Ernährung

Insekten als Steinzeit-Nahrung: Was Neandertaler von frühen Europäern unterschied

Zahnsteinanalysen zeigen unterschiedliche DNA-Spuren bei frühen modernen Menschen und Neandertalern. Auch Gene für die Chitin-Verdauung folgen einem geografischen Muster.

Peter Steiniger
Peter Steiniger
3 Min
Insektenlarven spielen in der Studie eine Rolle, weil ihre DNA im Zahnstein Hinweise auf frühere Ernährungsweisen liefern kann.

Insektenlarven spielen in der Studie eine Rolle, weil ihre DNA im Zahnstein Hinweise auf frühere Ernährungsweisen liefern kann.

© H. Bellmann/F. Hecker/imago

Frühe moderne Menschen in Nordeurasien haben deutlich weniger Insekten verzehrt als Neandertaler oder Bevölkerungen in den Tropen. Das berichtete am Freitag das Institut für Evolutionsbiologie (IBE) in Barcelona zu einer im Fachjournal Science Advances veröffentlichten Studie.

Die Forschungsgruppe um Pablo Librado und Manuel Piñero wertete dafür Zahnstein von 745 anatomisch modernen Menschen und 18 Neandertalern aus. Im Zahnstein lagern sich im Lauf des Lebens Erbgutreste verzehrter Arten ab. Damit gilt er als Archiv vergangener Ernährung. Zum Vergleich zog das Team Proben von Schimpansen und Gorillas heran.

Hinweise auf Fliegenlarven bei Neandertalern

Bei modernen Menschen aus dem nördlichen Eurasien fanden die Forscher den Angaben zufolge nur sehr wenige Insekten-DNA-Spuren. Die nachgewiesenen Arten deuteten eher auf eine zufällige Aufnahme über Wasser oder verunreinigte Nahrung hin als auf einen gezielten Verzehr. In Neandertaler-Zahnstein war die Menge an Insekten-Erbgut dagegen vergleichbar mit der bei westafrikanischen Schimpansen, die Insekten in Trockenzeiten als Nahrungsergänzung nutzen.

Auffällig war laut Studie der hohe Anteil an Zweiflüglern, darunter Mückenarten. Das stütze die Annahme, dass Neandertaler regelmäßig Tierkadaver mit Fliegenmaden verzehrten, erklärte Librado in einer Mitteilung des IBE. Die höchste Menge an Insekten-Erbgut wiesen die untersuchten Gorillas auf, was die Forscher auf das versehentliche Mitfressen beim Verzehr großer Blattmengen zurückführen.

Genetische Anpassung an die Tropen

Ergänzend untersuchten die Wissenschaftler zwei Gene für Magenenzyme, die den Panzerstoff Chitin abbauen. Varianten, die diesen Abbau erleichtern, sind nach den Studiendaten in tropennahen Bevölkerungen häufiger und werden mit zunehmender Entfernung vom Äquator seltener. Diese Verteilung sei bereits seit mindestens 9000 Jahren – also seit Beginn des Ackerbaus – stabil, hieß es. Neandertaler und ein untersuchter Denisova-Mensch trugen demnach Genvarianten, die eine bessere Chitin-Verdauung ermöglichten.

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Die geringe Verfügbarkeit von Insekten außerhalb der Tropen könnte nach Einschätzung von Librado neben kulturellen und religiösen Gründen erklären, warum sich in Europa keine Tradition des Insektenverzehrs entwickelt habe. Durch industrielle Verarbeitung lasse sich der schwer verdauliche Chitinpanzer heute umgehen, sagte er laut Mitteilung des IBE mit Blick auf die von der Welternährungsorganisation FAO empfohlene Nutzung von Insekten als Eiweißquelle.

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