Bevor wir zur Sache kommen, eine Offenlegung, denn die gehört zu jedem ehrlichen Beitrag über künstliche Intelligenz: Die Ostdeutsche Medienholding arbeitet seit sechs Jahren systematisch mit KI.
Wir haben das nicht heimlich getan, nicht über Nacht, nicht im Graubereich. Jeden einzelnen Schritt – von der ersten automatisierten Verschlagwortung bis zur heutigen redaktionellen Nutzung großer Sprachmodelle – haben wir intern diskutiert, dokumentiert und in einer Policy verankert.
Diese Policy ruht auf klaren Grundsätzen, die sich in einem Satz zusammenfassen lassen: KI ist ein Instrument, der Mensch bleibt verantwortlich, und es gibt Grenzen, die nicht verhandelbar sind.
Es gibt Grenzen bei KI-Nutzung
Zu diesen Grenzen gehört alles, was Vertrauen zerstört: das Vorgaukeln von Erlebnissen, das künstliche Schüren von Emotionen, das Faken von Realitäten. Wer das beherzigt, kann KI mit Gewinn einsetzen. Wer es ignoriert, richtet Schaden an. So einfach und so anspruchsvoll ist die Sache.
Wir beginnen mit dieser Klarstellung, weil sich derzeit eine bequeme Lüge durch deutsche Feuilletons und Talkshows zieht: KI sei etwas grundsätzlich Neues, eine zivilisatorische Zäsur, vor der man besser einen Schritt zurücktrete. Das ist Unsinn, und zwar historisch widerlegbarer.
Wo KI im Einsatz ist – und von ihren Kritikern akzeptiert wird
Wer heute eine Mail in Gmail schreibt, eine Route in Google Maps abfragt, einen Spamfilter passieren lässt oder eine Netflix-Empfehlung anklickt, nutzt KI. Wer auf gängigen Plattformen übersetzt, die Autokorrektur seines Smartphones akzeptiert oder eine Google-Anfrage stellt, nutzt KI.
Die Frage ist längst nicht mehr, ob jemand im Internet KI verwendet, sondern ob man das Internet überhaupt noch nutzen kann, ohne mit ihr in Berührung zu kommen. Für die allermeisten lautet die Antwort: kaum.
Generative KI ist die konsequente Fortsetzung dieser Entwicklung, nur eben in einer Domäne, die wir bisher als exklusiv menschlich reklamiert haben, nämlich dem Schreiben. Genau das macht die Aufregung so groß. Und genau das macht sie historisch so durchschaubar.
Die Lehren aus der Geschichte der Technik
Lassen Sie uns einen Bogen schlagen, der weit erscheinen mag, aber die Gegenwart treffend spiegelt. Zwischen 1811 und 1816 zogen in England die Ludditen los und zerschlugen Webstühle. 1844 erhoben sich die schlesischen Weber gegen die Mechanisierung ihrer Existenz. Diese Menschen waren nicht dumm, sie reagierten auf reale Verwerfungen, auf reale Not. Aber sie konnten den technischen Wandel nicht aufhalten, sie konnten ihn nur verzögern, auf eigene Kosten.
In den Siebzigerjahren verboten Schulen den Taschenrechner, Pädagogen warnten vor geistiger Verflachung, und heute lacht darüber niemand mehr, weil niemand mehr ernsthaft zum Rechenschieber zurückmöchte. In den neunziger und Nullerjahren warnten Kulturkritiker, Suchmaschinen und GPS würden Gedächtnis und Orientierungssinn zerstören, Nicholas Carrs „The Shallows“ machte die Sorge populär, und heute nutzen Milliarden Menschen Google Maps, ohne dass jemand die Rückkehr der Faltkarte fordert.
Die Maschine wird sich durchsetzen – wie jede Technik
Das Muster wiederholt sich mit erstaunlicher Verlässlichkeit: Eine neue Technik übernimmt menschliche Aufgaben, ein Teil der Gesellschaft sieht Fortschritt, ein anderer ruft den Untergang aus, langfristig setzt sich die Technik durch, und die Gesellschaft akzeptiert den Tausch, weil der Nutzen den Verlust überwiegt. Bei KI stehen wir an genau jenem Punkt, an dem sich die Schlachtordnungen formieren – und an dem sich entscheidet, wer in zehn Jahren als kluger Pionier dasteht und wer als Maschinenstürmer der Spätmoderne.
Womit wir bei den jüngsten Skandalen wären. Gegen Mario Voigt, Ministerpräsident von Thüringen, steht der Vorwurf im Raum, mehrere Reden und Gastbeiträge mithilfe von KI verfasst haben zu lassen; eine Recherche des Portals „Frag den Staat“ hatte das nahegelegt. Die thüringische Staatskanzlei räumte ein, KI werde „unterstützend bei der Erstellung von Reden, Texten und Beiträgen eingesetzt“.
Auch Bundesdigitalminister Karsten Wildberger sieht sich ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt; sein Ministerium erklärte, er nutze KI „zur Unterstützung“.
Nicht nur der Tagesspiegel fremdelt mit der Zukunft
Beim Tagesspiegel wurde der langjährige Chefredakteur und Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff beurlaubt, weil er Kommentare mit KI verfasst haben soll. Die FAZ nahm Voigts Text offline, das Handelsblatt den Beitrag Wildbergers. All das ist nicht ohne Probleme.
Die FAZ hat ihre Linie klar formuliert: keine Originalbeiträge mit KI-generiertem Text, bei Gastbeiträgen verlasse man sich darauf, dass sie menschengemacht sind und Zitate stimmen. Das ist eine nachvollziehbare Hausregel. Und wenn in Voigts Text Wissenschaftlern Zitate in den Mund gelegt werden, die sich nicht verifizieren lassen, ist das ein handwerklicher Skandal – aber, wohlgemerkt, einer, der zuallererst den Nutzer betrifft, nicht das Werkzeug.
KI und die Einfalt der Debatte
Was uns umtreibt, ist die Einfalt der Debatte. Hendrik Wieduwilt schreibt in seiner Kolumne bei n-tv von „sich selbst verdummenden Mittelmaßmaschinen“, vom „servilen Schmeichelroboter“, von „frankensteinschen Text- und Bildmonstern“. Das ist hübsch formuliert, zugegeben, aber es ist auch genau jener kulturpessimistische Reflex, vor dem er sich, mit einem Augenzwinkern, im selben Text noch selbst warnt. Wieduwilt zitiert einen klugen Bundesbeamten mit dem Satz: „Wir sollten nicht wie unsere Eltern klingen.“ Recht hat der Beamte. Schade nur, dass die Kolumne diesem Ratschlag selbst nicht wirklich folgt.
Noch interessanter: Ausgerechnet Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, hat in der Welt einen pointierten Kommentar verfasst, in dem er die Aufregung um Voigt nicht versteht: Seit Jahrzehnten würden politische Texte von Ghostwritern, Referenten und PR-Beratern entworfen, ohne dass jemand nach „Autorenschaft“ gekräht habe, solange der Politiker am Ende seinen Namen daruntersetze.
Und am Ende des Textes der entwaffnende Hinweis: Der Kommentar sei zu hundert Prozent KI-generiert. Das ist die ehrlichste journalistische Geste der ganzen Debatte, denn sie zwingt den Leser, die eigentliche Frage zu stellen: Was genau stört uns hier? Stört uns die Technik – oder stört uns, dass wir den Unterschied nicht bemerken?
Die KI, der Holocaust und die Moral der Deutschen
Erlauben Sie uns an dieser Stelle eine Bemerkung, die manchen gegen den Strich gehen wird, die aber gesagt werden muss, weil sie einen der peinlichsten moralischen Knoten der aktuellen Debatte aufdröselt. Besonders empört reagierten Kommentatoren darauf, dass Voigt seine Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, KI-generiert halten ließ. Aiko Kempen sprach davon, hier werde „Gedenken entleert“, der Politikberater Johannes Hillje von „moralisch äußerst zweifelhaften künstlichen Gedenkworten“.
Wir verstehen das Unbehagen, wir teilen es in Teilen – und wir erlauben uns trotzdem, es vom Kopf auf die Füße zu stellen. Hinter den führenden KI-Unternehmen dieser Welt, hinter OpenAI, hinter Anthropic, hinter vielen anderen, stehen in entscheidenden Funktionen jüdische Gründer, Investoren und Forscher. Nachkommen jener Menschen also, an die Voigt erinnern wollte.
Ist es wirklich so absurd zu fragen, ob es nicht moralisch eher angemessener ist, Gedenkworte mit Hilfe von Modellen zu formulieren, die in Unternehmen entstanden sind, die von Nachkommen der Opfer maßgeblich geprägt wurden, als sie ausschließlich von Nachkommen der Täter formulieren zu lassen? Wir stellen die Frage rhetorisch, sie hat keine saubere Antwort, aber sie zeigt, wie schnell die moralische Selbstgewissheit der KI-Kritiker ins Wanken gerät, sobald man die Perspektive auch nur leicht verschiebt.
Es geht nicht um das Instrument, es geht um den Menschen, der steuert
Aber der entscheidende Punkt liegt nicht im Werkzeug, sondern im Umgang mit ihm. Es war nicht Voigts Fehler, KI genutzt zu haben. Voigts Fehler war, sich nicht die Mühe gemacht zu haben, den Text zu prüfen, zu durchdringen und mit eigenem Geist zu füllen. Hätte er das getan, hätten sich keine erfundenen Zitate in den Text geschlichen, die Debatte sähe anders aus.
Und um die Pointe zu vollenden, fragen wir, ganz im Geist der schlesischen Weber: Wieviele KI-Kritiker, die heute lautstark gegen die Maschine zu Felde ziehen, tragen eigentlich noch handgewebte Stoffe? Wer wäscht seine Wäsche im Bach, wer rechnet mit dem Rechenschieber, wer faltet die Straßenkarte auf der Motorhaube?
Unser Appell: Lernt, mit KI umzugehen!
Die wichtigste Lehre aus den Fällen Voigt, Wildberger und Casdorff lautet deshalb nicht „Lasst die Finger von KI“, sondern „Lernt, mit ihr umzugehen“. Professioneller Umgang mit einer neuen Technologie heißt, sie nicht zu dämonisieren, sondern ihre Stärken und Grenzen zu verstehen, klare Regeln zu definieren, wo sie eingesetzt wird und wo nicht, ihren Einsatz transparent zu machen – nicht aus Schamhaftigkeit, sondern aus Respekt vor dem Leser – und Fehler offen, angstfrei und ohne Schuldzuweisungen an die Maschine zu benennen.
Denn, und auch hier hat Wieduwilt recht, wenn auch unfreiwillig: Es ist nicht die KI, die Schwachsinn produziert, es sind die Menschen vor den Bildschirmen, die sie schlecht bedienen. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat in dieser Debatte einen klugen Satz formuliert: „Es gibt eine Verantwortung, wenn man KI nutzt.“ Genau so ist es. Verantwortung, nicht Verbot. Wer KI verwende, müsse Quellen und Texte prüfen – das ist exakt die Linie, auf der wir bei der OMH seit sechs Jahren arbeiten. Wir teilen diese Position, wir leben sie nur länger.
All die Kritiker, sie werden in Zukunft mit KI arbeiten
Erlauben Sie uns zum Schluss eine Prognose, die wenig Mut erfordert: Jedes der Häuser, das jetzt mit großer Geste Mitarbeiter beurlaubt, Beiträge löscht und sich in moralischer Empörung übt, wird in spätestens fünf Jahren KI selbstverständlich in seine Redaktionsabläufe integriert haben. Die FAZ, das Handelsblatt, der Tagesspiegel, die Welt – sie alle werden Werkzeuge professionell nutzen, denen sie heute noch mit größter Skepsis begegnen.
Das ist keine Schadenfreude, das ist historische Erfahrung. So lief es mit der Mechanisierung der Textilindustrie, so lief es mit dem Taschenrechner, so lief es mit Suchmaschinen und GPS. Der Unterschied wird sein: Diejenigen Häuser, die jetzt lernen – ehrlich, geduldig, transparent –, werden in fünf Jahren souverän mit der Technologie umgehen.
Sie werden wissen, wo KI hilft und wo sie schadet, sie werden klare Regeln haben, geübte Workflows, ein geschultes Personal. Und sie werden denjenigen verlässlichen Journalismus anbieten, dem das Publikum vertraut. Diejenigen, die jetzt Maschinenstürmer geben, werden in fünf Jahren hinterherlaufen. Sie werden dieselben Werkzeuge nutzen wie alle anderen, aber ohne die Reife, die nur aus jahrelanger Erfahrung erwächst.
Der Schaden der hysterischen Kritiker
Und damit wir uns nicht im Feuilleton verlieren, ein Blick auf die Bilanz, die dieses Klima längst produziert hat. Im Jahr 2024 entstanden in den USA vierzig bedeutende KI-Modelle, in China fünfzehn – in ganz Europa drei. Die privaten KI-Investitionen lagen in den Vereinigten Staaten bei 109,1 Milliarden US-Dollar, in Europa bei 19,4 Milliarden, in China bei 9,3 Milliarden; seit 2013 summieren sich die US-Investitionen auf über 470 Milliarden Dollar, die der EU auf rund 50.
An der Spitze des UN E-Government Survey stehen Dänemark, Estland, Singapur, Südkorea, Großbritannien und Finnland – Deutschland nicht. Estland, 1,4 Millionen Einwohner, betreibt seit Jahren digitale Bürgerdienste, von denen wir noch immer reden, statt sie zu nutzen. Bei den global relevanten Plattformen – Betriebssysteme, Cloud, Foundation Models, Suche – steht aus Deutschland und Europa schlicht kein Name auf der Tafel; die Ausnahmen heißen SAP, ASML, Siemens und liegen in industriellen Nischen.
Die Webstühle laufen, so wie die KI es auch tun wird
Man kann diese Lücke nicht allein den Redaktionen anlasten. Aber die publizistische Grundhaltung war über Jahre bemerkenswert asymmetrisch: Während im Silicon Valley und in Shenzhen über Skalierung und Führerschaft diskutiert wurde, dominierten hierzulande Datenschutz-, Kontroll- und Missbrauchsdebatten. USA und China fördern, investieren, skalieren. Deutschland debattiert, reguliert, verzögert. Das Ergebnis erleben die Bürger dort, sie erleiden es hier.
Die Ostdeutsche Medienholding hat sich vor sechs Jahren entschieden, zur ersten Gruppe zu gehören. Die Webstühle laufen längst. Die Frage ist nur, ob man sie bedient – oder ob man sie zerschlägt und sich hinterher wundert, dass die anderen die Stoffe verkaufen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]