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Meine Schwägerin aus Wismar ist die Mutter Courage von Novgorod, die Jean d’Arc der Wasserrutsche, die große Schwester Utopia, die Schutzheilige der Seelenwerkstatt, die Kantorin des Festtagsbratens, die Archivarin des Süßigkeitenfachs, die Verwalterin der Nachbarschaftshilfe, eben eine von denen, die immer geben und nie selbst nehmen. Sie backt, sie kocht, sie wäscht, sie macht, sie tut. Kurz, ich bete sie an. Sie hält den Schlüssel zum Glück nicht in der Hand, sie ist der Schlüssel.
Willkommen im Freizeitpark der totalen, bedingungslosen Liebe. Eintritt frei, Kinder zahlen die Hälfte. Die Schwerkraft macht heute Pause. Nur kein Streit auf offener Bühne, erst recht nicht hinter den Kulissen. Komm, kauf dir einen bunten Luftballon!
Der weiße Traum wird endlich wahr. Im „Highlander“ den Alltag loslassen, vollständig die Kontrolle verlieren im „Cornwall Coaster“, auf „Störtebekers Kaperfahrt“ kurz den Ausblick auf die Ostsee genießen und sich dann im wilden Wirbelwasser führungslos in den Abgrund kreiseln. Mehr Tortur für mein Nervensystem kaum vorstellbar.
Mein Siebenjähriger chillt beim Looping im „Scotsman“. Ich halte angestrengt Ausschau nach einem Sitzplatz im Schatten, um zu entschleunigen. Das Wildeste, was ich mir vorstellen kann, ist eine Bootsfahrt im Schneckentempo durchs Blumenmeer. Wellen schwappen sanft gegen die Planken, während leise fröhliche Walzer erklingen. Der Kaffee darf nicht mit an Bord, zu gefährlich. Hoffentlich werde ich nicht seekrank.
Der Autor mit Maskottchen
© Volker Metzler
Des Jägers liebste Beute: Sozialer Zusammenhalt
Gibt’s denn hier keinen Schießstand, frage ich ungläubig einen Parkwächter im historischen Gewand. Doch da hinten zwischen der großen Schiffschaukel und dem „Safari-Park“. Da können Sie aber nur auf Rosen schießen, keine Großwildjagd. Zwinkersmiley. Sehe ich etwa aus wie ein weißer Barbar auf exotischer Trophäenjagd im postkolonialen Gewand?
Die sind nicht echt, lüge ich schnell über meine staubigen Schlangenlederstiefel, die sind aus „Crocodile Dundee“ – 80er-Movie. Mein Gegenüber zuckt mit den Schultern. Schade irgendwie, da hatte ich mir gegenüber mehr Feingefühl erwartet. Klar, im Herzen bin ich ein Jäger, schon immer – meine liebste Beute: sozialer Zusammenhalt, Familie und Geborgenheit.
Essen und Schießen kosten also extra, sich ohnmächtig in die Tiefe stürzen ist umsonst. Der Wahnsinn hat Methode. An beiden Händen zähle ich kurz durch. Zehn Schuss für drei Glitzerblumen sollten locker reichen. Die Dame am Schießstand mustert mich kurz. Wollen Sie nicht lieber laufenden Keiler ballern? Fühle mich direkt ertappt, schaue mich hektisch um. Unheimlich, keine Kameras zu sehen. Vielleicht beim nächsten Mal, sage ich schnell, und jeder Schuss ein Russ. Mein Witz und der erste Schuss landen keine Ahnung wo, brauche doch die Brille. Jetzt verschwimmt entweder das Ziel oder Kimme und Korn. Ziehe mein Basecap ein Stück tiefer ins Gesicht, soll keiner sehen meine Angst.
Langsam meldet sich der Hunger. Wir schlendern Richtung Westernstadt New Lübeck. Cowboy und Indianer, voll mein Ding. Komm hol das Lasso raus, wie beim ersten Mal. Die trauen sich was, dann doch nicht. Zu früh gefreut. Kein Postkutschenüberfall, keine Pistolenduelle zwischen Betrunkenen auf der Straße. Dafür bieten sie laktose- und glutenfreie Speisen und Getränke an im Saloon „New Chance“.
Wollt ihr drin oder draußen? Wir gehen rein, und schieben lautstark zwei Tische zusammen, drei Familien, das passt schon. Keiner regt sich auf darüber, wir sind jetzt auch im Westen angekommen. Werde richtig viel Trinkgeld geben, nachher wenn die Rechnung kommt. Zusammen oder getrennt – auseinander.
Die Wasserbahn „Störtebekers Kaperfahrt“, ehemals „Rio Dorado“: Kurz den Ausblick auf die Ostsee genießen und sich dann im wilden Wirbelwasser führungslos in den Abgrund kreiseln.
© Schöning/imago
Work and Travel im Freizeitpark
Personalprobleme haben die keine, Facharbeitermangel hingegen schon. Wem gehört eigentlich der Laden, frage ich die Kellnerin. Sie stockt. Wer – ist – der – Chef – hier, do you understand me? Sie zieht ihre Mundwinkel nach unten und tippt unsere Getränkewünsche in ihren Orderman.
Schatzi stößt mir ihren Ellenbogen in die Rippen, rollt mit den Augen. Was ist denn los, Hase – darf ich jetzt schon nicht mehr fragen oder was? Hier arbeiten nur Schwarze, im ganzen Park, ist euch das noch nicht aufgefallen, frage ich meine Clique. Die Kinder gehen raus spielen. Bis die Pommes kommen, das wird eine Weile dauern.
Work and Travel im Freizeitpark. Wir rätseln, wie das geht. Die müssen ja auch irgendwo wohnen. Gegenüber vom Parkplatz waren so Hochhäuser, da hing die Wäsche auf’m Balkon. Bestimmt ist das so ein Flüchtlingsprojekt, sagt meine Freundin. Das glaube ich nicht, sagt mein Schwager. Es heißt Geflüchtete, sagt eine der Nichten. Glauben ist nicht wissen, sage ich. Fühlt sich für mich an, wie Postkolonialismus in Zeitlupe.
Der ganze Park ein Kaleidoskop aus Pappmaché, nur umgekehrt. Hier glitzert das Bunte außen. Google doch mal, nee, frag mal die KI, Google läuft mit KI. Würdet ihr hier im Sommer arbeiten – meine Nichten verstehen die Frage nicht. Einmal Nuggets mit Pommes und einmal Kartoffel mit Chili con Carne. Ich bin die Kartoffel, mhm, heiß. Die Bedienung spricht kaum Deutsch, und hält mit den anderen den Laden am Laufen. Die backen für uns, die kochen für uns, die waschen für uns, die machen, die tun. Das ist ein Knochenjob, kein Zuckerschlecken.
„Polizeiruf“-Erfinder Eberhard Görner: „Die Defa wurde denunziert und entwertet“
Wo kommen wir denn da hin? Wohl dem, der einen DDR-Marschkompass hat
Wo zum Henker ist die Technik?
Direkt gegenüber vom Tresen steht ein mechanisches Klavier, ruhig dreht sich die weiße Walze und spielt „Paint it Black“. Alles zurück auf Anfang, wo sind der Eisbär und die Pinguine. Wo zum Henker ist die Technik, weshalb ist der Ton so leise. Nach und nach verschwindet das Service-Personal in der Küche. Von oben kommen Saloon-Girls, richten ihre Kleider, werfen sich in Pose.
Ich kenne das Stück, kenne den Ort, bin mittendrin. Am Tisch links wird exzessiv getrunken, gleich setzt es Prügel beim Poker rechts neben dem Ausgang. Also doch, Freiheit, Cowboys und Romantik. Draußen auf der Main Street jagen Lakotas auf wilden Pferden durch den Park. Rauch, Schüsse, Schreie. Eine Kugel prallt von der Wand ab und trifft Madame am Kopf, sie fällt in Zeitlupe. Alle Funktionen einfrieren – kurz darauf erscheinen die Lumpensammler vom Livestock-Management in ihren roten Schutzanzügen und räumen auf.
Lauf weiter, Thomas.
Volker Metzler, Jahrgang 1965, geboren in Karl-Marx-Stadt. Schauspielstudium an der Theaterhochschule Hans Otto in Leipzig, 35 Jahre Theater u.a. Staatsschauspiel Dresden, Volkstheater Rostock, Junges Staatstheater Berlin als Regisseur, Schauspieldirektor und Theaterleiter. Gründer und Autor der Kolumnenserie Polemika – unsachlich & persönlich.
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