Sozialausgaben

Sozialstaat im Vergleich: Deutsche Beiträge zu Rente, Gesundheit und Pflege überdurchschnittlich hoch

Eine neue Studie attestiert dem deutschen Sozialsystem überdurchschnittliche Kosten bei nur durchschnittlichen Resultaten. Und das bei allen drei Säulen – Rente, Gesundheit und Pflege.

3 Min
Deutschland zahlt Rekordsummen für das Sozialsystem – mit mittelmäßigen Ergebnissen.

Deutschland zahlt Rekordsummen für das Sozialsystem – mit mittelmäßigen Ergebnissen.

© www.imago-images.de

Deutschland gibt im internationalen Vergleich überdurchschnittlich viel für seine Sozialversicherungen aus, erreicht aber bei zentralen Kennzahlen nur das Mittelfeld. Das geht aus einer Studie des Forschungsinstituts Prognos hervor, die im Auftrag der wirtschaftsnahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) erstellt wurde. Untersucht wurden auf Basis internationaler Vergleichsdaten die drei Säulen Rente, Gesundheit und Pflege.

In der gesetzlichen Rentenversicherung liegt der deutsche Beitragssatz mit 18,6 Prozent über dem Durchschnitt der 38 OECD-Mitgliedstaaten von 16,0 Prozent. Das Rentenniveau in Deutschland beträgt laut Studie 42,1 Prozent und liegt damit unter dem OECD-Durchschnitt von 43,0 Prozent. Höhere Beiträge führen also nicht zu höheren Leistungen.

Besonders deutlich fällt der Rückstand bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge aus: Das Altersvorsorgevermögen entspricht in Deutschland 6,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), während der OECD-Durchschnitt bei 95,2 Prozent liegt. Die Deutsche Rentenversicherung erwartet einen Anstieg des Beitragssatzes auf 19,8 Prozent bis 2028 und auf 21,2 Prozent bis 2040, sobald die Babyboomer-Generation in Rente geht.

Hohe Gesundheitsausgaben, mittelmäßige Lebenserwartung

Im Gesundheitsbereich gibt Deutschland mit 12,3 Prozent des BIP mehr aus als jedes andere EU-Land; innerhalb der OECD liegt nur die USA darüber. Bei Lebenserwartung und vermeidbarer Sterblichkeit bewegt sich Deutschland laut Prognos jedoch lediglich im OECD-Mittelfeld. Als Ursache nennen die Autoren „eine strukturelle Schieflage zwischen zu vielen Krankenhäusern mit zu wenig Fällen und einer unterentwickelten Primärversorgung“.

Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung sind seit 1995 von 124 Milliarden auf 352 Milliarden Euro im Jahr 2025 gestiegen, also annähernd verdreifacht. Die Prognos-Autoren plädieren statt höherer Einnahmen für mehr Effizienz.

Die Soziale Pflegeversicherung steht der Studie zufolge vor einem strukturellen Kollaps. Die Zahl der Pflegebedürftigen ist seit 2015 auf 5,7 Millionen gestiegen. Eigenanteile von über 3200 Euro pro Monat im ersten Jahr eines Heimaufenthalts überforderten viele Betroffene, ein wachsender Teil der Heimbewohner sei auf Sozialhilfe angewiesen. Als wesentlicher Treiber gilt laut Studie nicht primär die Demografie, sondern die Ausweitung der Leistungsberechtigten durch das zweite Pflegestärkungsgesetz von 2017.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Demografie verschärft die Finanzierungslücke

Der demografische Wandel wird die Finanzierung der Sozialsysteme zusätzlich belasten. Der Altenquotient – die Zahl der Über-65-Jährigen je 100 Menschen im Erwerbsalter – ist seit dem Jahr 2000 von 26,8 auf 38,8 im Jahr 2024 gestiegen. Bis 2037 erwartet die Studie einen Anstieg auf 50,9.

Prognos verweist darauf, dass der Reformbedarf bereits im Jahr 2000 absehbar gewesen sei. „Was sich verändert hat, ist nicht die Prognose – sondern der verlorene Handlungsspielraum“, heißt es in der Studie. Die Koalition müsse „bis zur Sommerpause“ entschlossene Reformen anstoßen, „wenn sie das Sozialsystem insgesamt retten will“.

INSM-Geschäftsführer Thorsten Alsleben kommentierte: „Deutschland leistet sich beim Sozialstaat Rekordausgaben – und erzielt im internationalen Vergleich allenfalls Mittelmaß.“ Ohne Reformen würden die Sozialversicherungen immer teurer und wirkten wachstumshemmend, was die Lage weiter verschärfe. Notwendig seien laut Alsleben „mehr Eigenbeteiligung, mehr Kapitaldeckung und bei den Leistungen eine Fokussierung aufs Wesentliche“.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner