Tiefpunkt

Spielbergs „Disclosure Day“: Sogar Jar Jar Binks war leichter zu ertragen

Zweieinhalb Stunden Verfolgungsjagd im Kreis, finanziert mit 115 Millionen Dollar. Und die Special Effects sind cringe. Ein Verriss.

5 Min
Emily Blunt spielt die Wetterfrau Margaret Fairchild, deren Live-Sendung in Kansas City von einer fremden Macht gekapert wird.

Emily Blunt spielt die Wetterfrau Margaret Fairchild, deren Live-Sendung in Kansas City von einer fremden Macht gekapert wird.

© IMAGO/Supplied by LMK

„Disclosure Day“ tritt mit einem Versprechen an, das kaum größer sein könnte. Die ganze Menschheit soll auf einen Schlag erfahren, dass es im Universum anderes Leben gibt, ungefiltert und für acht Milliarden Menschen zugleich. Steven Spielberg inszeniert diesen Augenblick als den Tag, an dem endlich alles ans Licht kommt.

Eingelöst wird das Versprechen mit einer Verfolgungsjagd, die der Film über zwei Stunden ein Dutzend Mal wiederholt.

Spielberg, 79, kehrt mit seinem fünften Alienfilm dorthin zurück, wo er einst groß wurde. Das Drehbuch stammt von seinem langjährigen Partner David Koepp, die Musik von John Williams, gedreht hat er auf echtem 35-Millimeter-Film, und 115 Millionen Dollar stecken in jeder Einstellung.

Worum es geht

Emily Blunt spielt die Wetterfrau Margaret Fairchild aus Kansas City, die mitten in einer Live-Sendung von einer fremden Macht überwältigt wird und auf einmal Dinge weiß, die niemand wissen soll. Josh O'Connor verkörpert Daniel Kellner, einen Cyber-Spezialisten, der die Fronten gewechselt hat und das Wissen um die Außerirdischen an die Öffentlichkeit tragen will.

Gegen die beiden steht der Konzern Wardex unter seinem Chef Noah Scanlon, gespielt von Colin Firth, der die Existenz der Aliens um jeden Preis verbergen möchte. Eine kleine Widerstandsgruppe träumt derweil von der vollständigen Aufklärung für die gesamte Welt.

Wardex-Chef Noah Scanlon (Colin Firth) zapft im Behandlungsstuhl die Macht des außerirdischen Artefakts an.

Wardex-Chef Noah Scanlon (Colin Firth) zapft im Behandlungsstuhl die Macht des außerirdischen Artefakts an.

© IMAGO/Supplied by LMK

Zwölfmal dieselbe Jagd

Den Motor liefern drei außerirdische Artefakte, hinter denen alle her sind. Wer eines besitzt, kann angeblich Wunder wirken, und genau diesen Objekten jagt der ganze Film hinterher.

Männer in schwarzen Anzügen verfolgen Margaret und Daniel, schwarze Limousinen heizen durch die Landschaft, die Verfolger kommen eine Sekunde zu spät oder tappen in eine Falle, und schon flüchten die Helden zum nächsten Schauplatz. Diese Bewegung treibt Spielberg über die gesamte Laufzeit immer wieder durch denselben Ablauf.

Einmal verlegt er die Jagd auf Bahngleise, wo der Wagen der Helden mitgeschleift wird, während die beiden auf einen fahrenden Waggon klettern. Diese Szene bleibt die einzige echte Variation, bevor die Schleife von vorn beginnt.

Ein Güterzug schleift den Wagen über die Gleise. Mehr Abwechslung gönnt der Film seiner Dauerverfolgung nicht.

Ein Güterzug schleift den Wagen über die Gleise. Mehr Abwechslung gönnt der Film seiner Dauerverfolgung nicht.

© IMAGO/Supplied by LMK

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Eine Jagd ohne Risiko

Spannung entsteht aus alldem zu keinem Moment, weil die Verfolger ihren Opfern niemals gefährlich werden. Wardex gebietet über eine Privatarmee und über außerirdische Technik und bringt es dennoch fertig, zwei sichtbar fliehende Menschen ein ums andere Mal entkommen zu lassen.

An einer Stelle duckt sich Daniel vor einer Gruppe bewaffneter Verfolger hinter einen niedrigen Gartenzaun, durch den ihn jeder sehen kann. Die Bewaffneten greifen nicht zu. Aus der Verfolgungsjagd wird so ein Laufband, auf dem die Figuren rennen, ohne je vom Fleck zu kommen.

Aliens als Bildschirmschoner

Bei der Herkunft der Außerirdischen bedient sich Spielberg ungeniert beim Roswell-Mythos. Grau und runzelig sind sie, mit schwarzen Mandelaugen. Seine Wesen tarnen sich als Tiere und holen sich die späteren Helden schon im Kindesalter, einmal in Gestalt eines Hirschs, der am Fußende eines Kinderbetts auftaucht.

Diese Tiere flimmern über die Leinwand wie ein Bildschirmschoner aus dem Jahr 2011. Dass ein Regisseur mit Spielbergs Mitteln solche Bilder durchwinkt, bleibt das größte Rätsel des Films.

Ein Außerirdischer in Hirschgestalt holt sich ein Kind. Das Fell-CGI lässt den Schreckmoment ins Komische kippen.

Ein Außerirdischer in Hirschgestalt holt sich ein Kind. Das Fell-CGI lässt den Schreckmoment ins Komische kippen.

© IMAGO/Supplied by LMK

Achtung, Spoiler: der Notausschalter

Noah Scanlon setzt sein Leben aufs Spiel, um mithilfe eines Artefakts die beiden Helden aufzuspüren und zu töten. Firth gibt ihm die einzige Kontur, die in diesem Film über bloße Funktion hinausreicht, einen Mann, der felsenfest an die Richtigkeit seines Tuns glaubt.

Dann beschwört Margaret per Artefakt das Bild seiner Mutter herauf, und der Anblick lähmt ihn auf der Stelle. Zwei Stunden aufgetürmte Bedrohung lösen sich in einer einzigen rührseligen Geste auf, mit der das Drehbuch vor seiner eigenen Geschichte kapituliert.

Spielbergs geschwärzte Akte

Der Film fordert lautstark die volle Aufklärung für acht Milliarden Menschen und bleibt jede Auskunft über sich selbst schuldig. Wie die drei Artefakte funktionieren und warum ausgerechnet Scanlon sie bedienen kann, obwohl ihn nichts dazu auserwählt, beantwortet das Drehbuch an keiner Stelle.

Damit trifft „Disclosure Day“ den Nerv einer Gegenwart, die das Versprechen der großen Enthüllung zum Dauerzustand erhoben hat. Seit Jahren kursiert die Forderung, endlich die Epstein-Akten offenzulegen und den Sumpf in Washington trockenzulegen, und jedes Mal mündet die angekündigte Wahrheit in einer geschwärzten Seite.

Spielberg hat dieses Ritual verfilmt. Er hält dem Publikum eine prall gefüllte Akte hin und schlägt sie kein einziges Mal auf.

Schechter als Jar Jar Binks

Emily Blunt hält ihre Rolle mit Haltung zusammen, während das übrige Ensemble vor allem als Beiwerk durch die Bilder eilt. John Williams unterlegt das Ganze mit großer Musik, die einem Film gilt, der ihre Wucht an keiner Stelle einlöst.

„Disclosure Day“ steht auf Platz eins der Kinocharts. Ein Film, der die größte Enthüllung der Menschheitsgeschichte verspricht, wiederholt zwei Stunden lang dieselbe Verfolgungsjagd und behält am Ende sogar seine eigenen Geheimnisse für sich. Soviel zu den Kinocharts.

Spielberg trägt seit Jahrzehnten den Ruf des Großmeisters, den sein Werk jenseits von „E.T.“, „Indiana Jones“ und „Der weiße Hai“ kaum verdient. Mit „Disclosure Day“ hat er seinen schlechtesten Film abgeliefert.

Wer volle zweieinhalb Stunden im Kino absitzt und am Ende von einer herbeibeschworenen Mutter erlöst wird, sehnt sich tatsächlich nach Jar Jar Binks zurück, der sich seinerzeit leichter ertragen ließ als dieser Film.

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