich der Bretagne den aus dem russischen Hafen Murmansk kommenden Öltanker „Tagor“ gestoppt. Dies teilte die für den Atlantik zuständige Seepräfektur mit. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bestätigte den Einsatz am Montag auf der Plattform X.
Grundlage der Operation war nach Angaben der Seepräfektur Artikel 110 des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen. Ein Inspektionsteam ging an Bord. Die Prüfung der Dokumente bestätigte demnach den Verdacht, dass die geführte Flagge nicht ordnungsgemäß war. Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Brest, die für das Seegericht zuständig ist, wurde das Schiff umgeleitet. Die französische Marine begleitet das Schiff derzeit zu einem Ankerplatz, wo die Überprüfungen fortgesetzt werden sollen.
Macron erklärte laut Reuters, der Einsatz auf hoher See sei mit Unterstützung mehrerer Partner erfolgt, darunter Großbritannien. „Es ist inakzeptabel, dass Schiffe internationale Sanktionen umgehen, das Seerecht verletzen und den Krieg finanzieren, den Russland seit mehr als vier Jahren gegen die Ukraine führt“, zitiert ihn Reuters. Solche Schiffe seien zudem eine Gefahr für die Umwelt.
Vierter Fall seit September 2025
Nach Angaben der französischen Tageszeitung Le Monde ist es die vierte Aktion dieser Art seit September 2025. Zuvor waren im Januar 2026 der Tanker „Grinch“ und im März die „Deyna“ im Mittelmeer kontrolliert worden. Der Tanker „Boracay“ war im September 2025 vor der Bretagne gestoppt worden, weil er ohne Flagge fuhr. Alle drei Schiffe konnten nach Zahlung von Bußgeldern weiterfahren.
Frankreich hatte am 8. April nach Angaben von Le Monde angekündigt, die Strafen für fehlende Flagge und Missachtung von Anordnungen zu verdoppeln, um stärker gegen Russlands sogenannte Schattenflotte vorgehen zu können.
Darunter werden Handelsschiffe verstanden, die unter Sanktionen fallende Fracht transportieren und dabei Herkunft oder Route verschleiern. Im Russlandkontext geht es vor allem um Rohöl und Ölprodukte, die weiter auf den Weltmarkt gelangen sollen. Typisch sind häufige Wechsel von Name, Flagge und Eigentümer.
Auch Großbritannien geht laut Reuters gegen solche Tanker vor. Premierminister Keir Starmer habe im März die Erlaubnis erteilt, dass britische Soldaten an Bord von Schiffen der Schattenflotte gehen dürfen. Schiffsdaten zeigten jedoch, dass weiterhin Dutzende sanktionierte russlandnahe Schiffe britische Gewässer passierten.
Russische Medien greifen den Vorgang um die „Tagor“ auf und verweisen auf frühere Kritik aus Moskau: Außenamtssprecherin Maria Sacharowa hatte nach einer Tass-Zusammenfassung vom 26. März erklärt, Moskau werde alle Mittel nutzen, um den Grundsatz der Freiheit der Schifffahrt gegen die „maritime Piraterie der EU“ zu verteidigen.
Westliche Sanktionen kein Freibrief
Die „Tagor“ ist unter der IMO-Nummer 9282481 auf westlichen Sanktionslisten geführt: Die USA haben den Tanker auf die SDN-Liste gesetzt, die EU und Großbritannien nahmen ihn später in ihre Sanktionsregime gegen russische Ölexporte auf. Solche Strafmaßnahmen binden zunächst Staaten, Unternehmen, Häfen, Versicherer und Finanzdienstleister im jeweiligen Sanktionsraum. Auf hoher See gilt grundsätzlich die Freiheit der Schifffahrt und die Hoheitsgewalt des Flaggenstaats.
Eine Sanktionslistung ermächtigt daher nicht automatisch dazu, ein ausländisches Handelsschiff auf offener See zu kontrollieren oder festzusetzen. Frankreich stützt den Einsatz deshalb auf Artikel 110 des UN-Seerechtsübereinkommens. Dieser enthält das sogenannte Recht zum Besuch: Er erlaubt Kriegsschiffen bei begründetem Verdacht, dass ein Schiff keine gültige oder eine falsche Nationalität führt, zunächst die Flaggenberechtigung zu prüfen und bei fortbestehendem Verdacht an Bord weiter zu kontrollieren.
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