Aufrüstung

Eine Milliarde Euro für Laage: Wie die Bundeswehr den Fliegerhorst ausbaut

Der Militärflugplatz zeigte sich besucherfreundlich. Mit Eurofighter-Ausbildung und Alarmrotte ist er ein wichtiger Baustein der Luftverteidigung und wächst weiter.

8 Min
Oberleutnant Tobi (25) absolviert in Laage gerade die Ausbildung als Pilot für einen Eurofighter.

Oberleutnant Tobi (25) absolviert in Laage gerade die Ausbildung als Pilot für einen Eurofighter.

© Katja Frick/Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Kilometerlange Staus auf der Landstraße zum Flughafen Laage, Menschenmassen, die mit der Bahn in Kronskamp ankommen und von dort mit Busshuttles zum Fliegerhorst gebracht werden, lange Warteschlangen vor den Sicherheitskontrollen. Auf dem Militärflugplatz wimmelt es an diesem 6. Juni nur so von Menschen. Zum Tag der Bundeswehr haben zehn Standorte in Deutschland ihre Türen für Besucher geöffnet, der Fliegerhorst Laage war der einzige Luftwaffenstandort.

Am Ende nutzten 67.000 Besucher die seltene Gelegenheit, diesen sonst streng abgeschirmten militärischen Teil des Flughafens bei Rostock zu sehen. „Soweit ich weiß, gab es hier am Standort 2014 zum letzten Mal einen Tag der offenen Tür“, sagt der Hauptmann von der Presseabteilung.

Standort für Ausbildung von Eurofighter-Piloten

Sogar Bundeskanzler Friedrich Merz landet mit seiner Regierungsmaschine auf dem Flughafen Laage. Zuvor wurde das Flugzeug demonstrativ von zwei Eurofightern „abgefangen“ und zur Landebahn begleitet. Friedrich Merz spricht danach mit Soldaten und Besuchern, aber vor allem will er nach Linstow, wo die CDU Mecklenburg-Vorpommerns ihren Parteitag abhält. Er will hier Mut machen für die Landtagswahl im September.

Das Taktische Luftwaffengeschwader 73 „Steinhoff“ ist einer von vier Eurofighter-Standorten der deutschen Luftwaffe. Seine Hauptaufgabe ist die Ausbildung der Eurofighter-Piloten. Auch Piloten des österreichischen Bundesheeres werden hier auf dem Kampfflugzeug ausgebildet. Damit ist Laage die Schule für eines der wichtigsten Waffensysteme der Bundeswehr. Wer später in Neuburg, Nörvenich, Wittmund oder Laage Eurofighter fliegt, hat seine Ausbildung in MV durchlaufen.

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Zum Fliegerhorst gehören 1116 Beschäftigte, davon sind 870 Piloten. Stationiert sind 35 Eurofighter. Kommodore des Geschwaders ist seit Oktober 2025 Oberst Dominique Gentzsch. In Laage verbinden sich mehrere militärhistorische Linien: DDR-Luftstreitkräfte, Bundeswehr nach der Wiedervereinigung, MiG-29-Ära und die heutige Eurofighter-Ausbildung.

Von Laage aus sichert eine Alarmrotte den Ostseeraum

Der Flugplatz wurde 1984 von der Nationalen Volksarmee der DDR in Betrieb genommen. Nach der deutschen Einheit übernahm die Bundeswehr den Standort. Der zivile Luftverkehr begann Anfang der 1990er-Jahre auf Grundlage einer Mitnutzung. Bis heute ist Rostock-Laage dadurch ein besonderer Ort: ein militärischer Flugplatz mit zivilem Regionalflughafen. Von rund 1000 Hektar Gesamtfläche werden etwa 60 Hektar zivil genutzt. Diese militärisch-zivile Verbindung ist in Deutschland ungewöhnlich und in der Region immer wieder politisches Thema.

Besucheransturm beim Tag der Bundeswehr auf dem sonst streng abgeschirmten Fliegerhorst Laage, wo Eurofighter-Piloten ausgebildet werden.

Besucheransturm beim Tag der Bundeswehr auf dem sonst streng abgeschirmten Fliegerhorst Laage, wo Eurofighter-Piloten ausgebildet werden.

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die militärische Bedeutung von Laage zugenommen. Die Bundeswehr hatte vor einigen Monaten öffentlich gemacht, dass sie eine Übernahme der zivil genutzten Teile des Flughafens prüfen wolle. Begründet wurde das mit der veränderten Sicherheitslage und dem wachsenden Infrastrukturbedarf der Streitkräfte. Für die Region wäre ein Ende oder eine Einschränkung des zivilen Flugbetriebs ein Einschnitt.

Die Bedeutung Laages ist noch einmal gestiegen, seitdem hier 2022 eine sogenannte Alarmrotte stationiert wurde. Ursprünglich war die Verlegung als Übergangslösung geplant, da der eigentliche Heimatstützpunkt im ostfriesischen Wittmund modernisiert wurde. Wegen der veränderten Sicherheitslage wurde die Alarmrotte jedoch in Laage belassen und im September 2025 von zwei auf vier Eurofighter aufgestockt.

Die Alarmrotte aus Laage sichert den deutschen Luftraum im Norden. Im Ernstfall müssen die Maschinen binnen weniger Minuten starten können, wenn ein unbekanntes oder nicht identifizierbares Flugzeug den Luftraum berührt oder sich verdächtig nähert. In den vergangenen Jahren starteten Eurofighter aus Laage unter anderem wegen russischer Militärflugzeuge über der Ostsee und wegen Drohnenvorfällen über Polen.

Viele Besucher sind fasziniert vom Fliegen

Der Eurofighter gehört zu den modernsten Kampfflugzeugen Europas. Zwar verfügt er nicht über die Tarnkappentechnik neuerer Jets wie der F-35, gilt aber weiterhin als eines der leistungsfähigsten Flugzeuge für Luftverteidigung und Luftkampf und bildet das Rückgrat der deutschen Luftwaffe.

Warum sie hier sind, frage ich ein Ehepaar vor der Reihe der Eurofighter. „Das ist die Faszination Fliegen“, antwortet Jana aus Loitz in Vorpommern. „Diese Kraft, die Lautstärke“, setzt ihr Ehemann Torald mit glänzenden Augen hinzu, während ein Tornado bei seiner Show über uns hinwegdonnert. Der Tornado kann seine Tragflächen ausbreiten oder anlegen, wird aber bis 2030 „ausgeflottet“.

Ob sie sich wegen der zunehmenden Aufrüstung im Nordosten Sorgen machen? Das schon, meint das Paar. „Aber der Grund ist ja die angespannte weltpolitische Lage“, sagt Torald. Um sich selbst sorgen sie sich jedoch weniger. „Wir wohnen in so einem kleinen Dorf, 25 Kilometer von Greifswald weg. Bei uns kommt so schnell nichts runter.“

André und seine beiden Töchter sind aus der Ostprignitz zum Tag der Bundeswehr nach Laage gekommen.

André und seine beiden Töchter sind aus der Ostprignitz zum Tag der Bundeswehr nach Laage gekommen.

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

André aus der Ostprignitz steht vor mir in der Schlange für die Besichtigung einer Maschine der Marine. „Die kann U-Boote aufspüren, seht ihr, da oben an den Klappen und da unten am Flugzeugbauch sind die Kameras“, erklärt er seinen beiden Töchtern. Wieso er sich so gut auskennt? „Ich war auf dem Flugplatz Trollenhagen bei Neubrandenburg beim Bodenpersonal stationiert, in der DDR und nach der Wiedervereinigung“, erzählt er.

In der DDR war Trollenhagen einer der wichtigsten und am schärfsten bewachten Abfangjäger-Stützpunkte an der Nordgrenze des Warschauer Paktes. Von 1961 bis 1990 war dort das Jagdfliegergeschwader 2 „Juri Gagarin“ stationiert. Nach der deutschen Wiedervereinigung übernahm die Bundeswehr den Standort. 2014 wurde der militärische Flugbetrieb beendet.

Ihn wundere es gar nicht, dass an diesem Tag der offenen Tür so viele Menschen den Fliegerhorst Laage besuchen, sagt André. „Fliegen hat eine große Faszination, für viele Militär überhaupt.“ Die Aufrüstung im Nordosten sieht er zwiegespalten. „Man muss das Ganze betrachten. Einerseits hat sich die weltpolitische Lage verschlechtert. Nicht zufällig  muss die Alarmrotte in Laage immer wieder aufsteigen. Und ich finde, wenn uns jemand in böser Absicht zu nahe kommt, sollten wir gewappnet sein.“ Aber: „Ich finde, die Aufrüstung darf nicht auf Kosten unserer Kinder stattfinden. Meine Töchter gehen in Wusterhausen zur Schule und da wurde der geplante Ausbau zu einem modernen Schulcampus jetzt gestoppt, weil gespart werden muss.“

Die beiden Mädchen lauschen sehr aufmerksam, was ihnen ihr Vater über die Militärmaschinen und Kampfflugzeuge auf dem Flughafen Laage erzählt. „Ich kann mir gut vorstellen, einmal Eurofighter-Pilotin zu werden“, sagt die zehnjährige Tochter.

Ausbildung zum Eurofighter-Piloten dauert mehrere Jahre

Oberleutnant Tobi – die Nachnamen der Soldaten wurden der Öffentlichkeit nicht verraten – macht diese Ausbildung gerade. „Ich komme aus Bremen und bin schon als Kind mit dem Segelflugzeug geflogen. Da entstand bei mir der Wunsch, Eurofighter-Pilot zu werden“, erzählt der 25-Jährige. Angefangen hat er mit der Ausbildung vor sechs Jahren.

Die Ausbildung eines Eurofighter-Piloten gehört zu den anspruchsvollsten Ausbildungswegen der Bundeswehr. Es dauert bis zu acht Jahre, bevor ein Pilot voll einsatzfähig ist. Bewerber müssen nicht nur körperlich fit sein, sondern auch außergewöhnliche Leistungen in Mathematik, Physik, räumlichem Vorstellungsvermögen und Stressresistenz nachweisen. Nur ein kleiner Teil der Bewerber besteht alle Tests. Die künftigen Piloten absolvieren zunächst die Offiziersausbildung und in der Regel ein Studium. Die eigentliche fliegerische Ausbildung beginnt anschließend in den USA. „Ich war zuerst in Arizona und dann auf der Sheppard Air Force Base“, sagt Tobi.

Die Regierungsmaschine mit Friedrich Merz wurde auch von zwei Eurofightern aus Laage eskortiert.

Die Regierungsmaschine mit Friedrich Merz wurde auch von zwei Eurofightern aus Laage eskortiert.

© Thomas/Bundeswehr

Das ENJJPT (Euro-Nato Joint Jet Pilot Training) auf der Sheppard Air Force Base in Wichita Falls in Texas ist das weltweit einzige multinationale Nato-Programm zur Kampfpilotenausbildung. Die 55-wöchige Ausbildung umfasst Grundschulung, Instrumenten- und Formationsflug auf der T-6A Texan II, gefolgt von Strahlflugzeugtraining und Luftkampfmanövern auf der T-38C Talon. Jetpiloten aus 13 Partnernationen werden dort gemeinsam ausgebildet. Die Flugschüler lernen zunächst auf Turboprop-Maschinen die Grundlagen des militärischen Fliegens.

„Ich fand diesen Austausch mit den Piloten aus den anderen Ländern voll gut. Überraschend schwer fand ich das Fliegen in Formation“, verrät Oberleutnant Tobi. Nun ist er für etwa zehn Monate hier in Laage zur Ausbildung im Eurofighter. „Am meisten Spaß machen mir BFM gegen meinen Fluglehrer“, sagt er. Basic Fighter Maneuvers sind grundlegende Luftkampfmanöver. Eurofighter können gegnerische Flugzeuge und Drohnen nicht nur aufspüren und begleiten, sondern notfalls auch abschießen. Sie sind bewaffnet mit Bordkanonen und Lenkwaffen, also Raketen, die auch auf größere Entfernungen treffen. Seit einigen Jahren wird der Eurofighter zudem mit Waffen ausgerüstet, die Ziele am Boden treffen können.

Natürlich habe er sich darüber Gedanken gemacht, dass es im Zweifel sehr gefährlich für ihn werden kann, sagt der zukünftige junge Pilot Tobi. „Ja, ich bin bereit, im Ernstfall mein Leben für die Bundesrepublik Deutschland zu geben.“

Die Bedeutung des Militärstandorts Laage wächst, in den Fliegerhorst soll in den kommenden Jahren eine Milliarde Euro  investiert werden. „Geplant sind über 50 Baumaßnahmen in den nächsten 15 Jahren. Vorgesehen sind unter anderem die Sanierung der Start- und Landebahn, der Neubau einer Instandsetzungshalle für Luftfahrzeuge, die Erneuerung von Abwasseranlagen sowie Wärme- und Stromversorgung. Auf dem Gelände sollen zudem zahlreiche neue Gebäude errichtet werden, unter anderem Verwaltungs- sowie Staffel- und Gefechtsstandgebäude“, sagt ein Sprecher des Bundesamtes für Infrastruktur der Bundeswehr. Schon im Bau befindet sich das Stabsgebäude, das im zweiten Quartal 2027 fertiggestellt werden soll.

Zur Übernahme des zivilen Teils des Flughafens Laage gebe es „derzeit keine Planungen“, so der Sprecher. Auf die Frage, ob der Flughafen Laage ein Deployment-HUB zur Verlegung von Nato-Truppen im Ernstfall werde, hieß es kryptisch aus dem Bundesamt: „Die Militärstandorte in der Bundesrepublik Deutschland leisten einen wesentlichen Beitrag zur Sicherstellung der für die Landes- und Bündnisverteidigung erforderlichen operativen Flexibilität der Bundeswehr und ihrer Bündnispartner. Diese werden je nach militärischer Erfordernis genutzt.“

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