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Eigentlich wollte ich mich nur auf diesen viel gepriesenen Berliner Vibe einlassen. Ein paar Tage raus aus der tiefsten Provinz und rein in die hippe Metropole. Mit einem überteuerten Flat White in der Hand flanierte ich durch Prenzlauer Berg. Alles schien seltsam friedlich zu sein, fast schon idyllisch. Doch dann stolperte ich beinahe über eine aufgeweichte Bananenkiste mitten auf dem Gehweg.
Auf einem windschiefen Pappschild stand – mit Edding geschrieben, aber bereits verblichen – ein magisches Mantra dieser Stadt: „Zu verschenken.“ Zunächst dachte ich wirklich an ein rührendes Zeugnis urbaner Solidarität. Bestimmt teilen diese weltoffenen Menschen hier einfach ihren Überfluss mit den weniger Begüterten. Was für eine herzerwärmende Geste, dachte mein naives Touristenhirn.
Die Schatzkiste der Barmherzigkeit
Neugierig wagte ich einen Blick in diese Schatzkiste der Barmherzigkeit. Mir schlug sofort ein Geruch entgegen, der an nasse Hunde und alte Kellerabteile erinnerte. Da lag eine einzelne, völlig ausgelatschte Sandale in Neongrün, direkt daneben eine vergilbte Tupperdose ohne Deckel, in der noch undefinierbare Krümel klebten. Ein zerkratztes Best-of-Album von David Hasselhoff rundete das groteske Stillleben ab. Wer zur Hölle verschenkt so etwas? In meinem Dorf nennt man das schlicht Sperrmüll. Hier in Berlin befördert man seinen Unrat offenbar einfach vor die Tür. Dann pinnt man ein nettes Schildchen daran und fühlt sich wie der Engel der Armen.
Plötzlich knarzte direkt hinter mir eine schwere Altbautür. Ein Typ Mitte dreißig schlappte in Birkenstocks auf den Bürgersteig hinaus. Er trug eine Mütze, obwohl es doch eigentlich warm war. Der Typ balancierte zielsicher eine völlig verrottete Salatschleuder heran. „Ist die überhaupt noch gut?“, rutschte es mir unüberlegt heraus. Er schaute mich an, als hätte ich gerade seine Lebensphilosophie bespuckt. „Ey, dit is Vintage-Upcycling, Meister!“, blaffte der Kerl mich sofort an.
Dann schnaubte er verächtlich durch seinen wild wuchernden Bart. „Dit is och ’n Bastlerstück mit Patina. Keule, wenn de keen Bock uff reparieren hast, lass et halt stehn.“
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Der Schmutz von drei Generationen
Ich war kurz davor, ihm einen Vortrag über illegale Müllentsorgung zu halten. Stattdessen rutschte mir heraus: „Ist das nicht ziemlich dreist, seinen Müll einfach anderen Leuten aufzuzwingen?“ Offenbar hatte ich damit den heiligen Kodex der Berliner Nachbarschaftshilfe schwer beleidigt. Er beugte sich bedrohlich vor und blaffte los. „Pass uff, Meister, ick schenk dir gleich mal ’n Freiflug in den Landwehrkanal.“ Einen kurzen Moment starrten wir uns schweigend an. Fassungslos sah ich zu, wie er arrogant zurück ins Haus schlenderte.
Patina nennt man in dieser Metropole also den klebrigen Schmutz von drei Generationen. Mir dämmerte allmählich die wahre, perfide Bedeutung dieses ganzen Rituals. Sperrmüllgebühren spart man sich hier schlicht durch ein zerfleddertes Stück Pappe. Gleichzeitig wäscht man sein Gewissen rein und posiert als edler Retter der Umwelt.
Völlig perplex stand ich vor dieser bizarren Szenerie. Diese unfassbare Mischung aus moralischer Überlegenheit und rotzfrecher Faulheit kann man sich gar nicht ausdenken. Nachdem ich meine Schockstarre überwunden hatte, musste ich tatsächlich lauthals lachen. So ein Erlebnis steht wirklich in keinem Reiseführer der Welt. Diese herrliche Anekdote vom urbanen Wahnsinn nehme ich allerdings gern als Souvenir mit.
Natürlich hätte ich die ranzige Salatschleuder liebend gern direkt vor Ort entsorgt. Dafür hätte ich das unhandliche Plastikungetüm jedoch mühsam in die richtige Wertstofftonne quetschen müssen. In den kleinen Straßenmülleimer darf so ein Trumm schließlich auf gar keinen Fall. Letztlich überließ ich die Küchenruine also großmütig der elitären Szene. So gerät das heilige Ritual der Berliner Weltrettung nicht ins Stocken.
Norbert Voigt, geboren in der Prignitz, entflieht der Gegenwart am liebsten als freier Autor historischer Romane und düsterer Science-Fiction-Dystopien. Weil ihm das moderne Jahrhundert offensichtlich zu laut ist, hat er sich mit seiner Frau und zwei Katzen in ein 2000-Seelen-Dorf gerettet. Angeblich findet er in dieser idyllischen Einöde die perfekte Ruhe, um völlig ungestört über längst vergangene und zukünftige Epochen zu sinnieren.
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