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Theodor Tusche ist ein junger und begeisterter Mopedfahrer. Er besitzt eine Simson S51. Das Kult-Kleinkraftrad aus dem Jahr 1991 kommt auf rasante 60 Stundenkilometer. Für ein Moped ist das eigentlich zu viel. Da sind nur 45 Stundenkilometer erlaubt. Aber der deutsch-deutsche Einigungsvertrag machte bewusst eine Ausnahme, damit die in der DDR weitverbreiteten „Simsons“ weiter betrieben werden konnten.
Theodor ließ sich 2025 von Pfarrerin Susanne Noack in Frankfurt (Oder) konfirmieren. Der junge Mann steht kurz vor seinem 15. Geburtstag. Als die rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland (AfD) Rundfahrten mit der Simson organisierte, entschloss sich die Geistliche, der auch aus kirchlicher Sicht umstrittenen Partei das Feld nicht zu überlassen: So sammelt sie die Moped-Enthusiasten in ihrer Kirchengemeinde. „Ich möchte den Anschluss an die Dorfjugend nicht verlieren und ihnen etwas anderes auf die Ohren geben als Rechtsruck und Altherrenwitze. Ich will die Leute nicht belehren, aber doch eine andere Geschichte bieten.“
Jüdische Familie sieht sich zur Verpachtung gezwungen
Die Geschichte geht so: Die jüdischen Unternehmensgründer Simson beginnen 1856 mit dem Erwerb eines weitaus älteren Vorgängerunternehmens, das Eisenerz zu Schmiedeeisen verarbeitete. Die Brüder Löb und Moses Simson stellten dann zivile und militärische Schusswaffen her, Letztere hauptsächlich für die Preußische Armee. Schon 1896 produzierte der Betrieb in Suhl erste Fahrräder. Die Entwicklung eines Personenkraftwagens Simson-Supra Typ A folgte. 1918 zählte die Firma 3500 Mitarbeiter. Später errang man damit sogar Erfolge im Autorennsport.
1933 sah sich der ebenfalls jüdische Familiennachfolger Arthur Simson gezwungen, die Simson & Co. KG an eine neu gegründete Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke GmbH zu verpachten. Nach gerichtlichen Auseinandersetzungen flohen die jüdischen Geschwister Arthur, Julius, Rosalie und Minna 1936 zuerst in die Schweiz, dann in die USA. Die Familie ist ein Beispiel dafür, wie jüdische Firmeninhaber mit politisch motivierten Zwängen aus ihrem Besitz verdrängt wurden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Unternehmen zu einem Volkseigenen Betrieb (VEB), der wieder den Namen Gerätewerk Simson Suhl trug. Die DDR verbarg den jüdischen Namen also nicht. Nach der Wende 1989 haben die Simson-Erben auf Rückführung ihres Eigentums gegenüber der Treuhand verzichtet. Eine noble Geste an die damalige „Simson Fahrzeug GmbH“, die zu DDR-Zeiten 3500 Beschäftigte zählte und der größte Arbeitgeber in der Stadt Suhl gewesen war.
Man produzierte Mopeds, Mokicks und Roller. 1964 startete die Produktion der Kleinkrafträder Schwalbe und 1975 des Mopeds S50. Schon bald waren beide aus dem sozialistischen Mobilitätsalltag nicht mehr wegzudenken. Mit der Wende im Jahr 1990 ging die Produktion an das Motorenwerk Zschopau (MZ) über, das Zweirad wurde noch einmal modernisiert. Doch musste 2002 die Produktion wegen mangelnden Absatzes eingestellt werden. Ein ikonisches Moped mit einfacher Technik und dem charakteristischen Zweitakt-Fahrgefühl kam an ihr Ende.
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Die Schwalbe von der Großmutter geerbt
Frau Noack – in der Niederlausitz aufgewachsen – ist schon seit 2019 in der kreisfreien Stadt an der Oder und besonders in der Kinder- und Jugendarbeit engagiert. Die heute 38-Jährige kam auf die Idee des Simson-Gottesdienstes, weil sie selbst eine Schwalbe KR51 von ihrer Großmutter geerbt hatte und zahlreiche Heranwachsende diese Maschinen fahren.
„Viele hängen an diesen Fahrzeugen, weil es Familienstücke sind“, sagt sie. „Sogar die ältere Generation fiebert mit den heutigen Jugendlichen“, wenn es die Treffen gibt. Es gehe aber nicht darum, das gesellschaftspolitische Gegeneinander weiter zu zelebrieren. „Ich möchte, dass die Kirche ein Ort ist, der den Leuten in unseren Dörfern mit ihren Themen und Fragen weiter offensteht.“
„Confirmatus“ Tusche ist ganz der Meinung seiner Pfarrerin: „Ich finde es cool, dass die Kirche das unterstützt, und es passt gut.“ Er besucht die 9. Klasse im örtlichen Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium, einer Schule mit anspruchsvollem „MINT“-Schwerpunkt (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Einige seiner Klassenkameraden machen gerade den AM-Führerschein für Mopeds, der umgangssprachlich „Fleppe“ heißt. Und da sei es schon reizvoll, mit 3,5 PS und 60 Stundenkilometern ein wenig schneller unterwegs zu sein, mit den Kleinkrafträdern der ehemaligen DDR. Eine Vereinnahmung der Kult-Krafträder durch die AfD findet er gar nicht gut. „Das sollte nicht in einen politischen Kontext gebracht werden und schon gar nicht als politische Werbung missbraucht werden.“
Seine „Konfi-Zeit“ hat Theodor in bester Erinnerung. Die Eltern hätten ihn dazu animiert, und dafür sei er dankbar: „Es war sehr schön. Wir haben viel gelernt. Danach bin ich mit festem Glauben herausgegangen“, urteilt der Heranwachsende. Jetzt will er auch den Simson-Gottesdienst mitgestalten.
Leipzig im Jahr 1958: Besucher der Herbstmesse betrachten ein Moped der Marke Simson.
© Kai Bienert/Imago
Proteste auch aus den USA
Protest gegen die Vereinnahmung des Ost-Kraftrads kommt auch aus den USA: Die Erben der Simson-Brüder verwahren sich gegen jede Verbindung zur AfD. Sie sehen mit den Polit-Fahrten zu AfD-Wahlkampfzwecken den Familiennamen Simson missbraucht, sogar verhöhnt. Zumal ausgerechnet die Thüringer AfD von einem „Symbol für Freiheit“ sprach. Auch andere politische Stimmen wehren sich dagegen, den Markennamen Simson als politisches Bekenntnis zu nutzen oder gar als immaterielles Kulturerbe schützen zu lassen, allein um ostdeutsches Selbstbewusstsein zu demonstrieren.
Bodo Ramelow, Vizepräsident des Deutschen Bundestags, bekennender Christ und bis 2024 Ministerpräsident Thüringens, begrüßt die Simson-Initiative von Pfarrerin Noack. Bereits 2025 gab es von den Fraktionen SPD, BSW und CDU im Brandenburger Landtag den Antrag, die Simson-Historie zu würdigen. Die AfD drängte auf eine Anerkennung durch die Unesco. Dem dürfte allerdings kein Erfolg beschieden sein. Die Kriterien der Weltorganisation geben das nicht her.
Mehr Erfolg ist derweil einem Potzlower Zweirad-Importeur beschieden, der fast weltweit Simson-Mopeds aufspürt, nach Deutschland importiert und aufarbeitet. Nur müsste die Sonderregelung des Einheitsvertrages „60 km/h weiter auch für eingeführte Kräder Bestand haben“. Für die Simson S50 hat sich sogar der Landtag Brandenburg eingesetzt: Als „Aspekt der ostdeutschen Jugendkultur“ gelte es, „die Kultur des Miteinanders, der Kreativität und der technischen Leidenschaft aktiv zu würdigen und zu fördern“, heißt es in einem Beschluss des Landtags aus dem Jahr 2025.
Roger Töpelmann ist freier Journalist, der als Gastautor und Kolumnist zu Themen wie Gesellschaft, Religion, Militär und Sicherheitspolitik publiziert.
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