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Milan erinnert sich besonders an einen Moment, der für ihn sinnbildlich für die Proteste steht. „Es war der 15. März, Punkt 19.11 Uhr. Ich stand neben einer Reihe von Menschen, die von einer Schallwaffe getroffen wurden. Ich hörte nur diesen lauten Knall, der wie ein tieffliegendes Flugzeug klang. Dieses Ereignis hat mir gezeigt: Es gibt zwei Grundhaltungen in unserem Land. Man muss sich für eine Seite entscheiden.“ An diesem Abend demonstrierten Zehntausende Menschen in Belgrad gegen die Regierung von Präsident Aleksandar Vucic. Für den jungen Mann wurde der Protest spätestens dort zu mehr als einer politischen Bewegung.
Milan, 25 Jahre alt, hat seine Entscheidung bereits vor zwei Jahren getroffen. Der Philologie-Student an der Universität Belgrad engagiert sich seit Beginn der Proteste gegen die Regierung. Im Gespräch wirkt er ruhig und selbstbewusst. Angst vor möglichen Konsequenzen scheint er nicht zu haben. „Ich möchte, egal ob ich hier lebe oder nicht, für meine Familie und Freunde in diesem Land eine bessere Zukunft aufbauen.“
Gemeinsam mit seinem Kommilitonen Nenad, 22 Jahre alt, übernimmt er Verantwortung innerhalb der Studierendenbewegung. Während Nenad Arbeitsgruppen und Protestaktionen koordiniert, kümmert sich Milan um die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. Ihre Arbeit hinter den Kulissen trägt dazu bei, dass die Bewegung auch nach fast zwei Jahren nicht an Schwung verliert.
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Eine der Forderungen: Vorgezogene Wahlen
Der Auslöser der Proteste liegt inzwischen mehr als anderthalb Jahre zurück. Im November 2024 stürzte das Bahnhofsvordach in Novi Sad ein, 16 Menschen starben. Für viele Studierende wurde das Unglück zum Symbol eines politischen Systems, das sie mit Korruption und fehlender Rechenschaftspflicht verbinden. Immer wieder werfen sie staatlichen Institutionen vor, öffentliche Aufträge und Bauprojekte ohne ausreichende Kontrolle oder transparente Vergabeverfahren durchzuführen.
Als Reaktion gingen Menschen im ganzen Land auf die Straße, Studierende besetzten Universitäten und organisierten Blockaden. Bis heute sehen sie ihre zentralen Forderungen nicht erfüllt. Deshalb hören sie nicht auf – auch fast zwei Jahre später versammeln sich noch Tausende von Menschen in unregelmäßigen Abständen, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen.
Am 23. Mai, vor wenigen Wochen, kamen laut Medienberichten bis zu 180.000 Menschen in der Hauptstadt Belgrad zusammen. Ihr Anliegen: vorgezogene Wahlen. Die Wahlen sind regulär erst für Dezember 2027 vorgesehen. Die Demo im Mai zählte zu den größten nach denen im März und Juni 2025. Vereinzelt kam es dabei auch zu Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und der Polizei. In einem Instagram-Video warf Staatschef Vucic den Protestierenden daraufhin vor, ihre Gewaltbereitschaft offenbart zu haben und politische Gegner nicht zu tolerieren. Dass die Bewegung weiterhin mobilisieren kann, überrascht auch Beobachter nicht.
Marina Vulovic, Politikwissenschaftlerin an der Universität Potsdam und Gastwissenschaftlerin bei der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP), sieht die jüngsten Proteste als „Warnsignal“ für Präsident Vucic und die Regierung. „Die Bewegung hat abermals gezeigt, dass sie trotz Steinen, die ihr in den Weg gelegt wurden – wie die Suspendierung aller Zugverbindungen in Serbien am Tag der Proteste – große Massen unzufriedener Bürger gegen das Regime in Serbien mobilisieren kann“, sagt die Südosteuropa-Forscherin.
Medienberichten zufolge waren am 23. Mai 180.000 Demonstranten auf den Straßen Belgrads versammelt.
© Marko Dimic/Imago
Eine gegen zwei Dutzend
© Marko Dimic/Imago
Dozenten solidarisieren sich mit der Bewegung
Einer der Organisatoren dieser Demonstration in Belgrad war Nenad. Der 22-Jährige, der eine Brille trägt und auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, meint zu wissen, warum die Regierung nicht auf die Protestierenden eingeht. „Sie haben jetzt Angst vor uns, deshalb lassen sie noch keine Neuwahlen zu.“ Er sieht die Bewegung, die er und die jungen Studierenden aufgebaut haben, als wichtigen Grund dafür. Doch der Preis, den die Studierenden für ihr Engagement bezahlen, ist groß.
Zum einen „wurden einige von uns Studierenden nach Protesten im Sommer 2025 festgenommen“, wie Nenad berichtet. Zum anderen müssen die jungen Menschen weiterhin ihren Pflichten an den Universitäten nachkommen – diese ruhen nicht, weil sich das Land im Ausnahmezustand befindet. „Wir müssen alle immer noch nebenher studieren, arbeiten gehen und unser Privatleben managen“, sagt Milan. Und: „Jetzt, nach anderthalb Jahren mit den Protesten, ist das alles zusammengenommen sehr ermüdend.“
Mittlerweile fokussierten sich die Studierenden auf größere Proteste und könnten dadurch ihre Zeit besser einteilen. „Im vergangenen Jahr war es besonders schlimm. Alle Prüfungen wurden auf zwei statt vier Monate gelegt. Viele von uns gingen unvorbereitet in diese Tests“, so Nenad.
Trotz der Belastungen erfahren die Studierenden auch Unterstützung. Zahlreiche Dozierende hätten sich von Beginn an mit der Bewegung solidarisiert, sagt Nenad. Einige nahmen an Vollversammlungen teil, beteiligten sich an Diskussionen oder unterstützten die Besetzungen mit Lebensmitteln und organisatorischer Hilfe. „Sie haben einen wichtigen Beitrag zur Bewegung geleistet“, sagt er. Für manche Lehrende hatte das auch Konsequenzen: Während der Blockaden erhielten Professorinnen und Professoren zeitweise keine Gehälter.
Nicht überall stößt das Engagement jedoch auf Zustimmung. Während seine Eltern ihn stets unterstützt hätten, erlebe er bei Teilen seiner Familie auch Skepsis. „Eine meiner Großmütter konsumiert täglich regierungsnahe Medien“, erzählt Nenad. Dadurch sei sie anfälliger für Falschinformationen geworden und glaube nicht daran, dass politische Veränderungen möglich seien. Wie stark die Proteste unterstützt würden, hänge oft davon ab, welche Medien die Menschen konsumierten.
Milan
© Privat
Nenad
© Privat
Die Forderungen haben sich erweitert
Wie die beiden Studierenden hat auch die Protestbewegung seit 2024 einen Wandel durchlaufen. Während anfangs noch klar die Aufklärung des Unglücks in Novi Sad im Fokus stand, haben sich die Forderungen der Regierungsgegner seitdem erweitert. Auf der Website der Studierendenverbindungen, die an den Blockaden beteiligt sind, finden sich sechs Punkte, darunter eine Strafverfolgung von Beamten, die Gewalt gegenüber Demonstranten einsetzten.
Für Milan steht mit Blick auf die Liste fest: „Alle Forderungen darauf sind wichtig. Aber besonders die Nummer eins ist zentral für uns.“ Bei dieser handelt es sich um die Offenlegung aller Unterlagen zur Rekonstruktion des Bahnhofs in Novi Sad – dem Ort, der die Flamme des Widerstands aus Sicht der Studierenden entfachte. Für Milan führen die Forderungen letztlich alle zu einer Frage: Wer trägt die Verantwortung? „Herauszufinden, wer verantwortlich für das Unglück dort ist, die Korruption aufzudecken und den Kopf der Schlange zu finden – darum geht es uns“, fordert Milan.
Trotz der anhaltenden Forderungen und Proteste verfügt Vucic weiterhin über hohe Zustimmungswerte in offiziellen Umfragen. Die Regierung verweist regelmäßig auf politische Stabilität. Für die Studierenden steht dies im Widerspruch zu ihrer Wahrnehmung des Landes, in dem sie Korruption, fehlende Aufarbeitung und eingeschränkte Medienvielfalt kritisieren.
Gleichzeitig deuten hypothetische Szenario-Umfragen darauf hin, dass eine mögliche gemeinsame Liste aus Studierenden und Teilen der Opposition erhebliches Mobilisierungspotenzial hätte. In einer vom Institut NSPM erhobenen Modellrechnung von Februar 2026 kommt ein solches Bündnis auf rund 41 Prozent, während der Regierungsblock um die Serbische Fortschrittspartei (SNS) bei etwa 35 Prozent liegt. Ob sich eine solche politische Formation tatsächlich realisieren ließe, ist derzeit jedoch offen.
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Die Silvesternacht 2024 bleibt in Erinnerung
Nenad und Milan haben neben den Protesten aber größere Ziele: Sie wollen mit ihren Kommilitonen an den Universitäten und den Regierungsgegnern eine Studierendenliste aus Experten aufstellen, um bei den nächsten Parlamentswahlen anzutreten. „Unsere Art zu kämpfen, hat sich verändert.“ Vulovic sieht die Bewegung als „ideologisch sehr heterogen“. Das sei aber kein Nachteil, sondern Teil ihrer Mobilisierungsfähigkeit. Nach den jüngsten Protesten müsse der Regierung klar sein, dass sie es mit einem ernst zu nehmenden politischen Faktor zu tun habe, dessen Unterstützung nicht einfach verschwinde wie bei früheren Protestbewegungen, so die Expertin.
Für Milan haben die Proteste nicht nur seinen Blick auf die Politik verändert. Vor allem hätten sie ihm gezeigt, wie viele Menschen bereit seien, sich für Veränderungen einzusetzen. „Ich habe viele großartige Leute kennengelernt“, sagt er. „Und ich habe gelernt, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die ganz anders denken als ich.“
Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm die Silvesternacht 2024. Während in Belgrad das Feuerwerk den Himmel erleuchtete, standen er und seine Freunde vor ihrer Fakultät. Statt zu feiern, gedachten sie der Opfer des Unglücks von Novi Sad mit 15 Minuten Schweigen. „Du hattest das Gefühl, das Richtige zu tun“, sagt Milan. Ob die Bewegung ihre Ziele erreichen wird, weiß er nicht. Aufgeben kommt für ihn trotzdem nicht infrage. „Ich würde lieber in meinen Zwanzigern kämpfen“, sagt er weiter, „und den Rest meines Lebens in einem besseren Land verbringen.“ Dann hält er kurz inne. Viele Menschen unterstützten die Studierenden inzwischen. „Ich habe das Gefühl, dass unsere Generation die Unterstützung vieler Generationen hinter und vor uns hat.“
Savas Savidis ist freier Journalist und Autor. Er studierte Politik- und Sozialwissenschaften in Augsburg, Wien und London. Seine Schwerpunkte sind Griechenland und Zypern sowie politik- und gesellschaftsbezogene Features und Reportagen. Seine Texte erschienen unter anderem in der Stuttgarter Zeitung und der Frankfurter Rundschau.
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