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Zwischen Kultur und Moral: Wem gehört die Heimat?

Der Streit um den Heimatbegriff zeigt den Konflikt zwischen kultureller Zugehörigkeit und einem normativen Verständnis von Vielfalt und Offenheit.

Ulrich Werner Grimm
8 Min
Lastschiff mit der nostalgischen Aufschrift „Heimatland“ auf dem Rummelsburger See in Berlin-Köpenick

Lastschiff mit der nostalgischen Aufschrift „Heimatland“ auf dem Rummelsburger See in Berlin-Köpenick

© Ipon/Imago

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Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!
... Bald wird es schnei’n –
Weh dem, der keine Heimat hat!

Friedrich Nietzsche, „Abschied“

Die Initiative „Kultur ist Vielfalt und Heimat“ in Sachsen-Anhalt umfasst ein breites Bündnis von derzeit 140 Einzelpersonen und Kulturinstitutionen von A wie Arbeitskreis Innenstadt AKI bis Z wie Zora Soziokulturelles Zentrum. In ihrem „Statement Kultur in Sachsen-Anhalt“ heißt es: „Rechtspopulistische Kräfte greifen die Freiheit der Kunst gezielt an, schüren Verunsicherung und arbeiten an einer rückwärtsgewandten Kultur der Ab- und Ausgrenzung. Demokratische Werte werden infrage gestellt, kulturelle Arbeit delegitimiert und Einfluss auf Inhalte und Programme genommen.“

Im Vorfeld der kommenden Landtagswahl, bei der die AfD haushoher Wahlsieger werden könnte, richtet sich die Initiative gegen die kulturpolitischen Absichten der AfD Sachsen-Anhalt, wie sie jüngst in dem Antrag der Partei „Bekenntnis zu Staat, Demokratie und deutscher Kultur als Voraussetzung staatlicher Kulturförderung“ im Landesparlament deutlich wurden. Der am 25. Juni von der Parlamentsmehrheit abgelehnte Antrag sah vor, die Landesförderung von Kultureinrichtungen und -projekten von deren offiziellem Bekenntnis zur Bundesrepublik und zur „deutschen Nationalkultur“ abhängig zu machen.

Das Statement der Initiative „Kultur ist Vielfalt und Heimat“ beginnt mit einem Bekenntnis: „Heimat ist dort, wo Verschiedenheit gelebt und dem Anderen und Fremden mit Respekt begegnet wird. Heimat ist dort, wo Kulturen als gleichwertig anerkannt werden und wir uns auf Augenhöhe begegnen.“

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Pionierlied wird für fragwürdige Zwecke missbraucht

Heimat – sie ist wieder in Mode, ob rechts, ob links, selbst in der liberalen Mitte. Das war lange Zeit nicht so. Sie galt als rechtsgebogen, nicht salonfähig, indiskutabel reaktionär (Stichwort: „Heimatfilm“), wurde gemieden und beschwiegen. Aber sie war nie weg, lebte fort in Traditionen und Gebräuchen, Mundarten und Erinnerungen, war konserviert in Heimat-Museen. Und nun, nachdem man allerorten Heimat als Bedürfnis und Bedarf erkannt zu haben scheint, streitet man sich munter über Deutungen und Besitzansprüche. So wird das berührende Pionierlied „Heimat“, das ab 1951 zum Volkslied in der DDR wurde und das nun überhaupt nichts Deutschtümelndes an und in sich hat, für fragwürdige Zwecke missbraucht.

Die Aussage, Heimat sei dort, „wo Verschiedenheit gelebt und dem Anderen und Fremden mit Respekt begegnet wird“, gehört zu einem Typus von Heimatdefinitionen, der in politischen, kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Diskursen seit mehreren Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung gewann. Heimat wird darin nicht mehr primär als gewachsene kulturelle Lebenswelt verstanden, sondern als moralisch normierte Form des Zusammenlebens. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr „Was verbindet die Mitglieder einer Gemeinschaft historisch, kulturell und biografisch?“, sondern „Wie sollen Menschen einander begegnen?“.

Es geht um einen grundlegenden Wandel im Verständnis von „Heimat“. Der Begriff entfernte sich von seinen lebensweltlichen Wurzeln und näherte sich einem normativen Gesellschaftsideal an, mit durchaus erwünschten Werten wie Respekt, Gleichberechtigung und Anerkennung. Die Frage ist aber nicht, ob diese Werte im Kontext des Heimatbegriffs wünschenswert sind, sondern ob sie bereits Heimat konstituieren oder lediglich Bedingungen eines gerechten Zusammenlebens beschreiben.

Heimat als lebensweltliche Erfahrung

Historisch betrachtet bezeichnete „Heimat“ zunächst keinen moralischen Zustand, sondern einen Erfahrungszusammenhang. Heimat war der Raum des Vertrauten mit Sprache, Landschaft, Erinnerungen, sozialen Beziehungen und kulturellen Selbstverständlichkeiten, zum Beispiel regionalen Traditionen, in die ein Mensch hineingeboren wurde oder in denen er dauerhaft lebte.

So verstand der Kulturphilosoph Johann Gottfried Herder Menschen als in konkrete kulturelle Lebenswelten eingebettete Wesen. Sprache, Tradition und Geschichte bilden nach seiner Auffassung keine äußerlichen Attribute, sondern prägen die Wahrnehmung der Welt selbst. Heimat erscheint hier nicht als politisches Projekt, sondern als historisch gewachsene Lebensform.

Ähnlich betont die phänomenologische Philosophie die Vorrangigkeit des Erlebens. Vorbehaltlich seiner politischen Biografie im NS-Staat sei hier Martin Heidegger erwähnt. Er beschreibt menschliches Dasein als ein „In-der-Welt-Sein“, das nicht zunächst abstrakt und universal, sondern immer schon konkret situiert ist. Zugehörigkeit wird zunächst erfahren und nicht rational konstruiert.

Soziologisch lässt sich Heimat als ein Ensemble von Selbstverständlichkeiten beschreiben. Der Soziologe Alfred Schütz spricht von der „Lebenswelt“ als jenem Bereich alltäglicher Gewissheiten, in dem Menschen handeln, ohne ständig über die Grundlagen ihres Handelns reflektieren zu müssen. Heimat ist in diesem Sinne Erfahrung einer sozialen und kulturellen Umwelt, die nicht erklärt werden muss, weil sie jeder bereits versteht.

Gerade deshalb besitzt Heimat eine starke emotionale Dimension. Sie ist nicht primär das Ergebnis Vernunft geleiteter Zustimmung, sondern von Vertrautheit. Menschen empfinden Heimat häufig dort, wo sie kulturelle Codes intuitiv beherrschen, Erinnerungen teilen und sich in symbolischen Ordnungen wiedererkennen.

So stellte man sich im Film die Heimat vor: „Försterliesel“ aus dem Jahr 1956, Regie: Herbert B. Fredersdorf, Hauptdarstellerin: Anita Gutwell

So stellte man sich im Film die Heimat vor: „Försterliesel“ aus dem Jahr 1956, Regie: Herbert B. Fredersdorf, Hauptdarstellerin: Anita Gutwell

© United Archives/Imago

Die normativ-moralische Umdeutung

Demgegenüber steht ein heutiges Heimatverständnis, das seine Legitimation aus universalistischen Moralvorstellungen gewinnt. Heimat wird nun nicht mehr durch kulturelle Vertrautheit definiert, sondern durch die Qualität sozialer Beziehungen. In dieser Perspektive gilt als „Heimat“, wo Menschen einander respektieren, Vielfalt anerkennen und gleiche Rechte garantieren. Die moralische Aufmerksamkeit richtet sich dabei insbesondere auf den Fremden, den Minderheitenangehörigen oder den Neuankömmling. Die Frage nach dem Eigenen tritt gegenüber der Frage nach dem Umgang mit dem Anderen zurück.

Diese Verschiebung kommt aus einer langen Tradition aufklärerischen Denkens. So steht im Zentrum der Moralphilosophie Immanuel Kants nicht die Zugehörigkeit zu einer konkreten Gemeinschaft, sondern die universale Würde vernünftiger Personen. Politische Legitimität entsteht aus Prinzipien, die für alle Menschen gleichermaßen gelten sollen.

Im 20. Jahrhundert wurde diese universalistische Perspektive durch Erfahrungen mit Nationalismus, Rassismus, Faschismus und Kommunismus zusätzlich gestärkt. Philosophische Ansätze wie die Diskursethik von Jürgen Habermas oder die Gerechtigkeitstheorie von John Rawls suchen die Grundlagen politischer Ordnung nicht in gemeinsamer Herkunft, sondern in universalisierbaren Normen.

Diese Verschiebung im Heimatverständnis hat jedoch ihren Preis. Heimat wird zunehmend mit Moral identifiziert. Die Frage „Wie sollen wir zusammenleben?“ ersetzt die Frage „Was verbindet uns?“.

Die Asymmetrie des modernen Heimatdiskurses

Die Perspektiven, aus denen zeitgenössische Heimatdefinitionen formuliert werden, betrachten die Gemeinschaft nicht aus der Sicht ihrer kulturellen Selbstbeschreibung, sondern aus der Sicht des Fremden. Wenn Heimat dort sein soll, wo „dem Anderen und Fremden mit Respekt begegnet wird“, dann wird die moralische Qualität einer Gesellschaft an ihrem Umgang mit Nichtzugehörigen gemessen. Der Fremde wird zum normativen Bezugspunkt gesellschaftlicher Selbstverständigung.

So nachvollziehbar diese ethische Orientierung ist, so deutlich verändert sie den Begriff der Heimat. Heimat wird nicht mehr vom Standpunkt der Zugehörigkeit, sondern vom Standpunkt der Anerkennung beschrieben. Das Eigene erscheint nun vor allem als etwas, das sich gegenüber dem Fremden rechtfertigen muss.

Darin äußert sich eine problematische Asymmetrie. Die kulturellen Bindungen, historischen Erfahrungen und symbolischen Ressourcen einer Gemeinschaft treten dadurch in den Hintergrund. Die Frage nach dem Schutz des Fremden verdrängt die Frage nach der Kontinuität des Eigenen.

Zwischen Kultur und Moral

Die eigentliche, nicht allein philosophische Schwierigkeit besteht darin, dass Heimat zwei unterschiedliche Dimensionen miteinander verbindet, eine kulturelle und eine normative. Einerseits benötigen menschliche Gemeinschaften kulturelle Gemeinsamkeiten. Sprache, Erinnerungen, Rituale und gemeinsame Narrative erzeugen sozialen Zusammenhalt. Denn Menschen benötigen kulturelle Bezugspunkte, um sich selbst verstehen zu können. Andererseits können kulturelle Gemeinsamkeiten allein keine politische Legitimität begründen. Demokratische Gesellschaften benötigen universale Normen wie Gleichheit vor dem Gesetz, Menschenwürde und individuelle Freiheitsrechte. Die Alternative lautet daher nicht Kultur oder Moral.

Problematisch wird es erst dann, wenn das eine das andere vollständig ersetzen soll. Ein rein kultureller Heimatbegriff kann in Exklusion, in Ausschließung der Anderen und Fremden, umschlagen. Ein rein normativer Heimatbegriff droht dagegen, die emotionalen und historischen Voraussetzungen von Zugehörigkeit zu ignorieren.

In einer vermittelnden Perspektive (Resonanztheorie von Hartmut Rosa) resultiert Heimat weder allein aus kultureller Kontinuität noch allein aus normativen Prinzipien. Heimat entsteht dort, wo Menschen stabile, emotional fundierte Beziehungen zu Orten, Menschen, Erinnerungen und Institutionen entwickeln können. Normative Prinzipien wie Respekt und Gleichberechtigung schaffen hierfür notwendige Voraussetzungen. Sie erzeugen jedoch noch nicht selbst die Resonanz, aus der Heimatgefühle erwachsen.

Die Definition von Heimat im Statement der Initiative „Kultur ist Vielfalt und Heimat“ – sie sei dort, wo Vielfalt gelebt und dem Fremden mit Respekt begegnet werde – beschreibt wohl weniger Heimat als vielmehr eine normative Vision gelingenden Zusammenlebens. Sie verteidigt vor allem universale Menschenwürde und politische Gleichheit, erfasst aber nur unzureichend den lebensweltlichen Gehalt des Heimatbegriffs. Denn Heimat entsteht im Denken und Fühlen nicht allein durch Moral. Sie entsteht ebenso wenig allein durch Herkunft. Heimat steht im Spannungsfeld von kultureller Vertrautheit und normativer Legitimität. Der Heimatbegriff einer pluralen Gesellschaft muss beide Dimensionen zusammendenken: das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ebenso wie die Verpflichtung zur Anerkennung des Anderen.

Ulrich Werner Grimm, geboren 1954 in Gera, wuchs in Mühlhausen und Dresden auf und lebt seit 1959 in Berlin. Erlernter Beruf Werbekaufmann, Abitur an der VHS, Philosophiestudium an der Humboldt-Universität, seitdem tätig als Journalist, Redakteur, Lektor, Texter, Ghostwriter, Ausstellungsmacher, Autor Funk und TV, Forschungen und Publikationen zur Berliner Stadthistorie.

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