Lothar Matthäus hat als Spieler fünf Weltmeisterschaften erlebt, so schnell erschüttert den Mann nichts mehr. Jetzt aber schon.
„Ich kotze“, sagte der 65-Jährige der Bild, für die er bei dieser WM als Experte arbeitet. Es kotze ihn an, dass so etwas überhaupt möglich sei.
Gemeint ist der bislang größte Skandal des Turniers. US-Stürmer Folarin Balogun hatte im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina (2:0) die Rote Karte gesehen. Die Entscheidung war regelkonform, daran zweifelt niemand ernsthaft.
Für das Achtelfinale gegen Belgien war der 25-Jährige damit gesperrt. Eigentlich. Denn Medienberichten zufolge intervenierte die US-Regierung anschließend bei der FIFA – und der Weltverband setzte die Sperre tatsächlich aus, für ein Jahr auf Bewährung.
Trump bedankt sich öffentlich bei der FIFA
Donald Trump feierte die Entscheidung auf seiner Plattform Truth Social und dankte dem Verband dafür, eine aus seiner Sicht große Ungerechtigkeit korrigiert zu haben. Inzwischen hat der US-Präsident eingeräumt, FIFA-Chef Gianni Infantino persönlich um eine Überprüfung gebeten zu haben.
Für Matthäus ist damit eine Grenze überschritten. „Da geht es nicht mehr um Fußball, es geht um Manipulation“.
„Wie soll man das einem Kind erklären?“
Der Weltmeister von 1990 lässt an der Entscheidung kein gutes Haar: „An der Roten Karte für Balogun gibt es überhaupt keinen Zweifel. Und jetzt soll der plötzlich doch spielen dürfen? Wie soll man das einem Kind erklären?“ Andere Spieler seien bei diesem Turnier nach vergleichbaren Fouls gesperrt geblieben, nur Balogun nicht.
Die FIFA habe ihre eigenen Regeln gebrochen und lasse zu, dass ihre Autonomie untergraben werde. „Wenn Einfluss von politischer Seite möglich ist, kannst du den Fußball, den Sport, in die Tonne treten", warnt Matthäus. „Das wäre ein Game-Changer, der öffnet Tür und Tor. Was kommt als Nächstes?"
Auch für Trump hat der Weltmeister von 1990 eine Spitze übrig: Ob der Präsident in der Politik alles richtig mache, wolle er nicht beurteilen. Vom Fußball jedenfalls habe er nach dieser Aktion keine Ahnung.
Matthäus boykottiert das Spiel – und verpasst die Pointe
Der Rekordnationalspieler zog Konsequenzen: Das Achtelfinale werde er nicht anschauen, kündigte er an. Balogun habe keinerlei Recht, auf dem Platz zu stehen.
Ein freiwilliger Verzicht des Stürmers wäre heldenhaft, sei aber ebenso unrealistisch wie eine Nichtnominierung durch Trainer Mauricio Pochettino. Der könne dann gleich die Koffer packen.
Eine Beschwerde des belgischen Verbands gegen die Bewährungslösung hatte die FIFA zuvor für unzulässig erklärt. Belgien blieb damit nur ein Weg: die Antwort auf dem Rasen.
Sie fiel deutlich aus. In der Nacht zu Dienstag warfen die Belgier den Gastgeber mit 4:1 aus dem Turnier, Balogun stand dabei in der Startelf.
„Das ist dann nicht mehr mein Fußball, den ich 60 Jahre geliebt habe“, hatte Matthäus vor dem Anpfiff gesagt. Dieses eine Mal hätte er sich das Ergebnis vermutlich doch gern angesehen. Denn gegen ein 1:4 hilft auch kein Anruf im FIFA-Hauptquartier.
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