Ein neuer Korruptionsskandal erschüttert das russische Verteidigungsministerium. Nach Angaben russischer Ermittlungsbehörden geht es um einen Liefervertrag im Wert von rund 700 Millionen Rubel (etwa 7,6 Millionen Euro) für als „Premium“ deklarierte Fleischkonserven. Diese sollen jedoch kaum Fleisch enthalten haben. Den Berichten russischer Medien zufolge wiesen Untersuchungen stattdessen unter anderem gemahlene Tierhaut, Knorpel, Stärke und Carrageen – ein in der Lebensmittelindustrie verbreitetes Verdickungsmittel – nach.
Über den Fall berichteten mehrere russische Medien. Auch die englischsprachige Publikation Russian Life griff die Vorwürfe unter Berufung auf die Ermittlungen auf.
Der Liefervertrag umfasste den Ermittlungen zufolge rund 170 Tonnen Konserven für russische Soldaten. Die Produkte seien als Fleischkonserven erster Kategorie und hochwertige Verpflegung für die Truppe vermarktet worden, hätten die vereinbarte Qualität aber nicht erfüllt.
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Ermittlungen gegen Oberst im Verteidigungsministerium
Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht Oberst Wiktor Tarasewitsch, Leiter der Lebensmittelversorgung im russischen Verteidigungsministerium. Ihm werfen die Ermittler gemeinsam mit mehreren weiteren Verdächtigen Betrug bei der Vergabe und Abwicklung von Lieferverträgen vor. Russische Medien berichten, Tarasewitsch befinde sich inzwischen in Untersuchungshaft.
Nach Darstellung der Ermittler sollen die Verantwortlichen mithilfe gefälschter Qualitätsnachweise minderwertige Ware als hochwertige Militärverpflegung geliefert haben. Die Konserven stammten demnach aus einer Fabrik in Seljatino bei Moskau. Dort seien bei Kontrollen neben Tierhaut und Knorpel auch Fleischreste, Innereien sowie große Mengen Stärke und weitere Zusatzstoffe festgestellt worden. Die Staatsanwaltschaft geht nach Medienberichten davon aus, dass die Produkte den Nährstoffbedarf von Soldaten im Kampfeinsatz nicht ausreichend decken konnten.
Frontkommandeure brachten den Fall ins Rollen
Besonders bemerkenswert ist nach Berichten russischer und internationaler Medien, wer den Fall überhaupt ins Rollen brachte: Nicht Soldaten oder Blogger, sondern Kommandeure von Fronteinheiten sollen die mangelhafte Qualität der Verpflegung den Ermittlungsbehörden gemeldet haben. Beobachter werten dies als ungewöhnlichen Vorgang, da Kritik an der Versorgung der Truppe innerhalb der russischen Streitkräfte bislang nur selten offiziell geäußert wurde.
Die betroffenen Konserven seien daraufhin aus den Lieferungen für die Front entfernt worden.
Korruptionsserie im russischen Verteidigungsministerium
Der Fall reiht sich in eine Serie von Korruptionsaffären im russischen Verteidigungsministerium ein. Seit 2024 wurden mehrere hochrangige Militär- und Beschaffungsbeamte festgenommen oder verurteilt. Besonders bekannt wurde der frühere Vizeverteidigungsminister Dmitri Bulgakow, der wegen Unregelmäßigkeiten bei der Versorgung der Streitkräfte zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Auch gegen weitere Verantwortliche für Beschaffung und Logistik laufen Ermittlungen.
Der neue Fall wirft erneut Fragen zur Versorgung russischer Soldaten auf. Bereits seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine berichten russische Militärblogger und Soldaten immer wieder über Probleme bei Verpflegung, Ausrüstung und Logistik. Der aktuelle Korruptionsverdacht legt nahe, dass trotz zahlreicher Ermittlungen weiterhin erhebliche Mängel bei der Kontrolle milliardenschwerer Lieferverträge bestehen.
Schon zuvor Berichte über Hunger und Kannibalismus
Bereits zuvor hatten Berichte über die Versorgung russischer Soldaten für Schlagzeilen gesorgt. Im April veröffentlichte die britische Sunday Times unter Berufung auf den ukrainischen Militärgeheimdienst Vorwürfe, wonach es in einzelnen russischen Einheiten infolge extremer Notlagen sogar zu mutmaßlichen Fällen von Kannibalismus gekommen sein soll. Die Angaben stützten sich auf abgefangene Gespräche und Bildmaterial, konnten jedoch nicht unabhängig bestätigt werden. Unabhängig davon hatten russische Militärblogger und Soldaten wiederholt über unzureichende Verpflegung, minderwertige Lebensmittel und Probleme bei der Versorgung an der Front berichtet.
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