Biennale 2026

Pornostars und ein Spermien-Rennen in Venedig: Ist das noch Kunst?

Spermien-Rennen, Spermabank, Porno-Musical: Dänemarks Pavillon treibt es in Venedig auf die Spitze. Mutig – oder einfach durch?

4 Min
Im dänischen Pavillon: ein Besucher vor Maja Malou Lyses wandhoher Bildwelt „Things to Come“ mit rotem Slip

Im dänischen Pavillon: ein Besucher vor Maja Malou Lyses wandhoher Bildwelt „Things to Come“ mit rotem Slip

© Blz

Wer den Pavillon in den Giardini betritt, steht erst mal vor einer Wand. Genauer: vor riesigen, fleischfarbenen Bildern, die den ganzen Raum überziehen, dazu ein blauer Boden und ein Licht wie im Wartezimmer einer sehr teuren Kinderwunschklinik. Man steht ein bisschen zu dicht an etwas, das sich nicht sofort einordnen lässt.

Willkommen bei „Things to Come“, dem dänischen Beitrag zur Biennale in Venedig. Verantwortlich ist die Künstlerin Maja Malou Lyse, Jahrgang 1993 und damit die jüngste Künstlerin, die Dänemark je in Venedig vertreten hat. Kuratiert hat das Ganze Chus Martínez. Der Titel ist von einem Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1936 geliehen, der wiederum auf H.G. Wells zurückgeht. So weit, so seriös.

Ein Wettrennen, bei dem Spermien an den Start gehen

Lyse inszeniert ihn als eine Art Altar: Kühlbehälter, in denen Sperma konserviert wird, und mittendrin ein neues Ritual, das „Sperm Race“.

Das ist keine Erfindung der Künstlerin. Im April 2025 fand in Los Angeles tatsächlich das erste öffentliche Spermien-Wettrennen statt, ausgedacht von einem damals 17-jährigen Start-up-Gründer. Spermien werden unter dem Mikroskop über eine winzige Rennstrecke geschickt, die dem weiblichen Körper nachempfunden ist, Kameras filmen mit, der Rest läuft wie beim Boxen. Es gab einen Live-Stream samt Wetten, eine Halbzeitshow von Rapper Ty Dolla $ign, am Ende regnete Konfetti in Spermienform. Antreten ließ man die Universitäten USC und UCLA. Wer zuerst im Ziel war, gewann. Der erklärte Sinn dahinter: ein Weckruf gegen die sinkende Fruchtbarkeit der Männer.

Gelbe Transportkisten für tiefgekühltes Sperma als Kunst: der dänische Pavillon „Things to Come“ von Maja Malou Lyse bei der Biennale in Venedig 2026.

Gelbe Transportkisten für tiefgekühltes Sperma als Kunst: der dänische Pavillon „Things to Come“ von Maja Malou Lyse bei der Biennale in Venedig 2026.

© Blz

Ein Pornofilm als Musical – gedreht in der Spermabank

Das eigentliche Herzstück ist ein Film. Lyse hat zusammen mit dem Kollektiv DIS ein Musical gedreht, das im Jahr 2045 spielt. Hauptrolle: die Pornodarstellerin Nicolette Shea, hier als Laborwissenschaftlerin in einer Spermabank. Gedreht wurde in einer echten Spermabank und einem Effektstudio, vor der Kamera standen Darstellerinnen und Darsteller aus der Pornoindustrie.

Wer jetzt hartes Material erwartet, wird, je nach Erwartung, erleichtert oder enttäuscht sein. Explizite Nacktheit gibt es keine, Sex auch nicht. „Sehr konservativer Porno, falls man es überhaupt so nennen will“, sagt Lyse über ihre eigene Arbeit. Erotisch aufgeladen ist sie trotzdem.

Kann Pornografie die Menschheit retten?

Hinter dem Spektakel steckt eine ernste Frage. Den Anstoß gab ein Anruf: Der Chef der größten Spermabank der Welt, ansässig in Lyses Heimatstadt Aarhus, bot ihr 20 Liter Sperma für ein Kunstprojekt an. Das Sperma blieb am Ende ungenutzt, der Besuch aber brachte Lyse auf eine Studie, nach der das Schauen von VR-Pornografie die Beweglichkeit von Spermien erhöhen soll.

Daraus baut sie ihr Gedankenspiel: eine Zukunft, in der die Spermienzahl global einbricht und ausgerechnet der Porno die Art rettet. Dass Dänemark der weltgrößte Sperma-Exporteur ist und halb Europa mit der Sehnsucht nach „Wikinger-Genen“ beliefert, ist die eigentliche Pointe.

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Ist Provokation überhaupt noch möglich?

Bleibt die Frage, die man sich zwischen den Kühlboxen unweigerlich stellt: Ist das noch Kunst, oder ist das Sich-Ausziehen und Auf-die-Spitze-Treiben längst durch? Der nackte Körper hat im Museum seit Jahrzehnten keinen Schockwert mehr. Die internationale Kritik war entsprechend zwiegespalten: Die einen feierten den Pavillon als einen der aufwühlendsten der Biennale, die anderen fanden, er komme dem Algorithmus-Schrott, den er eigentlich kritisiert, gefährlich nahe.

Vielleicht ist genau das der Punkt. Was bei „Things to Come“ wirklich irritiert, ist die kühle Logistik dahinter – die gelben Transportkisten und das Rennen mit Wettquote. Das Anstößige sitzt 2026 nicht mehr im Schlafzimmer. Es sitzt im Labor.

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