Open Source

Berlins Schulbibliotheken: Viel Engagement, wenig Unterstützung

Am 13. Juni ist Schulbibliothekstag – ein Anlass, um auf die vielfältigen Probleme dieser unverzichtbaren Einrichtungen hinzuweisen.

Tanja Kasischke
5 Min
Oftmals wissen nur die Kinder die Arbeit der Schulbibliothekare zu schätzen.

Oftmals wissen nur die Kinder die Arbeit der Schulbibliothekare zu schätzen.

© Björn Hake/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Die „Schmetterlinge“ waren zuerst da. Pech für die Lehrerin und den Vater, der an diesem Vormittag zum Elterngespräch gekommen ist. Beide hatten die Schulbibliothek Seitenreich im Auge – „weil es ein wohltuend anderer Raum ist“ in der Paula-Fürst-Gemeinschaftsschule Charlottenburg. Eine Oase zwischen Klassenzimmern.

Die Erwachsenen schließen mit wehmütigem Blick leise wieder die Tür, die Grundschulklasse „Schmetterlinge“ schmökert ungestört weiter. Über mangelnde Nachfrage kann sich Katrin Herzberg nicht beklagen. Die Pädagogin betreut die Schulbibliothek. Dafür freigestellt ist sie nicht. Trotzdem ist das Seitenreich täglich geöffnet und meistens besetzt.

Hat Katrin Herzberg Unterricht, halten entweder eine Erzieherin aus dem Ganztag oder Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe die Bibliothek offen. Die Jugendlichen helfen im Rahmen des Fachs „Soziale Verantwortung“. Ihre Mentorin ist Honorarkraft, die dann Aufsicht im Seitenreich hat.

Die Schulbibliothek zählt rund 2500 Bücher. In den Regalen stehen viele aktuelle Titel, die Ausgaben sind gepflegt und werden augenfällig präsentiert – auf Serviettenhaltern. Ein Hack der Schulbibliothekarin: „Da kostet bei Ikea das Stück 80 Cent.“ Fehlt noch ein digitales Ausleihsystem. „Bisher arbeiten wir mit Karteikarten“, schildert Katrin Herzberg, „die Software ist bestellt und geliefert, unsere IT hatte nur noch keine Zeit zur Installation.“ Spätestens zum neuen Schuljahr, hofft sie, passiere das, „die Schülerinnen und Schüler warten ungeduldig. Die haben richtig Lust drauf, den Bestand zu digitalisieren und die Ausleihe zu machen.“

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Lesepreis für die Hans-Fallada-Grundschule in Neukölln

Lesepreis für die Hans-Fallada-Grundschule in Neukölln

© Tanja Kasischke

Migrationsanteil von 95 Prozent

Auf Martin Schröders Dienstrechner läuft die Software bereits. Ein Stapel neuer Ausgaben von Gregs Tagebuch-Bänden will erfasst werden. Die Barcodes ziert ein Fuchslogo, Lesefuchs heißt die Schulbibliothek der Hans-Fallada-Grundschule Neukölln. Martin Schröder ist ihr Schulbibliothekar, angestellt als Medienpädagoge, finanziert aus Mitteln des Startchancen-Programms des Berliner Senats. Es gilt Einrichtungen, deren Schülerinnen und Schüler erhöhten sozialen Förderbedarf haben.

Die Neuköllner Grundschule hat einen Migrationsanteil von 95 Prozent. Für die Schulleitung und den Schulförderverein hat Schröders Arbeit hohen Wert. „Ich erhalte ein Budget, mit dem ich Bücher kaufen kann“, sagt er und nickt mit dem Kopf in Richtung der Greg-Bände. „Davon brauchen wir viele. Die werden am meisten ausgeliehen und ein paar sieht man nie wieder. Aber wenn sie gelesen werden, gut.“ Über den Berliner Autorenfonds ist es ihm gelungen, Lesungen zu finanzieren. Ein Autor oder eine Autorin live an der Schule – für die Kinder ein Erlebnis, das lange nachwirkt. Persönliche Entwicklung und soziales Lernen, (auch) das kann die Schulbibliothek.

Seit fünf Jahren ist Martin Schröder Herr Lesefuchs an der Hans-Fallada-Grundschule. 2025 prämierte die Stiftung Lesen die Neuköllner Schulbibliothek mit dem Deutschen Lesepreis für den Einsatz digitaler Medien: Kinder hatten Abschnitte aus ihren Lieblingsbüchern auf Hörstifte gesprochen. Diese kamen bei einer Schnitzeljagd auf dem Schulfest zum Einsatz. Der Jury imponierte die hohe Zahl von Mädchen und Jungen, die erreicht wurde – trotz teilweise geringer Lesekompetenz.

Zwei Drittel von Berlins Schulen haben eine Schulbibliothek. Wer die Räume öffnet, ist nicht einheitlich geregelt. Es gibt haupt-, neben- und ehrenamtlich tätige Pädagoginnen, Pädagogen oder Eltern, Voll- und Teilzeitbeschäftigte oder Minijobbende. Wo keine Senatsmittel zur Verfügung stehen, springen die freien Träger des Ganztagsbereichs ein. Die Bezirke Spandau, Mitte und Treptow-Köpenick leisten sich eine schulbibliothekarische Kontaktstelle, und die Arbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken Berlin-Brandenburg (AGSBB) vernetzt die Anliegen vor Ort: Wie komme ich an Bücherregale? Was ist Kamishibai? Wo treffe ich Kolleginnen und Kollegen zum Austausch? Dazu ist der Schulbibliothekstag am 13. Juni da.

Rechnet nicht in Überstunden: Katrin Herzberg.

Rechnet nicht in Überstunden: Katrin Herzberg.

© Tanja Kasischke

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Lesepreis: Martin Schröder.

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Lesepreis: Martin Schröder.

© Tanja Kasischke

Spardruck: Sechsstellige Summe wurde gestrichen

Seit 2021 stehen die Schulbibliotheken im Berliner Schulgesetz: „Die Schule kann auf Antrag der Schulkonferenz (…) auf der Grundlage eines medienpädagogischen Konzepts eine Schulbibliothek errichten. (…) Schulbibliotheken erhalten nach Maßgabe des Haushaltes zweckgebundene Mittel zur Erfüllung ihrer Aufgaben. Bereits bestehende Schulbibliotheken haben Bestandsschutz.“

Dass die Haushaltsmittel für schulbibliothekarische Arbeit in den Bezirken ankommen, dafür sorgt die Koordinierungsstelle Schulbibliotheken der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Doch die jährlich bereitgestellte sechsstellige Summe wurde mit zunehmendem Spardruck im vergangenen Jahr gestrichen.

„Die Existenz von Schulbibliotheken ist damit nur pro forma gesichert – faktisch ist keine kontinuierliche Arbeit möglich“, bedauert die Vorsitzende der AG Schulbibliotheken, Ulrike Wels. Einsparungen im Bildungsetat betreffen die Schulen auch indirekt, indem sie Räume teilen oder abgeben müssen. In Neukölln nutzt die Jugendkunstschule seit Herbst 2025 Räume der Eduard-Mörike-Grundschule, die Schulbibliothek stand zur Disposition. Nach Protesten wurde die Entscheidung zurückgenommen.

Für Katrin Herzberg ist das Seitenreich an der Paula-Fürst-Gemeinschaftsschule „eine Herzensangelegenheit“. Sie rechnet nicht in Überstunden, „weil sich die Arbeit auf mehreren Schultern verteilt. Dadurch bin ich entlastet.“ Trotzdem ärgert die Pädagogin, dass die Aufgabe „als eine, die nebenbei läuft“, wahrgenommen wird. „Außer von den Kindern, die schätzen den Raum.“ So sehr, dass mittags das Maskottchen der Schulbibliothek, die Büchereule aus Plüsch, fehlt. Wie die Geschichte wohl weitergeht?

Info: Der 10. Schulbibliothekstag „Schulbibliotheken hoch 10“ findet am 13. Juni von 10 bis 16 Uhr in der Hunsrück-Grundschule Berlin-Kreuzberg, Manteuffelstr. 79 statt. Teilnehmende haben die Wahl zwischen zehn literaturpädagogischen Workshops sowie Gelegenheit zur Vernetzung. Anmeldung auf: www.agsbb.de

Tanja Kasischke ist Journalistin und war bis 2023 Referentin in der Leseförderung in Berlin und Brandenburg. Ihr Format „AusLESE – Grundschüler sprechen über gute Kinderbücher“ erhielt 2020 den Deutschen Lesepreis der Stiftung Lesen.


Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner