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Tatort Berlin: Ein Einbrecher sieht rot – mit tödlichen Folgen für ein junges Paar

In der Potsdamer Straße macht der Mörder Paul Tippe im Jahr 1910 ein Mädchen zur Vollwaisen. Er wird fix gefasst, bricht aber aus dem Gefängnis aus.

Bettina Müller
9 Min
Für eine Handvoll Münzen: Mörder Paul Tippe

Für eine Handvoll Münzen: Mörder Paul Tippe

© Archiv Bettina Müller

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Paul Tippe hatte den Einbruch bei den Tetzkes in der Potsdamer Straße 83 von langer Hand geplant. Es konnte eigentlich nichts schiefgehen. Einen Komplizen hatte er zwar nicht, der Mann, den er auf dem Arbeitsamt kennengelernt hatte, hatte zwar zunächst zugesagt, den Einbruch gemeinsam mit ihm zu begehen, war dann aber plötzlich abgesprungen.

Von seiner Schwester Ida, die bei den Tetzkes als Dienstmädchen arbeitete, hatte Paul Tippe erfahren, dass der Damenschneider Robert Tetzke stets sehr viel Wirtschaftsgeld in der Schreibtischschublade aufbewahrte. Sein Geschäft lief sehr gut.

Am 4. April 1908 hatte er in Charlottenburg seine Angestellte, die Schneiderin Gertrud Reichhold geheiratet. Am 15. Januar 1909 war ihr erstes Kind, ein Mädchen zur Welt gekommen, aber gleich nach der Geburt gestorben. Als das zweite Kind kam, waren sie so glücklich gewesen. Am Wochenende fuhr die kleine Familie meistens zu Gertruds Eltern nach Lichtenrade, auch das hatte Ida ihrem Bruder erzählt, ohne auch nur ansatzweise zu ahnen, was er vorhatte.

An einem Sonntag, es war der 6. November 1910, sollte es also soweit sein. Nach einem Routineeinbruch würde er endlich Geld haben und erst einmal nicht auf eine neue Arbeitsstelle angewiesen sein. Und irgendwann würde er endlich ins Ausland gehen können, um sein Glück zu suchen.

Tippe war fest entschlossen und hatte seinem Schwager, dem Mann seiner Schwester Martha, vorher sogar noch Geld gestohlen, um sich einen alten Revolver samt Patronen für diesen alles entscheidenden Tag zu kaufen. Dabei waren Martha und ihr Mann Paul so mildtätig gewesen und hatten Paul vorübergehend bei sich in ihrer kleinen Wohnung in der Sedanstraße aufgenommen.

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Es war eine halsbrecherische Aktion, die Tippe dann an den Tag legte, um sich Zutritt zu der Wohnung im dritten Stock zu verschaffen. Der Einsteigedieb war auch ein Kletterspezialist – er nutzte dabei eine Häusergalerie, die Regenrinne und schließlich den Küchenbalkon. Ein offenes Fenster, und schon war er in der Wohnung, die innerhalb kürzester Zeit wie ein Schlachtfeld aussah – die Tatortfotos würden dies belegen.

Zwei Menschenleben für 40 Pfennige und eine Uhr

Tippe reißt sämtliche Schubladen heraus, wühlt wie ein Berserker in den Papieren, weil er darin Geldscheine vermutet, die sein vermeintliches Ticket in die Freiheit sein sollen. Als er nichts wirklich Wertvolles findet, wird seine Wut immer größer. Mit 40 Pfennigen, die er in einer Kinderspardose gefunden hat sowie einer goldenen Uhr stürmt er zunächst aus der Wohnung. Es dauert eine Weile, bis er sich beruhigt hat.

Dann kehrt er noch einmal zurück, vielleicht hat er ja doch etwas übersehen, so denkt er. Da muss doch irgendwo Geld sein! So kniet er erneut auf dem Fußboden, durchwühlt noch einmal die Papiere, findet wieder nichts. Hektisch und gierig nach Beute vergisst er völlig die Welt um sich herum. Der Schreck muss groß gewesen sein, als er auf einmal einen Schlüssel klirren hört – und dann Stimmen. Wenn er jetzt erwischt wird, war es das. Er muss hier sofort raus!

Tippe überlegt noch für einen Bruchteil einer Sekunde, in den hinteren Teil der Wohnung zu rennen und sich aus dem Fenster über den Balkon in Richtung Nachbarwohnung zu hangeln. Doch dafür ist es längst zu spät. Da! Es öffnet jemand die Tür – Tippe hat bereits den Stummel einer Kerze ausgelöscht, die er im Schlafzimmer angezündet hat. Eine schemenhafte Gestalt betritt das Zimmer – und Tippe schießt in Panik.

Der Schuss trifft Frau Tetzke in die Schläfe, während ihr Kind derweil weinend auf dem Boden sitzt. Auch Herr Tetzke ist chancenlos. Tippe schießt zweimal auf den Mann, trifft dessen Kiefer und auch den Rücken. Dann stürzt er hektisch aus dem Haus in Richtung Straßenbahn, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her. Was ihn dann dazu bewegt hat, noch einmal an den Tatort zurückzukehren, man weiß es nicht.

Zunächst irrt er orientierungslos durch die Straßen, bis er fassungslos vor dem Haus steht, in das er Stunden zuvor eingebrochen ist. Er sieht die entsetzten Menschen, die beiden Krankenwagen. Dann werden die beiden Schwerverletzten abtransportiert. Dass er daran schuld sein soll, kommt ihm seltsam fremd vor. Wie hatte es nur dazu kommen können? Er hatte doch niemand töten wollen.

Er kehrt schließlich in die Sedanstraße zurück, wo ihn sein Schwager schon erbost erwartet, weil er den Diebstahl des Geldes bemerkt hat. Tippe versteckt schließlich noch alles, was mit der Tat zu tun hat, im Keller und legt sich dann schlafen. Doch an Nachtruhe ist nicht zu denken. Währenddessen erliegt Robert Tetzke im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen, kurze Zeit später folgt ihm seine Frau in den von Tippe verursachten Tod.

Tippe, der bis zu diesem Abend noch nie getötet, sondern „nur“ gestohlen hatte, hatte eine große Schuld auf sich geladen und eine junge Familie zerstört. Dabei war es am Anfang so ein schöner Tag für die Tetzkes gewesen. Der letzte schöne Tag. Zusammen mit ihrem kleinen Töchterchen Emma hatten sie die Schwiegereltern besucht und waren gut gelaunt von ihrem Ausflug zurückgekehrt, nichts ahnend, dass in ihren eigenen vier Wänden der Tod lauerte. Der notorische Verbrecher Tippe, der eigentlich Gärtner von Beruf war, hatte ihr Glück vernichtet und ein kleines Mädchen zum Waisenkind gemacht.

Potsdamer Brücke und Straße im Jahr 1929

Potsdamer Brücke und Straße im Jahr 1929

© arkivi/Imago

Kriminalkommissar Nasse ermittelt

Es liegt nun an Kriminalkommissar Alexander Nasse, diesen tragischen Fall zu lösen. „Nasse I“ – so wird er offiziell im Polizeipräsidium genannt, weil es noch einen zweiten Kommissar Nasse gibt, seinen Bruder Victor – hat bereits einige kriminalistische Erfolge verzeichnet, und das in einer Zeit, in der zum Beispiel die Daktyloskopie noch in den Kinderschuhen steckte. Ein Kommissar musste sich vor allem auf sein Gedächtnis verlassen – und auf seine Kombinationsgabe. Ein Netzwerk von Informanten und psychologisches Geschick bei der Vernehmung taten ein Übriges. Kommissar Nasse I brachte all diese Voraussetzungen mit. So war er es auch gewesen, der den „Hauptmann von Köpenick“ mit enttarnt hatte.

Es vergehen nur zwei Tage, dann hat Nasse I seinen Täter. Verpfiffen hat ihn der Mann, den Tippe zu dem Einbruch hatte überreden wollen und der gesehen hatte, dass Tippe in das Haus ging, in dem Martha Strelau geb. Tippe wohnte. Ein kurzes Verhör der Hausbewohner, und die Beamten wissen, dass dort eine Schwester Idas wohnt – und auch Paul Tippe. Die Beamten lauern ihm auf, bis er am Nachmittag zurückkehrt und stante pede verhaftet wird.

In Handschellen geht es nun gen Polizeipräsidium, wo ihn Nasse I mehrere Stunden streng verhört und er die Tat schon bald gesteht. Danach ist Tippe so geschwächt, dass man ihn unter Bewachung in das nächste Restaurant in der Alexanderpassage – der Verbindung zwischen der Alexander- und der Dircksenstraße am südlichen Ende des Polizeipräsidiums – bringt, wo er sich an gepökeltem Kammfleisch mit Sauerkohl labt, bevor er wieder retour in die Zelle geht.

Am 26. Januar 1911 wird der Prozess vor dem Schwurgericht des Landgerichts II in Moabit eröffnet. Er hält die Stadt mehrere Tage in Atem. Vorher sind die Geschworenen ausgelost worden. Eine ganze Armada Sachverständiger wird aufgefahren, um die Zurechnungsfähigkeit von Tippe, der 1890 in Staßfurt als Sohn eines Bergmanns geboren wurde, zu überprüfen.

Tumultartige Szenen

Dabei kommt es zu tumultartigen Szenen, als besonders die Damenwelt etwas rabiat wird und ihre Ellenbogen und Schirme einsetzen, um nur ja einen Platz auf der Besuchertribüne zu ergattern. Alle wollen den Mann sehen, der zwei Menschen erschossen hat. Die Meute wartet gespannt, dann geht ein Raunen durch den Saal, als sich auf einmal Tippe hinter der Schiebetür im Rücken der Anklagebank aus dem geheimnisvollen Dunkel schält. Der Prozess kann beginnen, somit auch Tippes Kampf um seinen Kopf.

Am 13. September 1910 hat der Deutsche Juristentag über die Abschaffung der Todesstrafe abgestimmt und das mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. Tippe, der seit Frühjahr 1910 in der Stadt ist, weiß also nur zu genau, was ihm blüht, sollte man ihm nachweisen, dass er die Tat „mit voller Überlegung“ ausgeführt habe. Der Angeklagte, der die Tötung mit Vorsatz und Überlegung leugnet und sich den Revolver nur zu seinem persönlichen Schutz gekauft haben will, wird durch den Vorsitzenden, Landgerichtsdirektor Forstmann, vernommen. Tippes Verteidiger ist Dr. Jaffé.

Die Gutachter kommen schließlich zu dem Ergebnis, dass Tippe als „minderwertig“ zu betrachten sei, sodass für den Angeklagten der Paragraf 214 RStGB herangezogen werden müsse, die grausame Tat also kein geplanter Mord war, sondern die vorsätzliche Tötung bei einem Einbruch, um der Entdeckung zu entgehen.

Verteidiger Jaffé hat sich bis zum Schluss gewehrt, um den vorsätzlichen Mordvorwurf gegen seinen Mandanten abzuwenden. Dann ziehen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Am Ende wird Tippe zu einer lebenslänglichen Zuchthausstraße wegen des Verbrechens gegen den Paragraf 214 verurteilt – die Geschworenen sind dabei einstimmig dem Antrag des Ersten Staatsanwalts Hagemann gefolgt.

Drei Jahre später fällt Kommissar Nasse I im Alter von 42 Jahren im Ersten Weltkrieg. 1917 schafft es Tippe tatsächlich, aus dem Zuchthaus auszubrechen. Danach verlor sich seine Spur. Die Tochter des Ehepaars Tetzke wurde von ihren Großeltern großgezogen, starb jedoch am 15. Mai 1926 im Alter von 16 Jahren im Krankenhaus Friedrichshain.

Bettina Müller lebt als freie Autorin in Köln und schreibt für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften vor allem über diese Themen: Historischer True Crime; Kunst, Kultur und Literatur der Weimarer Republik; Reise; Genealogie. Am 8. April ist ihr neues Buch „Die Masseuse mit der Hundepeitsche. Mordfälle aus einer unruhigen Zeit (1900-1933)“ erschienen.

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