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Am 18. März 1941 berichtete mein Vater Friedrich Jörns (damals Oberleutnant der motorisierten Infanterie der deutschen Wehrmacht) in einem Brief an seinen Schwiegervater über einen Vortrag von Panzergeneral Heinz Wilhelm Guderian, der gesagt habe, „es würde wohl demnächst zu einem Feldzug gegen Russland kommen, da den Russen nicht zu trauen sei und es den deutschen schnellen Truppen ebenso wie in Polen in kurzer Zeit gelingen werde, die russischen Armeen zu überrollen und bis Baku vorzustoßen, um die dortigen Ölquellen für uns zu sichern.“
Als wenig später am 22. Juni 1941 deutsche Truppen die Sowjetunion überfielen, meinten wir Kinder damals, das würde sicher ein ebenso kurzer Feldzug werden wie der gegen Polen und Frankreich, zumal die Russen, wie die Propaganda damals verbreitete und was wir Kinder auch glaubten, nur „Papierpanzer“ (d.h. Panzer aus Pappmaché) hätten.
Am 2. Juli 1941, nur wenige Tage nach dem deutschen Überfall, traf meinen Vater ein russisches Artilleriegeschoss: Eine Granate zerfetzte ihn und riss ihm beide Beine vom Körper. Er verblutete auf dem Weg zum Verbandsplatz. Der Regimentsarzt schrieb meiner Mutter, dass er ihr weitere Einzelheiten ersparen möchte. Sie blieb allein mit ihren drei Kindern, die jetzt keinen Vater mehr hatten, den mein kleiner Bruder nun nicht mehr kennenlernen konnte.
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Die Erzählung vom „Untermenschentum“
Das ist Krieg! Und statt kriegstüchtig zu werden, darf niemals vergessen werden, was Krieg bedeutet, und alles, aber auch alles muss getan werden, um einen Krieg zu verhindern!
Damals wurde uns in der Schule vom „jüdisch-bolschewistischen Untermenschentum“ erzählt, das an allem Übel der Welt, vor allem aber am Kriege schuld sei, um uns so kriegstauglich und kriegsbereit zu machen. Um uns heute kriegsbereit zu machen, wird uns, so, wie es der Panzergeneral Guderian einst tat, gesagt, dass man den Russen nicht trauen dürfe, um damit einen Vorwand für die Kriegsvorbereitungen zu haben.
Alle Möglichkeiten, um Probleme auf friedliche Weise zu lösen, vor allem die des Dialogs und der Verhandlung strittiger Fragen, werden ausgeschlagen, statt sich von dem Ziel leiten zu lassen, alles zu tun, dass „keine Mutter mehr ihren Sohn beweint“ und Väter, Brüder, Söhne nicht fern der Heimat verbluten müssen.
Ganze Straßenzüge lagen in Schutt und Asche
Seit 1951 lebe ich in Berlin, das damals noch vielfach eine Trümmerwüste war. Ganze Straßenzüge lagen in Schutt und Asche, an einzelnen Fassaden gab mitunter noch eine verwitterte Schrift Auskunft: „Alle von Nr. 57 sind tot“ oder „Lisa und Martha sind bei Oma“. Ein an einer einsamen Hauswand noch hängen gebliebenes Leitungsrohr kündete mitunter davon, dass hier einmal Menschen gelebt hatten.
In Briefen an meine Mutter berichte ich von unzähligen Aufbauschichten in den Fünfzigerjahren: Wir klopften regelmäßig alle 14 Tage Ziegelsteine ab oder schippten Schutt in Loren: unentgeltliche Arbeit im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes der DDR. Ich schrieb, dass ich mir vorkäme wie jemand, der mit einem Teelöffel das Meer auszuschöpfen versucht – so unendlich war die Masse der Trümmer, aus denen Berlin damals bestand.
Ist das alles vergessen? Wo bleibt der Schwur von damals: „Nie wieder Krieg“? Und wer war es noch gleich, der 1945 gesagt hat: „Lieber soll mir die Hand verdorren, als dass ich wieder ein Gewehr in die Hand nehme?“
Hiltrud Rüstau, Jahrgang 1933, machte ihr Abitur in Greußen, Thüringen. Sie lebt seit 1951 in Berlin, wo sie Philosophie und Indologie studierte. Danach war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin (Akademie für Ärztliche Fortbildung, Humboldt-Universität) und dann als Dozentin (Geschichte von Religion und Philosophie in Südasien) tätig. Seit 1998 ist sie Rentnerin.
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