Während die meisten Zuschauer nach dem Schlusspfiff das Stadion verlassen, bleiben Japans Fußballfans oft noch einige Minuten länger auf ihren Plätzen. Auch nach dem 2:2 gegen die Niederlande in Arlington im US-Bundesstaat Texas blieben Anhänger der „Samurai Blue“ nach dem Schlusspfiff auf ihren Plätzen. Nur wenige Minuten nachdem Daichi Kamada in der 88. Minute den umjubelten Ausgleich erzielt hatte, griffen Fans zu blauen Müllbeuteln und sammelten Abfälle auf den Tribünen ein.
Bilder der Aufräumaktion verbreiteten sich anschließend weltweit in sozialen Netzwerken. Die blauen Plastiksäcke, die viele Fans bereits vor dem Spiel mit ins Stadion bringen, gehören inzwischen fast ebenso zum Erscheinungsbild der japanischen Anhänger wie Fahnen und Gesänge. Nach dem Schlusspfiff dienen sie einem anderen Zweck: Becher, Verpackungen und sonstiger Müll werden eingesammelt, bevor die Fans ihre Plätze verlassen.
Tradition seit der WM 1998
International bekannt wurde die Tradition bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich, als Japan erstmals an einer WM-Endrunde teilnahm. Seitdem wiederholen sich die Szenen bei nahezu jedem großen Turnier. Ob in Südafrika, Brasilien, Russland, Katar oder nun in den USA: Japanische Fans hinterlassen die Tribünen regelmäßig sauberer, als sie sie vorgefunden haben.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt das Verhalten bei der WM 2018 in Russland. Nach dem Ausscheiden gegen Belgien räumten nicht nur die Fans die Ränge auf. Auch die japanische Nationalmannschaft hinterließ ihre Kabine in tadellosem Zustand und bedankte sich mit einer handgeschriebenen Nachricht auf Russisch bei den Gastgebern.
Teil der Erziehung in Japan
Die Wurzeln der Tradition liegen nach Einschätzung vieler Beobachter im japanischen Alltag. In zahlreichen Schulen reinigen Schülerinnen und Schüler ihre Klassenräume, Flure und Gemeinschaftsbereiche selbst. Das Aufräumen gilt als Teil der Erziehung und soll Verantwortungsbewusstsein für öffentliche Räume fördern.
Viele japanische Fans empfinden das Einsammeln von Müll deshalb nicht als besondere Geste, sondern als Selbstverständlichkeit. Gerade deshalb sorgen die Bilder bei internationalen Turnieren immer wieder für Aufmerksamkeit. Während Reinigungskräfte in vielen Stadien nach dem Spiel erst ihre Arbeit beginnen, haben die japanischen Anhänger einen Teil davon oft bereits erledigt.
Für die Organisatoren in Arlington blieb nach dem WM-Spiel gegen die Niederlande jedenfalls deutlich weniger Arbeit zurück als gewöhnlich. Die Tribünen waren weitgehend sauber – ein inzwischen fast ebenso fester WM-Kult wie die Unterstützung der japanischen Mannschaft selbst.
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