Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) stimmt nach den beiden schweren Erdbeben in Venezuela den Einsatz internationaler Such- und Rettungsteams mit den Behörden in Caracas ab. Das teilte UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher in einer offiziellen Erklärung mit, über die das venezolanische Nachrichtenportal El Pitazo am Donnerstag berichtete. Die Einheiten würden über die International Search and Rescue Advisory Group entsandt, einen UN-Verbund spezialisierter Rettungsteams.
Nach Angaben der amtierenden Präsidentin Delcy Rodríguez wurden bei den Erdstößen am Mittwochabend (Ortszeit) mindestens 164 Menschen getötet und 971 verletzt. Die Zahlen könnten weiter steigen, da die Rettungsarbeiten andauern.
Das Epizentrum des ersten Bebens lag nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS westlich der Ortschaft Morón an der Karibikküste, rund 168 Kilometer westlich von Caracas. Nur etwa eine Minute später meldete USGS ein noch stärkeres Erdbeben der Stärke 7,5. Die Erschütterungen waren noch im rund 1700 Kilometer entfernten brasilianischen Amazonasgebiet zu spüren, wie die Nachrichtenagentur AP berichtete.
Nach Angaben von OCHA sind allein im Küstenstaat La Guaira nördlich von Caracas mehr als 100 Gebäude eingestürzt. Die Region wurde zur Katastrophenzone erklärt und als Schwerpunkt für die internationalen Rettungskräfte ausgewiesen. Augenzeugen berichteten der Nachrichtenagentur AP, Nachbarn würden mit bloßen Händen nach Verschütteten graben. „Bitte helft mir, meine Tochter zu finden", sagte Arminda Gómez vor einem zerstörten Wohnhaus.
Spezialteams aus Europa unterwegs
Die Niederlande kündigten die Entsendung einer Such- und Rettungseinheit mit mindestens 60 Spezialisten an, darunter Feuerwehrleute, Polizisten, Ingenieure, Ärzte und Hundeführer. Der niederländische Justizminister David van Weel sagte laut dem kanarischen Sender RTVC, das Team könne in der Katastrophenzone „einen Unterschied machen".
Die Schweiz mobilisierte nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP ihre Rettungskette mit 80 Einsatzkräften, acht Rettungshunden und 18 Tonnen Ausrüstung. Papst Leo XIV. ließ über das päpstliche Almosenamt 100.000 Euro Soforthilfe überweisen.
Auch Deutschland bereitet Hilfe vor. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) erklärte über den WhatsApp-Kanal seines Ministeriums, die Bundeswehr könne kurzfristig bis zu sechs Transportflugzeuge vom Typ A400M bereitstellen, sobald Unterstützung angefordert werde. Die Maschinen könnten Personal oder Material des Technischen Hilfswerks (THW) nach Venezuela bringen oder Transportflüge innerhalb des Landes ermöglichen.
Sammelstellen in neun Bundesstaaten
Eine vom Welternährungsprogramm (WFP) geführte Arbeitsgruppe ermittelt mit Hilfsorganisationen den vordringlichsten Bedarf. Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC) erklärte, das Venezolanische Rote Kreuz sei im Einsatz, obwohl auch sein Hauptquartier schwer beschädigt sei. Viele Freiwillige seien in ihren eigenen Vierteln im Einsatz.
Parallel haben politische Organisationen, Universitäten und Freiwilligengruppen nach Angaben von El Pitazo in mindestens neun Bundesstaaten Sammelstellen für Wasser, haltbare Lebensmittel, Medikamente und Kleidung eingerichtet. In Mérida dient die regionale Ärztekammer als Sammelstelle, in Falcón der Sitz des Nationalen Journalistenverbands. Mehrere Schulgebäude dienen als Notunterkünfte.
Die kanarische Regionalregierung aktivierte laut RTVC eine Arbeitsgruppe, um den rund 55.000 in Venezuela lebenden Kanariern zu helfen. Regierungssprecher Alfonso Cabello sprach von einem „hohen Maß an Angst und Sorge". Die UN-Menschenrechtsmission rief die Regierung in Caracas zudem auf, lokale Beschränkungen sozialer Medien aufzuheben, damit Betroffene rascher an Informationen gelangen könnten, wie AP berichtete.
Bislang keine deutschen Opfer bekannt
Den deutschen Behörden liegen bislang keine Hinweise auf deutsche Opfer vor. Die Lage sei jedoch „noch unübersichtlich“, hieß es am Donnerstagabend aus Regierungskreisen in Berlin. „Wir prüfen noch die Lage.“
In der Krisenvorsorgeliste des Auswärtigen Amts sei für Venezuela eine niedrige dreistellige Zahl von Deutschen eingetragen, hieß es aus den Regierungskreisen weiter. In die Liste können sich deutsche Staatsangehörige eintragen, die sich längerfristig im Ausland aufhalten, um im Krisenfall schneller erreichbar zu sein.
„Bisher gibt es keine Anfragen zu Konsularhilfe“, hieß es aus den Berliner Regierungskreisen. Vom Personal der deutschen Botschaft in der venezolanischen Hauptstadt Caracas seien alle wohlauf.
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